https://www.faz.net/-gtl-7rhmi

Dilemma der Brasilianer : Deutschland oder Argentinien anfeuern?

Wen werden die Brasilianer am Sonntag unterstützen? Bild: dpa

Wem sollen die Brasilianer im WM-Finale die Daumen drücken? Die Deutschen haben ihre Seleção vorgeführt, bleibt also Argentinien. Argentinien? Eindrücke aus Rio de Janeiro.

          3 Min.

          Das Hauptquartier ihres Eroberungszugs haben die Argentinier im Herzen von Rio de Janeiro aufgeschlagen: im Sambodrom. Die Stadtverwaltung hatte ihnen zuerst ein Gelände nebenan zugewiesen, doch es kamen immer mehr, so musste sie ihnen nun auch noch die wichtigste Bühne des brasilianischen Karnevals überlassen. Die Argentinier wohnen dort in Tausenden Zelten und in museumsreifen Wohnmobilen, schlafen in Autos und in Hängematten. Sie grillen, trinken ihren Matetee und Cola mit Fernet. Sie ziehen durch die Stadt bis Copacabana. Spätestens seit Mittwochabend ist auch dieser symbolische Ort fest in ihrer Hand. Die Schlachtgesänge, die am Strand ertönen, enden fast alle mit derselben Phrase: „Maradona es más grande que Pelé – Maradona ist größer als Pelé.“

          Fahne gefällig? Utensilien-Verkauf an der Copacabana
          Fahne gefällig? Utensilien-Verkauf an der Copacabana : Bild: dpa
          David Klaubert
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die Hausherren, die das in der Regel anders sehen, beobachten das weiß-blaue Treiben mit gemischten Gefühlen. Seit dem Sieg der Argentinier im Halbfinalspiel gegen Holland stehen sie vor einem Dilemma: Wem sollen sie am Sonntag (21 Uhr / live in der ARD und im WM-Ticker bei FAZ.NET) die Daumen drücken? Den Deutschen, die ihre Seleção vorgeführt haben wie eine Schulbubenmannschaft? Oder den Argentiniern? Den Nachbarn, den ewigen Rivalen, die nun auch noch das Heiligtum des brasilianischen Fußballs erobern wollen: das Maracanã.

          „Ihr müsst uns am Sonntag rächen!“

          Die Antwort an den Zeitungskiosken fällt eindeutig aus – auf den ersten Blick: „Nichts ist so schlimm, dass es nicht noch schlimmer werden kann“, schreibt der „Expresso“. Und: „Das hat uns gerade noch gefehlt: Argentinien im Finale“. Vom Titel der Sportzeitung „Lance!“ grinsen Lukas Podolski und ein brasilianischer Indio-Junge. „Deutsche seit früher Kindheit“, steht darunter – auf dass Poldi und seine Kameraden den dritten Weltmeistertitel der Argentinier verhindern. Und „Meia hora“ fordert: „Macht am Sonntag nochmal sieben!“

          Doch dann lächelt aus dem Zeitungskiosk in Tijuca im Norden von Rio: João Luiz Barbosa, 51 Jahre alt, der Verkäufer. Er trägt: ein dunkelblaues Argentinien-Trikot. „Dieser Krieg, diese Feindschaft, das wird doch in Wirklichkeit von der Presse gemacht“, sagt er. „Was hat der Argentinier dem Brasilianer angetan, was hat der Brasilianer dem Argentinier angetan? Ich weiß es nicht. Ich persönlich werde Argentinien anfeuern.“ Und als ein paar Straßen weiter, in einer Bäckerei, in deren Fernseher gerade ein Bericht über Deutschland läuft, drei Kerle auftauchen und Spanisch nuscheln, spricht einer der Verkäufer sie an: „Argentinos?“ – „Si, si.“ – „Ihr müsst uns am Sonntag rächen!“

          „Maradona ist ein Kokser“

          Es gibt sie also durchaus, die Brasilianer, die mit „Los Hermanos“, wie sie ihre argentinischen „Brüder“ ironisch bis liebevoll nennen, sympathisieren. Und das nicht erst seit der schmachvollen Niederlage ihrer Mannschaft gegen Deutschland. Mit dazu beigetragen haben auch die argentinischen Fans, die über Tausende Kilometer angereist sind. Die Leidenschaft, die Verrücktheit und die Kreativität der Gesänge der Nachbarn begeisterte so manchen Brasilianer – auch wenn es am Ende immer gegen Pelé geht. 

          Bereits ausgestattet: dieser Argentinien-Fan geht baden
          Bereits ausgestattet: dieser Argentinien-Fan geht baden : Bild: REUTERS

          Die WM-Fans der Seleção brauchten selbst eine ganze Weile, bis sie einen Schlachtruf als Antwort gefunden hatten: „Mil gols, mil gols, mil gols, mil gols, só Pelé, só Pelé, Maradona cheirador – Tausend Tore, tausend Tore, tausend Tore hat nur Pelé, nur Pelé, Maradona ist ein Kokser.“

          „Hier in meinem Land? Nein!“

          Denn natürlich gibt es sie auch, die Brasilianer, die die Rivalität mit Argentinien zelebrieren. Sie ist über Jahrzehnte in vielen Nachbarschaftsduellen gewachsen, der Nationalmannschaften genauso wie der Vereine, die in der „Libertadores“ aufeinandertreffen, der südamerikanischen Champions League. 

          „Argentinien Weltmeister? Hier in meinem Land? Nein!“, sagt Luiz Claudio und schüttelt den Kopf. Er arbeitet als Sicherheitsmann und wohnt in der Favela Mangueira, auf einem Hügel direkt neben dem Maracanã. Er kann von seinem Haus aus die Fangesänge im Stadion hören, auf das er so stolz ist. Jubelschreie von Argentiniern, das wäre für ihn ein Albtraum, sagt er. „Ich bin für Deutschland.“

          Rot-schwarzes Trikot als Marketingtrick

          „Für Argentinien werde ich niemals sein“, sagt auch Alexander Marcos Passes, der als Kellner in einer Fußballkneipe arbeitet. „Die Deutschen sind ja nicht schuld an der brasilianischen Niederlage.“ Auch viele seiner Freunde, sagt er, würden am Sonntag für Deutschland sein – nämlich alle Flamengo-Fans. Das rot-schwarze Auswärtstrikot der Deutschen bei dieser WM schaut den Trikots des größten Vereins von Rio de Janeiro zum Verwechseln ähnlich. „Wer sich diesen Marketingtrick ausgedacht hat: herzlichen Glückwunsch.“

          Und auch Unterstützung von ganz oben könnte die deutsche Mannschaft bekommen. Die Erzdiözese Rio de Janeiro hat zusammen mit der brasilianischen Filiale von Twitter eine Abstimmung begonnen, in welchen Farben die Christus-Statue, die hoch über der Stadt ihre Arme ausbreitet, vor dem Finale angestrahlt werden soll. Der aktuelle Stand: 62 Prozent für Schwarz-Rot-Gold.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Moderne Gesellschaften : Die Zukunft der Jugend

          Zwischen Aktivismus und Hedonismus: Was haben junge Leute für Perspektiven in einer Gesellschaft, in der am liebsten alle „forever young“ wären? Über ihre Zukunft zu sprechen scheint paradox.
          In einem mobilen Impfzentrum im sächsischen Markkleeberg lässt sich eine Bürgerin am 10. Mai 2021 gegen Covid-19 impfen.

          Repräsentative Studie : Was die Sachsen über Corona denken

          Ist Sachsen ein Land der „Querdenker“? Ja und nein, ergab eine repräsentative Studie. Besonders weit gehen die Meinungen bei Leuten auseinander, die selbst eine Corona-Erkrankung durchgemacht haben.
          Der Kiessee: Göttingen ist laut der EU-Umweltagentur EEA die deutsche Stadt mit der besten Luftqualität.

          Rangliste : Wo die Luft am besten ist

          Wie steht es um die Luftqualität in Städten Europas? Diese Frage beantwortet die EU-Umweltagentur mit einer Liste von mehr als 320 Städten. Wo landen die deutschen Vertreter?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.