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N’Golo Kanté : Der französische Star für Kenner

„Mit ihm ist Fußball viel einfacher“: N’Golo Kanté begeistert auch die eigenen Mitspieler Bild: AP

Mbappé ist der Star für Schwärmer. Kanté fällt dagegen im Fernsehen nicht besonders auf. Erst das Gesamtbild zeigt, wie effizient er Angriffe des Gegners versanden lässt.

          Vor einer Woche schwärmte alle Welt von Kylian Mbappé, dem jungen Himmelsstürmer, der beim 4:3 gegen Argentinien zwei Tore erzielt und einen Elfmeter erzwungen hatte. „L’Equipe“, die große französische Sportzeitung, stellte einen anderen heraus. „Frankreich liebt diesen kleinen Mann“, schrieb sie über einen Spieler, der im Alter von Mbappé, für den sich Paris St-Germain vor einem Jahr ein Kaufrecht für 180 Millionen Euro sicherte, noch nicht ganz so weit oben spielte. Sondern in der neunten französischen Liga.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Mbappé ist in der „Equipe Tricolore“ der Star für Schwärmer, N’Golo Kanté der Star für Kenner. Arsène Wenger, der ewige Arsenal-Trainer a.D., nannte ihn zu Beginn des Turniers „einen der einflussreichsten Mittelfeldspieler, die ich je habe Fußball spielen sehen“. Kanté treffe „ständig simple Entscheidungen und macht das Spiel nie zu kompliziert“. Eine andere Trainerlegende, Alex Ferguson, sah in Kanté schon 2016, nach dem ersten Jahr in England und dem Meistertitel mit Leicester, „den mit großem Abstand besten Spieler der Premier League“.

          Dabei gehörte Kanté nie zu den vielen Jungstars, die Frankreichs Talentschulen seit Jahrzehnten produzieren. Erst mit 23 gab er sein Erstligadebüt, beim französischen Aufsteiger SM Caen. Nicht mal vier Jahre später – in denen er Meister mit Leicester und Chelsea, Pokalsieger mit Chelsea und „Fußballer des Jahres“ in Frankreich und England wurde –, ist er „der Beste der Welt auf seiner Position“.

          Der das sagt, Eden Hazard, weiß, wovon er spricht: „Ich spiele ja das ganze Jahr über mit Kanté.“ Nur nicht an diesem Dienstag (20.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und in der ARD), weil die beiden da gegeneinander spielen werden. Im WM-Halbfinale wird es die Aufgabe des Franzosen sein, den Klubkollegen vom FC Chelsea, mit zwei Toren und zwei Torvorlagen einer der überragenden Angreifer des Turniers, an die Leine zu nehmen wie zuvor Messi. „Wenn er in Bestform ist, hast du eine 95-prozentige Chance, das Spiel zu gewinnen“, sagt Hazard über Kanté. Beziehungsweise, aus belgischer Sicht in diesem Fall: nur eine fünfprozentige.

          Fussball-WM 2018

          Hazard und Kanté gelten diesen Sommer als Kandidaten für einen Transfer der Hundert-Millionen-Preisklasse, vielleicht wieder mit identischem Ziel. Der Belgier steht seit langem im Fokus von Real Madrid. Dort soll man, laut spanischen Medienberichten einem Wunsch des neuen Trainers Julen Lopetegui entsprechend, nun auch für den Franzosen bieten – der zudem von Paris St-Germain umworben wird.

          Kanté ist einer, wie ihn Trainer und Mitspieler lieben. Er macht allen das Leben leichter. Den Verteidigern hält er Stress vom Hals, den Angreifern gibt er ihr Spielzeug. Dabei ist er kein Star, keiner für die Kameras. Auf dem Bildschirm kommen seine Aktionen meist nicht besonders zur Geltung. Wenn das Bild ihn erfasst, sieht das, was er tut, wie er den Gegner abläuft oder ihm einfach zuvorkommt, wie er Pässe abfängt oder herrenlose Bälle einsammelt und dann mit einem klaren Zuspiel weiterleitet, simpel aus. Erst im Gesamtbild von der Tribüne lässt sich ermessen, welche Präsenz und Effizienz dieser kleine Kerl in der Mitte des Spielfeldes entwickelt. Wenn gegnerische Attacken irgendwo versanden, mag das wie mangelnde Präzision oder Phantasie der Angreifer erscheinen. Aber oft ist es einfach die große Kunst des kleinen Kanté, die ihnen alle Möglichkeiten geraubt hat.

          Dabei ist er eigentlich kein Ballräuber, sondern ein Balldieb. Er nimmt Gegnern den Ball manchmal so geschickt ab, dass die ihn erst bemerken, wenn es zu spät ist. Dank des gewaltigen Laufpensums, mit dem er unablässig durchs Mittelfeld kreuzt, und der Vision und Antizipation, mit denen er das Spiel liest, die Lauf- und Passwege voraussieht, ist er ein Experte im Stören und Zerstören gegnerischen Angriffsspiels. 52 Ballgewinne verzeichnet er nach fünf WM-Spielen, also 52 verhinderte Attacken – die Bilanz eines begnadeten Eroberers.

          Nur 1,68 Meter groß, bildet Kanté ein eigenartiges, aber gut harmonierendes Duo mit dem 1,91 Meter großen Paul Pogba, der dem kleinen Kollegen nach dem Sieg über Argentinien eine anatomische Besonderheit attestierte: Kanté habe „15 Lungen“. In Leicester feierte man den Publikumsliebling wegen der Reichweite, mit der er Gegner jagt und Bälle holt, auf einem populären T-Shirt: „Zwei Drittel der Erde werden von Wasser abgedeckt, das übrige Drittel von N’Golo Kanté.“

          Weiß immer, was er zu tun hat: N’Golo Kanté ist einer der Spieler des Turniers.

          Kurz nach seinem Debüt im Nationalteam wurde Kanté für die EM 2016 im eigenen Land nominiert, von Trainer Didier Deschamps dann aber vor dem Finale gegen Portugal einem Systemwechsel geopfert. Frankreich verlor, und inzwischen gilt er als unersetzlich, auch als letzter Mann zur Absicherung gegen Konter bei eigenen Standards – eine besonders wichtige Aufgabe gegen die Belgier, die in den K.-o.-Spielen gegen Japan und Brasilien ihre Siegtore durch phantastische Schnellattacken nach Eckbällen des Gegners erzielten.

          „N’Golo kann zehn Stunden lang rennen“, behauptet Hazard über den Klubkollegen, der auf dem Parkplatz des Trainingsgeländes von Chelsea zwischen all den Supersportwagen und Monster-SUVs der höchsten Kicker-Kaste das mit Abstand auffälligste Gefährt abzustellen pflegt: einen schlichten weißen Mini. Die Bescheidenheit und Einsatzbereitschaft des stillen Profis, eines gläubigen Muslims, werden in Frankreich auch mit den schwierigen Verhältnissen erklärt, denen er entstammt. Als eines von neun Kindern einer aus Mali stammenden Familie, dessen Vater sich als Müllmann durchschlug und früh starb, wuchs er in einer Pariser Vorstadt auf. Die schwere Zeit seiner Jugend hat Kanté in etwas verwandelt, was Pogba so beschreibt: „Mit einem wie ihm ist Fußball viel einfacher.“

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