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Luis Suarez in der Kritik : Auge um Auge, Zahn um Zahn

  • -Aktualisiert am

Beißer und Opfer: Suarez fasst sich an die Zähne (r.), Chiellini an den Arm Bild: AP

Die dunkle Seite der Bestie: Mit dem Biss in die Schulter seines Gegners liefert Luis Suarez der Fußballwelt endlosen Diskussionsstoff. Die Fifa eröffnet ein Disziplinarverfahren gegen Uruguays Stürmerstar.

          Die öffentliche Verhandlung ist eröffnet und der Angeklagte versucht, seine Version der Geschichte vors Tribunal zu bringen: Ein geschwollenes rechtes Auge präsentierte Luis Suarez nach der Bissattacke den uruguayischen Medien. „Das sind Dinge die auf dem Platz passieren. Ich bin mit seiner Schulter zusammengeprallt. Ich habe auch einen Schlag aufs Auge bekommen“, versuchte Uruguays Starstürmer die Dinge aus seiner Sicht zu erklären. Was auf dem Platz passiert, soll auch auf dem Platz bleiben, so lautet Suarez' Ansicht von Recht und Gerechtigkeit. Ein Spielfeld als rechtsfreier Raum.

          Doch die TV-Bilder sind eine einzige Anklage gegen den Stürmer des FC Liverpool, der seine Zähne einfach zu offensichtlich tief ins Fleisch des Italieners Giorgio Chiellini bohrte. Der 1:0-Sieg über Italien, die für den viermaligen Weltmeister das vorzeitige Aus bedeutete, geriet zur Nebensache.

          Das denkwürdige Zusammentreffen polarisiert die Fußballwelt, die nun nach einer Strafe giert. #BanSuarez ist einer der meist verwendeten Hashtags der Nacht. Im Netz verspotten sie Suarez mit Fotomontagen, die James Rodriguez vom Achtelfinal-Gegner Kolumbien zeigen. Er trägt eine beißfeste Jacke wie beim Training mit bisswütigen Hunden üblich. Nur so heißt es, könne Kolumbien gefahrlos in die Partie gegen Uruguay mit dem „Beißer“ Suarez überstehen.

          Autsch: Suarez hat mal wieder zugebissen Bilderstrecke

          Ob der Uruguayer dann überhaupt auflaufen darf ist fraglich, denn der Weltverband Fifa hat ein Disziplinarverfahren gegen ihn eröffnet. Suarez und der uruguayische Verband haben bis Mittwochabend Zeit, mit neuen Dokumenten, Zeugenaussagen oder Videobeweisen die Unschuld des Stürmers zu beweisen und seine Version der Dinge zu untermauern. Es gilt als sicher, dass Suarez zum Beispiel ein ärztliches Attest vorlegt, das seine Verletzung am Auge bestätigt. Die Fifa muss dann entscheiden, ob Suarez böswillig gehandelt hat, oder ob es eine Folge des Zweikampfes war. Die schauspielerische Einlage gleich nach dem Vorfall spricht nicht für den Uruguayer.

          Viel Zeit bleibt nicht

          Die Verteidigungslinie ist also festgelegt: Der Biss sei eine Folge des Zusammenpralls im Rahmen eines normalen Zweikampfes gewesen, bei dem er selbst auch verletzt worden sei. Die Zeit drängt, schon am 28. Juni steht im Maracana-Stadion die Achtelfinalpartie gegen Kolumbien an. Und der Kronzeuge, der Italiener Chiellini, sitzt auch schon auf gepackten Koffern Richtung Heimat.

          Für Suarez sieht es schlecht aus: Des Fernsehvolkes Stimme ist eindeutig, sogar Uruguays Tageszeitung „El Observador“ listet die ähnlichen Verfehlungen des Deliquenten aus der Vergangenheit auf. Und ein Vorbestrafter mit einem Strafregister wie Suarez wird es schwer haben, die Jury davon zu überzeugen, dass das alles nur Zufall war. Zuvor hatten bereits Otman Bakkal vom PSV Eindhoven (7 Spiele Sperre) und Branislav Ivanovic vom FC Chelsea (10 Spiele Sperre) mit den Zähnen des beißwütigen Uruguayers Bekanntschaft gemacht. Dazu kommen Rassismusvorwürfe. Noch in der Nacht wird in Südamerikas TV-Anstalten immer wieder die Szene gezeigt, die Suarez den Rest dieser WM kosten könnte.

          Die dunkle Seite der Bestie

          Suarez ist ein Spieler, der in einer Partie stets voller Adrenalin steckt. „Die Bestie ist unerträglich“, kommentierte Uruguays Torhüter Fernando Muslera nach dem Gala-Auftritt seines Teamkollegen gegen England mit einer Portion Selbstironie den Auftritt von Suarez. Doch diesmal hat die Bestie das Adrenalin nicht dazu genutzt, um den Gegner im Alleingang vom Platz zu schießen. Diesmal war es wieder die dunkle Seite der Bestie, die mit dem Kontrollverlust eines schwer Erziehbaren zum Vorschein kam.

          Und so könnte es sein, dass diese WM in 180 Minuten die beiden Gesichter des Luis Suarez gezeigt hat: Die des strahlenden Helden und überragenden Stürmers und jene des Fußballspielers, der über jedes Maß an Sportlichkeit hinausschießt.

          Es wäre die zweite WM, bei der ein zuvor überragender Suarez wegen einer groben Unsportlichkeit gesperrt würde. Auch im Viertelfinale gegen Ghana 2010 hatte Suarez mit einem Handspiel auf der Linie in der Schlussminute sein Team vor dem Aus bewahrt. Im Halbfinale gegen die Niederlande wurde der gesperrte Top-Stürmer dann schmerzlich vermisst. Uruguays WM-Traum war geplatzt.

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