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Erinnerungen an den WM-Sieg 1954 : „Mein erstes Fernseherlebnis“

Bern, 4. Juli 1954: Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt und Tor, Tor, Tor - 3:2 für Deutschland Bild: picture-alliance / dpa

Was heute „Public Viewing“ heißt, war vor 60 Jahren gemeinschaftliches Fiebern vor winzigen Schwarz-Weiß-Geräten. Die Erinnerungen der älteren FAZ.NET-Leser an die Fußball-WM 1954 sind Erinnerungen an ein TV-Ereignis.

          Sage einer, die „Generation Wankdorf“ sei nicht mit den neuen Medien vertraut. Viele FAZ.NET-Leser, für die das WM-Finale zwischen Deutschland und Ungarn 1954 das erste Fernseherlebnis in ihrem Leben überhaupt darstellte, haben uns per Mail ihre persönlichen Erinnerungen an den Moment geschickt, in dem Rahn am 4. Juli 1954 aus dem Hintergrund schießen müsste...

          Rudolf Wallenburger aus Fulda erinnert sich, dass es nur wenige Gaststätten mit einem Schwarz-Weiß-Fernseher gab. Und dass nur „Stammgäste, die einen Verzehr-Gutschein erwarben“, dort auch das Endspiel sehen durften: „Für mich als elf Jahre alten Schüler kam also beides nicht in Betracht.“ Da aber der Sohn des Wirtes sein Freund war, gab es eine Lösung: die beiden setzten sich unter den Tisch in der ersten Reihe. Einziges Problem: „ich durfte mich nicht bewegen.“ Als nach dem Schlusspfiff der Tisch im Überschwang der Freude umflog, wurden die Buben enttarnt, blieben aber unverletzt. „Was danach im Lokal und davor passierte ist heute kaum vorstellbar.“

          Auch für Joachim Widdel aus Burg in Dithmarschen, HSV-Fan und Bewunderer von Jupp Posipal, stellte das WM-Finale sein „erstes Fernseherlebnis“ dar. Beim Elektro-Händler Claußen in der Wellblech-Autogarage wurde das Spiel gezeigt, und der Elfjährige war live dabei. „Was für eine Freude, was für ein Jubel“, es blieb für den 71-Jährigen bis heute „unvergesslich“.

          Udo Hinn aus Essen war sechs, als er mit seinen Eltern im Westerwald in den Ferien weilte - und erinnert sich an das Saba-Fernsehgerät, dass extra für die Feriengäste aufgebaut wurde. „Ich habe dort zum ersten mal in meinem Leben fern gesehen und dann noch Fußball mit Helmut Rahn aus meiner Heimat Essen-Borbeck. Dieses Erlebnis werde ich nicht vergessen.“ Der Kino-Film „Das Wunder von Bern” wühlte später bei ihm „viele tolle Kindheitserlebnisse“ noch einmal auf.

          Deutschland ist Weltmeister 1954: nicht nur Kapitän Fritz Walter und Horst Eckel

          Noch näher dran war der Vater von Thomas Götz. Der saß 1954 als 15-Jähriger im Stadion auf der Tribüne zwischen den Auswechselspielern. Damals gab es noch keine Ersatzbank, darum saßen die nicht nominierten Spieler auf der Tribüne. Götz spielte in der Jugend des HSV und kannte den ein oder anderen persönlich. „Als das 3:2 fiel, sind sich alle in Arme gefallen.“

          Weiter weg war dagegen Thomas J. Huber. Er saß einen Monat nach dem WM-Finale in Kolumbien im Kino, „als ungefähr acht Minuten des Finales in der Wochenschau gezeigt wurden.“ Der damals Achtjährige und sein Vater guckten sich den eigentlichen Hauptfilm dreimal an (“keine Ahnung mehr, was es war“) um die Wochenschau dreimal mitzubekommen.

          Auch in der Familie von Jean-Pierre Lefablec gab es noch keinen Fernseher. Der Oberprimaner aus Köln fuhr „in den überfüllten Eissalon Campi in der Schildergasse“. Auch Autokorso nach dem Spiel war noch nicht erfunden, dafür brüllte er bei der Heimfahrt vom Rücksitz des Rollers seines Freundes allen Passanten immer wieder zu: „Wir sind Weltmeister, wir sind Weltmeister.“

          Ulrich Runkel aus Nümbrecht sah das Spiel mit zwanzig „tobenden Männern in einem winzigen Zimmer vor einem winzigen Bildschirm.“ Für ihn war der 3:2-Sieg dank Rahns Schuss aus dem Hintergrund allerdings keine Überraschung: er hatte zuvor auf der Dorfwiese mit seinen Kumpels die besten Spielzüge durchgespielt und zudem die Schamanen-Praxis des Blütenblätter zupfens abgewandelt: „sie liebt mich, sie liebt mich nicht“ - “wir gewinnen, wir gewinnen nicht, wir gewinnen.“ Und so kam es dann auch.

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