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Lutz Pfannenstiel im Interview : „Senegal tritt auf alles, was sich bewegt“

Viele Mannschaften wollen agieren. Die Franzosen, die Spanier, die Brasilianer, die Belgier, das sind alles Mannschaften, die den Ball haben wollen und einen richtig guten Fußball spielen. Die deutsche Nationalmannschaft hat sich unter Löw ebenfalls zu einer Mannschaft entwickelt, die über Ballbesitz und Kombinationen zu Chancen kommt. Aber natürlich wird auch Pressing-Gegenpressing eine Variante sein. Viele Nationen haben gar keine andere Chance, Portugal ist damit sogar Europameister geworden. Schweden und Island spielen noch einfacher. 4-4-2, enge Abstände, die fünf Meter zwischen den Spielern kannst du mit dem Lineal ausmessen. Und dann konzentrieren sie sich auf lange Bälle, Freistöße, Einwürfe, Eckbälle. Wenn ein Team das knallhart durchzieht und mit Härte in die Zweikämpfe geht, dann kann es zwei „normalen“ Mannschaften in der Gruppe richtig weh tun. Schweden hat das in der Qualifikation schon bewiesen. Italien hat in den beiden Spielen gegen sie nicht einmal ein Tor geschossen.

Das klingt nach Fußball brutal.

Die Schweden sind hart, aber nicht unfair. Das sind eben Wikinger, groß und robust, und so spielen sie auch. Richtig hart ist Senegal, die treten auf alles, was sich bewegt, das sind richtige Maschinen in der Defensive. Das erlebt man jedes Mal beim Afrika Cup. Wenn man dort Mali beobachtest, hörst du auf der Tribüne die Knochen knacken. Senegal spielt strukturiert, ein 4-3-3, fast ein holländisches System, eng, einfach, viel über die Flügel, ohne Raffinessen – und voll drauf mit Tempo und eben mit dem pfeilschnellen Mané. Damit können sie durchaus gefährlich werden. Eine Mannschaft, die körperlich unterschätzt wird, ist Südkorea. Viele Menschen denken noch immer, dass alle Asiaten klein und körperlich schwach seien, aber die Koreaner sind keine Filipinos. Neben Senegal ist das vermutlich eine der härtesten Mannschaften im Turnier. Kim Jin-su beispielsweise, der mal in Hoffenheim war, ein Linksverteidiger, sieht aus wie ein kleines Kind. Er ist freundlich, höflich, lächelt oft. Aber er haut dir acht Mal aufs Knie, dann sagst du ihm, dass es eine Watschen setzt, wenn das noch mal passiert. Er lächelt, verneigt sich – und haut dir das neunte Mal aufs Knie. Das entspricht der Mentalität der Südkoreaner auf dem Platz: Sie geben nie auf, kratzen, beißen, rennen, teilweise auf einem brutalen Niveau. Das müssen sie auch, denn fußballerisch reicht es nicht zur Weltspitze.

Worauf freuen Sie sich am meisten bei dieser WM?

Auf die Nigerianer, das ist eine tolle Mannschaft, die jüngste im Turnier, eine Ansammlung von unfassbar schnellen Spielern. Sie haben eine echte Todesgruppe erwischt mit Argentinien, Island und Kroatien. Hier treffen vier komplett verschiedene Fußballkulturen und Spielweisen aufeinander. Aber wenn sie diese Gruppe überstehen, dann traue ich den Westafrikanern einiges zu, dann können sie weit kommen. Ich war im Trainingslager im nigerianischen Uyo Ende Mai und habe die WM-Vorbereitung ein wenig beobachtet. Wenn sie ihr vermeintliches Torwartproblem in den Griff kriegen und vorn wieder zu alter Offensivkraft zurückfinden, ist den Nigerianern eine tolle WM zuzutrauen.

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