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WM-Kommentar : Die Erdung des Fußballs

Erfolg mit Demut: Die Franzosen waren opferbereit genug für den Titel Bild: Reuters

Die Weltmeisterschaft war der Abgesang auf die Superstars. Die Welt wird sich von den gewohnten Turnieren verabschieden müssen. Es folgt die WM im Spätherbst in Qatar.

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          Jedes Endspiel ist ein Anfang. Mit dem 4:2-Sieg der Franzosen in einem vor allem wegen der tapferen Kroaten packenden WM-Finale beginnt womöglich eine neue große Ära der Équipe Tricolore, so wie mit dem ersten WM-Triumph vor zwanzig Jahren. Sie waren die beste Mannschaft des Turniers, weil sie ihre seit Jahrzehnten große Fülle an außergewöhnlichen Talenten mit defensiver Disziplin und großem Teamgeist kombinierte.

          Fussball-WM 2018

          Die Waagschale zwischen Sieger und Verlierer senkte sich, wie so oft bei dieser WM der Standards, letztlich durch den nie völlig vorhersehbaren Zufall der Flugbahn des Balles durch einen mit einem Dutzend Körpern und Köpfen vollgepackten Strafraum. Die zwei ungewollten Ballkontakte von Mandzukics Kopf und Perisics Hand brachten die Kroaten um eine verdiente Pausenführung. Der Handelfmeter zum 2:1 der Franzosen war die erste gravierende Entscheidung in einem WM-Finale mithilfe des Videoassistenten.

          Dieser hat sich im Turnier bewährt, aber auch mit technischer Hilfe blieb die Szene menschliche Ermessenssache. Frankreich ist, was auch Kroatien gewesen wäre: ein würdiger Weltmeister für ein Turnier, das den Fußball wieder ein wenig geerdet hat – mit der Rückbesinnung auf die grundlegenden Tugenden des Zusammenhalts, des Kollektivs, der Opferbereitschaft einer Gruppe, aus der sich kein einzelner Spieler über die anderen erhebt.

          Teams der Superstars scheitern

          Diese Erdung hilft dem Spiel dabei, aus den vielen Parallelwelten, von denen es immer mehr absorbiert wird, den Welten des Starkults, der Superhelden am Ball, inszeniert in Werbekampagnen, Videospielen, sozialen Medien, zu sich selbst zu finden. Bei dieser WM, der „seltsamsten“ überhaupt, war „das Team alles“, sagte Kroatiens Trainer Zlatko Dalic. Und das Gros der Favoriten, die auf Stars setzten, „schon früh zu Hause“.

          Was in der Champions League seit Jahren unübersehbar wird – dass selbst Star-Ensembles wie Real Madrid oder Bayern München nur noch dann den Titel gewinnen können, wenn sie auch selbstlose Teamarbeit und nie nachlassende mentale Schärfe zeigen, wurde auch bei der WM so deutlich wie nie. Die Teams der Superstars, Brasilien, Argentinien, Portugal, kamen nicht mal in die Nähe des Titels.

          Schon gar nicht die Mannschaft, die am Finalsonntag in Moskau nur einmal noch auftauchte, mehr als zwei Stunden vor Anpfiff, als kaum niemand hinschaute, weil das Luschniki-Stadion noch leer war. „Der Moment ist gekommen“, sagte Manuel Neuer in der Brausewerbung auf der Großleinwand zu seiner Mannschaft. „Niemand denkt an den letzten Champion. Jeder denkt an den nächsten!“

          Gleich vier Mal bezwungen: der kroatische Torhüter Danijel Subasic. Bilderstrecke
          Das Finale in Bildern : Das kroatische Herz blutet

          Es folgt die WM im Spätherbst

          Seit diesem Sonntag ist Deutschland kein Champion mehr. Und die WM, wie wir sie kannten, wird in viereinhalb Jahren in Qatar nicht mehr dieselbe sein – mit einem anderen Lebensgefühl, einer WM im deutschen Spätherbst, mit kurzen, kalten Tagen, ohne Vorfreude auf laue Grillabende mit Großbildschirm. Und die übernächste WM, 2026 in Nordamerika, wird schon ein diffuses Event-Monster mit 48 Teilnehmern sein.

          Gut möglich also, dass unsere Wahrnehmung einer Fußball-WM, die wie kein anderes Sportereignis durch ihren vierjährigen Rhythmus ein solches Erwartungs- und Erinnerungsgewicht hatte, dass sie Kerben in vielen persönlichen Lebensgeschichten hinterließ, in dieser besonderen Synchronisation von Fußball- und Lebenserinnerungen – dass diese Wahrnehmung nie wieder so sein wird wie zu Beginn der WM 2018, als der Weltmeister noch Deutschland hieß. Jedes Endspiel ist auch ein Ende.

          Fussball-WM 2018
          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

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