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Englands Jamie Vardy : Wie aus einem Prothesen-Hersteller ein Fußball-Star wurde

  • -Aktualisiert am

Jamie Vardy (Vierter von links) mit seinem Team-Kollegen der englischen Nationalmannschaft. Bild: dpa

Jamie Vardy führt nicht den Lebensstil eines Musterprofis, auch sein Weg nach oben war durchaus ungewöhnlich. Dennoch ist der Angreifer nicht mehr aus der englischen Nationalmannschaft wegzudenken. Das hat einen Grund.

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          Der englische Mittelstürmer Jamie Vardy ist ein Fußballprofi auf dem zweiten Bildungsweg. Wegen seiner Körpergröße und seines geringen Gewichts wurde der talentierte, aber schmächtige Jamie vom Traditionsverein Sheffield Wednesday aus der Akademie geworfen. Nicht gut genug! In England war es im Jahr 2002 an der Tagesordnung, dass im Nachwuchsbereich der Körper den spielerischen Fähigkeiten vorgezogen wurden. „Big and strong“ war für viele Trainer das wichtigste Attribut auf der Insel.

          Fussball-WM 2018

          Vardy hatte genug vom Fußball, lernte einen richtigen Beruf und wurde Carbonfaser-Techniker. Er stellte Beinprothesen her. Fast ein Jahr lang wollte der Vollblutstürmer mit dem Ball nichts mehr zu tun haben, bis ihn ein Arbeitskollege zu einem Fußballspiel im Park überredete. Er begann wieder zu kicken: in der 8.Liga beim Amateurverein Stocksbridge Park Steels. Mit 66 Toren in 107 Spielen schoss er den Sheffielder Vorortverein zum Aufstieg. Sein Gehalt: 30 Pfund pro Spiel.

          Beinahe wäre Vardys Karriere zum zweiten Mal gestoppt worden. Eine Schlägerei vor einem Pub brachte ihm eine Anzeige wegen Körperverletzung ein – und eine Fußfessel, deretwegen er einige Spiele verpasste. Wieder frei beweglich, traf Vardy regelmäßig und wurde allmählich für andere Vereine interessant. Er wechselte innerhalb der Liga zu Halifax Town und wurde zum Halbprofi. Auch in der siebten Liga können in England die besseren Spieler vom Fußball leben. Mit 27 Toren schoss er Halifax in Liga sechs und wechselte zum Fünftliga-Klub Fleetwood Town. Auch dort war der drahtige Mann aus South Yorkshire nicht zu stoppen. Er schoss Tor um Tor, und immer mehr Scouts und Trainer aus den oberen Ligen beobachteten den inzwischen 25-Jährigen.

          Rekordablösesumme für einen Amateurspieler

          Leicesters damaliger Coach Nigel Pearson war der erste, der etwas Besonderes in Vardy sah. Leicester zahlte eine Rekordablösesumme für einen Amateurspieler: 1,4 Millionen Euro. Die ersten Monate im Kader eines renommierten Klubs waren nicht einfach für Vardy, schnell wurde er zum Fehleinkauf abgestempelt. Am Ende machte Vardy seinem Ruf als Aufstiegsspezialist aber wieder alle Ehre und stieg mit den Foxes in die Premier League auf. Plötzlich war der Torjäger in der größten Liga der Welt angekommen, die Gegner hießen jetzt Manchester United, FC Chelsea und FC Liverpool und nicht mehr Nantwich Town oder Farsley Celtic.

          Nach einer schweren ersten Saison im Oberhaus und einigen wichtigen Toren zum Ende der Saison blieb Leicester in der Premier League, und Vardy bekam eine besondere Belohnung – die Berufung in die englische Nationalmannschaft. Die darauffolgende Saison wurde für ihn und Leicester zu einem Fußballmärchen. Leicester City wurde sensationell englischer Meister, und Jamie Vardy zu einem Star der Premier League.

          Inzwischen ist Vardy aus der Nationalmannschaft, die an diesem Sonntag gegen Panama (14 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM sowie in der ARD) den zweiten Sieg bei der WM in Russland holen möchte, nicht mehr wegzudenken, Angebote von den ganz großen Vereinen liegen immer wieder auf dem Tisch, aber Vardy fühlt sich wohl in Leicester. Wenn gut 32.000 Fans im Stadion den Kultsong „Jamie Vardy’s having a party, bring your vodka and your charlie“ grölen, dann ist „The Cannon“, wie Vardy wegen seiner aufopfernden Spielweise genannt wird, in seinem Element. Er arbeitet in jedem Spiel hart, die Fans lieben das, er läuft sich die Lunge aus dem Leib, ist nicht nur ein Torjäger, sondern auch ein Teamplayer, der Räume für seine Mitspieler öffnet.

          Meistertrainer Claudio Ranieri sagt, dass Vardy jener Spieler sei, der mit ganzem Herzen auf dem Platz stehe, egal ob beim Training oder im Spiel. Das mag daran liegen, dass er nie vergessen hat, wo er herkommt. Und wie anstrengend Schichtarbeit für den normalen Fan ist. Für die Spieler, die – wie er – von den Scouts der großen Klubs übersehen wurden, hat er eine Fußballschule gegründet, die V9-Academy. Von der Arbeitseinstellung her dient er den Jungs als Vorbild. Mit einer Ausnahme: Jamie Vardy hasst Besuche im Kraftraum.

          Dass der Stürmer nicht immer den Lebensstil eines Musterprofis führt, ist kein Geheimnis. Leicesters Vizepräsident Aiyawatt Srivaddhanaprabha verriet, dass der Angreifer während seiner Anfangszeit bei Leicester City eine Menge getrunken hatte. Manchmal sogar betrunken zum Training erschien. Während der Europameisterschaft 2016 erzählte Vardy, dass er literweise Red Bull trinke und auch gern einen sogenannten skandinavischen Snus zu sich nehme. Snus ist rauchfreier Tabak, den man sich unter die Lippe steckt. Inzwischen ist Snus bei englischem Fußballern genauso angesagt wie Vardy bei den Three Lions. Aus dem englischen Team ist der Profi, der auf dem zweiten Bildungsweg nach oben kam, nicht mehr wegzudenken.

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