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DFB-Präsident Niersbach : „Zwanziger ist seit zwei Jahren in der Isolation“

  • -Aktualisiert am

Wolfgang Niersbach bezeichnet Theo Zwanzigers Kritik als haltlos und unangemessen Bild: dpa

Mangelndes politisches Verständnis? DFB-Chef Wolfgang Niersbach wehrt sich gegen die Kritik seines Vorgängers und fordert den Rückzug von Fifa-Chef Joseph Blatter.

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          Der Präsident des Deutschen-Fußball-Bundes (DFB), Wolfgang Niersbach, hat sich gegen die Kritik seines Vorgängers Theo Zwanziger an seinem Führungsstil und am derzeitigen Erscheinungsbild des Verbandes gewehrt. „Da spreche ich nicht nur für mich persönlich, sondern für alle beim DFB, dass ich die Vorwürfe mit gutem Gewissen aufs Schärfste zurückweise. Sie sind haltlos und absolut unangemessen“, sagte Niersbach am Mittwoch in São Paulo, wo er als Delegierter am Kongress des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) teilnahm. „Es kommt von einem Mann, der seit zwei Jahren in der Isolation ist. Er war seit dieser Zeit nicht mehr beim DFB und ist seit einem Jahr auch nicht mehr bei den Sitzungen der Uefa (Europäische Fußball-Union) aufgetaucht, die ihn ja damals in den Fifa-Vorstand entsendet hat.“

          Dass auch die Nationalelf vor der WM durch den Umgang der Verantwortlichen mit dem Autounfall im Trainingslager mit zwei Verletzten sowie dem Führerscheinentzug bei Bundestrainer Joachim Löw und den Eskapaden des Spielers Kevin Großkreutz nach dem DFB-Pokalfinale ein schlechtes Bild abgegeben hätte, sah Niersbach nicht. „Das lasse ich nicht gelten. Es gab Vorfälle wie den Unfall, die unschön waren. Und was soll Joachim Löw denn noch sagen? Er hat sich geäußert, mehr geht nicht.“ Dann sagte er in Anspielung auf Zwanziger: „Ich sehe auch keine zweite Person, die sich so äußert wie mein Vorgänger, aus welchen Motiven auch immer.“

          Zwanziger, der dem Fifa-Exekutivkomitee, aber keinem Gremium der Uefa mehr angehört, hatte in einem Interview der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dem DFB „kein ausreichendes politisches Verständnis“ bescheinigt. Dass der DFB vor einem Trainingsspiel im Mai in St. Pauli den Schriftzug „kein Fußball den Faschisten“ überkleben ließ, bezeichnete der frühere DFB-Chef als „kaum zu begreifen“. Er fügte in dem Gespräch an, dass wertorientiertes Handeln ständig praktiziert werden und gleichwertig neben den Vip-Logen in der Bundesliga stehen müsse.

          Dazu sagte Niersbach: „Natürlich war St. Pauli ein Fehler. Das hat doch niemand vom DFB von oben angewiesen. Ich habe mich am nächsten Tag gleich entschuldigt. Aber ich bin auch keiner, der die Angestellten im Regen stehen lässt, wenn die mal einen Fehler gemacht haben.“

          „Ich will mich da nicht rechtfertigen“

          Niersbach widersprach auch der Kritik von Zwanziger, dass er als DFB-Präsident nicht für eine Fernseh-Dokumentation der ARD über die Ermordung der Deutschen Elisabeth Käsemann 1977 durch die argentinische Junta zur Verfügung gestanden hatte. Die Studentin war kurz vor einem Freundschaftsspiel der DFB-Elf gegen Argentinien nach Folterungen in einem Gefängnis der Militärdiktatur erschossen worden. Der deutsche Botschafter in Buenos Aires und der damalige DFB-Präsident Hermann Neuberger hatten Stillschweigen bis nach der Begegnung vereinbart. Niersbach zog eine Interviewzusage zurück: „Da müsste ich so weit ausholen, um das zu erklären, wie das gelaufen ist. Ich will mich da nicht rechtfertigen und sehe auch keinen Grund dafür“, sagte der DFB-Chef. Er sei vor einem Jahr zum ersten und einzigen Mal von einem am Film beteiligten Journalisten kontaktiert worden. Näher wollte Niersbach auf Zwanzigers Vorwurf nicht eingehen.

          Im Gegensatz zum DFB-Präsidenten hatten sich ehemalige Nationalspieler wie Berti Vogts, Karl-Heinz Rummenigge, Sepp Maier und Paul Breitner in dem Film zum Fall Käsemann geäußert. Sie kritisierten, damals nicht informiert worden zu sein und erklärten, dass im Zusammenspiel mit Diplomatie und DFB das Leben der jungen Frau wohl hätte gerettet werden können. Breitner forderte den DFB auf, Stellung zu beziehen: „Es ist ein Akt der Größe, jetzt zu sagen, okay Leute, wir haben Schuld als DFB, wir wissen, dass wir versagt haben, dass wir verantwortungslos gehandelt haben“, sagte Breitner.

          „Europa braucht jetzt einen Kandidaten“

          Unterdessen wiederholte Niersbach die Forderung der Verbände unter dem Dach der Uefa nach einem Ende der Amtszeit Joseph Blatters als Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa). Vor dem Fifa-Kongress war es zum Bruch mit Blatter gekommen, der sich im nächsten Jahr offenbar zum fünften Mal als Fifa-Chef bestätigen lassen will. „In dieser Klarheit und Offenheit ist das noch nie artikuliert worden“, sagte der DFB-Chef zum Angriff auf Blatter: „Er hat eine Menge gute Sachen gemacht. Aber in den vergangenen Jahren sind Dinge passiert, die nicht gehen. Acht Mitglieder des Exekutivkomitees sind raus und dazu musste auch Fifa-Ehrenpräsident Havelange gehen. Ich kann nur feststellen, dass hier kein Europäer darunter war“, sagte Niersbach.

          Er hält aus Uefa-Sicht Präsident Michel Platini für den richtigen Kandidaten, um im nächsten Mai gegen Blatter anzutreten. „Europa braucht jetzt einen Kandidaten. Michel hat gesagt, dass er sich Ende August, Anfang September erklären wird. Ich denke, dass er nach wie vor von allen gehandelten Namen inklusive Jerome Champagne am besten geeignet ist.“ Trotz des starken Gegenwindes aus Europa hat der Fifa-Patriarch Blatter weiterhin die besten Chancen, wieder gewählt zu werden. Es könnte also sein, dass Platini gar nicht erst antritt, um eine Blamage zur vermeiden. „Ein Schritt nach dem anderen“, sagte Niersbach: „Wir werden sehen.“

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