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WM 2018 : England ist klammheimlich optimistisch

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Die jungen Spieler sollen es für England bei der WM richten – nur fünf „Lions“ waren schon 2014 im englischen Kader. Bild: AFP

Die letzten Turniererfahrungen haben bei den Three Lions tiefe Spuren hinterlassen. Kurz vor der WM in Russland versprüht Englands Coach Southgate mit einem runderneuerten Team aber wieder Optimismus.

          Eigentlich wollten die Engländer von der Fußball-Weltmeisterschaft in diesem Sommer nicht zu viel erwarten. Das Ausscheiden in der Gruppenphase bei der WM 2014 und die peinliche Niederlage im Achtelfinale gegen Island bei der EM 2016 haben das Selbstbewusstsein der einst so stolzen „Three Lions“ zertrümmert. Englands statistische Chance, den WM-Titel zu gewinnen, soll laut Berechnungen des Datendienstes „Gracenote“ zudem gerade mal bei mickrigen vier Prozent liegen. Das ist nicht gerade ein Muntermacher. Wenige Tage vor dem Beginn des Turniers regt sich nun aber dennoch so etwas wie heimliche Zuversicht im Mutterland des Fußballs. Denn die Mannschaft von Nationaltrainer Gareth Southgate hat nach dem 2:1-Sieg gegen Nigeria am vergangenen Samstag auch das letzte Testspiel vor der WM gegen Costa Rica mit 2:0 gewonnen – und musste sich gegen den Viertelfinal-Teilnehmer von 2014 noch nicht einmal groß anstrengen.

          Die Tore schossen am Donnerstagabend der erst 20 Jahre alte Marcus Rashford von Manchester United sowie Danny Welbeck vom FC Arsenal. Gareth Southgate hatte seine Aufstellung im Vergleich zum Nigeria-Spiel fast vollständig ausgetauscht: Innenverteidiger John Stones vom englischen Meister Manchester City stand als Einziger wieder von Beginn an auf dem Feld. Zwischen der 61. und der 79. Spielminute wechselte Southgate zudem sechs Mal, so dass jeder Spieler des 23er-Kaders in den beiden Testspielen zum Einsatz kam – inklusive des dritten Torwarts Nick Pope. Womöglich steckt dahinter auch ein gezieltes Verwirrspiel des Trainers. Denn wie seine Aufstellung bei Englands erstem Gruppenspiel gegen Tunesien am 18. Juni im Detail aussehen wird, ist wegen der vielen Rotationen nun schwer vorherzusagen.

          Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

          In welcher taktischen Formation England spielen wird, das konnte man in den vergangenen Testspielen dagegen gut beobachten. Southgate bevorzugt ein System mit einer Dreier-Abwehrreihe, zwei offensiv agierenden Außenverteidigern, einem defensiven und drei offensiven Mittelfeldspielern sowie einem „echten“ Stürmer. Einige Positionen sind bereits in fester Hand: Im Sturm wird etwa Tottenhams Harry Kane, der am Freitag seinen Vertrag bei den Spurs bis 2024 verlängerte, sicher erste Wahl sein; im Tor hat sich Southgate auf Evertons Jordan Pickford festgelegt. Dagegen konkurrieren Gary Cahill und Harry Maguire noch um die linke Position in der Abwehrreihe, Trent Alexander-Arnold und Kieran Trippier machen die Position auf der rechten Außenbahn unter sich aus, und Eric Dier und Jordan Henderson kämpfen um den wichtigen Platz zwischen Abwehr und Mittelfeld, den Southgate zuletzt als das „Gelenk“ seines Spiels bezeichnete. Die Konkurrenz innerhalb des Kaders dürfte zwar während des Turniers zu einiger Reibung führen, die sich – wenn Southgate seine Sache so gut macht wie bisher – jedoch in positive Energie umwandeln lassen sollte.

          „Ein paar Kumpels, die wegfahren, um bei der WM zu spielen“

          Seit seinem Amtsantritt im November 2016 hat der 47-Jährige die Mannschaft gründlich umgekrempelt und dabei auch einen Kulturwandel vollzogen. Nur fünf der Spieler, die bei der WM in Russland für England an den Start gehen werden, waren auch vor vier Jahren in Brasilien schon dabei. Im Schnitt haben seine Spieler gerade einmal 20 Länderspiele absolviert. Für den erst 19 Jahre alten Liverpooler Trent Alexander-Arnold war das Spiel gegen Costa Rica sogar der erste Einsatz für die A-Nationalmannschaft. Gary Cahill dagegen, der Routinier in Englands WM-Kader, zieht den Schnitt mit 60 Länderspiel-Einsätzen kräftig nach oben.

          Die vergleichsweise geringe Länderspielerfahrung muss aber nicht gleichbedeutend mit fehlender internationaler Erfahrung sein. 15 der 23 Kadermitglieder trainieren im Liga-Alltag unter Star-Trainern der Premier League: Pep Guardiola, Mauricio Pochettino, Jürgen Klopp und José Mourinho. Der Test gegen Costa Rica war nach Southgates Worten außerdem ein Probelauf für den Ernstfall. Die Zentralamerikaner ähnelten nämlich in ihrer taktischen Ausrichtung den Belgiern – Englands letztem und wohl härtestem Gruppengegner. „Costa Rica spielt 3-4-3, was so ziemlich das ist, was Belgien in der Regel auch macht“, sagte Southgate: „Es ist wichtig, dass wir gegen verschiedene Systeme spielen, damit wir lernen, wo sich jeweils Räume ergeben, die wir ausnutzen können.“

          Was kann die junge englische Nationalmannschaft bei der WM erreichen? „Niemand sollte sich etwas vormachen“, schrieb die BBC in einer Analyse: „Das Schiff der Glückseligen kann ganz schnell auf Grund laufen, sollten sich die Dinge in Russland schlecht entwickeln.“ Aber der 2:0-Sieg gegen Costa Rica stehe sinnbildlich für Englands „ungewöhnlich abgeklärte“ WM-Vorbereitung, die zu einem „vorsichtigen Optimismus“ beitrage. Southgate versucht derweil, seine Spieler vor solchen Gedankenspielen zu beschützen. „Warum sollten wir uns unter Druck setzen?“, fragte er betont relaxt: „Wir sind nur ein paar Kumpels, die zusammen wegfahren, um bei einer Weltmeisterschaft zu spielen. Das ist doch toll!“ Am Dienstag fliegen die Engländer in ihr Team-Hotel nach Russland. Ohne überbordende Erwartungen, aber mit einem gesunden Selbstvertrauen, das noch vor zwei Jahren komplett in Trümmern lag.

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