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WM-Trainingslager : Löw überrascht mit Kramer

Christoph Kramer (links) empfiehlt sich und darf mit ins WM-Trainingslager Bild: dpa

Bundestrainer Joachim Löw legt sich fest: Im vorläufigen WM-Kader ersetzt Christoph Kramer Andre Hahn. 27 Spieler reisen mit nach Südtirol ins Trainingslager. Auf Abruf stehen zwei Schalker und ein Hamburger bereit.

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          Joachim Löw wirkte schon in der Mixed Zone der Hamburger Arena ein bisschen nachdenklich. Nicht wegen des 0:0 zuvor im Testspiel gegen Polen. Seine junge Mannschaft hatte ihren Auftrag nach Meinung des Bundestrainers gut erfüllt. Ein „unterhaltsames Spiel mit sehr hoher Intensität“, wollte Löw gesehen haben - auch wenn die meisten der Besucher das ganz anders empfunden haben dürften. Was aber in Löws Kopf zu rattern schien, war die Frage, wie die Personalentscheidungen ausfallen würden, die er unmittelbar nach dem Spiel zu treffen hatte.

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Eigentlich war doch alles so einfach. Den erweiterten 30er-Kader hatte er ja schon vergangene Woche mit einigem Brimborium benannt, und die drei, vier Namen, die zu streichen waren, um im Trainingslager auf die Wunschgröße von 25 oder 26 Spielern zu kommen, schienen auch nicht so schwer zu finden. Am Mittwoch dauerte es dann länger als angekündigt, bis Löws Votum, von dem er seine Spieler noch in der Nacht hatte unterrichten wollen, öffentlich gemacht wurde. Und tatsächlich hatte der Bundestrainer noch eine Überraschung parat: Der Gladbacher Christoph Kramer stieg in letzter Minute in den 30er-Kader auf, der bis Mitternacht dem Internationalen Fußball-Verband benannt werden musste, der Augsburger André Hahn hingegen verlor seinen Platz. Im Trainingslager vom 21. bis 31. Mai im Südtirol verzichtet Löw außerdem auf Leon Goretzka, Max Meyer (beide Schalke 04) und Marcell Jansen (HSV). Sie sollen sich auf Abruf bereithalten, sollte einem der 27 etwas zustoßen.

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          Der Tausch Kramer/Hahn sei „rein positionsbezogen“, wie Löw es in seiner schriftlich verbreiteten Begründung formulierte. „Das hat nichts mit der Leistung von André Hahn zu tun, wir waren sehr zufrieden damit, wie er sich präsentiert hat“, so der Bundestrainer. „Im zentralen Mittelfeld haben wir einige Spieler, die zuletzt ein wenig angeschlagen waren oder längere Pausen hinter sich haben. Wir wollen deswegen eine weitere Option mit ins Trainingslager nehmen, um für alle Falle vorbereitet zu sein. Und Christoph Kramer hat in Training und Spiel einen hervorragenden Eindruck hinterlassen.“

          Zugunsten der Ausgewogenheit

          Gegen Polen hatte Kramer, der 23 Jahre alte Mittelfeldspieler, seine Sache wirklich gut gemacht. Ihm war es in hohem Maße anzurechnen, dass die Mannschaft „stabil“ gestanden hatte, insbesondere in der „zentralen Achse“. Das zumindest war ein Punkt in Löws inflationär verbreitetem Lob, auf den sich alle Beobachter einigen konnten. Dennoch warf die Entscheidung Fragen auf - nicht nur, weil sich Löws vorläufiger Kader vom Donnerstag als vorvorläufiger erwies. Sondern auch, weil sich an der Gesamtlage seit vergangener Woche eigentlich nichts geändert hatte. Warum also der plötzliche Sinneswandel?

          Es hat wahrscheinlich damit zu tun, dass Löw mehr Rätsel zu lösen hat, als ihm lieb sein können. „Die Mannschaft muss ausgewogen sein“, sagte er in Hamburg im Hinblick auf den endgültigen Kader für Brasilien, der bis zum 2. Juni gemeldet werden muss. Aber das Gefüge ist nicht so leicht auszutarieren, solange Sami Khediras Fitnesszustand Fragen aufwirft. Es ist Löws größte Hoffnung, dass der defensive Mittelfeldspieler von Real Madrid rechtzeitig zur WM einsatzbereit ist. Und die Signale, die der Bundestrainer zuletzt erhielt, gaben ihm offenkundig mächtig Auftrieb. Der Heilungsverlauf nach dem im November erlittenen Kreuzbandriss sei „unglaublich positiv“, berichtete Löw. Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt habe ihm am Montag bestätigt, dass „Knie und Muskulatur absolut in Ordnung sind“. Und so schloss Löw sein Bulletin mit einer vielversprechenden Prognose für Khediras Einstieg ins Trainingslager: „Ich glaube, dass wir einen Sami Khedira antreffen, der mit eine unglaublich guten Basis kommt.“

          Aber verlassen kann er sich darauf nach einer fast sechsmonatigen Pause nicht - und erst recht nicht darauf, dass Khedira bei der WM schon in einer Verfassung ist, die ihn auf höchstem Niveau wettkampffähig macht. Insofern erschließt sich die Nominierung Kramers positionsspezifisch schon, zumal Löw zuletzt betonte, wie gut er Ilkay Gündogan hätte gebrauchen können, und auch angesichts des beunruhigenden Eindrucks, den das Münchner Duo Schweinsteiger/Kroos gegen Real Madrid hinterlassen hatte. Ob aber Kramer mit der bescheidenen Erfahrung von 33 Bundesligaspielen und ohne internationales Reifezeugnis wirklich der Richtige ist, in dieser Zone nachzubessern? Mit einigem Grund hätte Löw auch genau anders entscheiden können: nämlich für eine Option mehr im Angriff. In Hamburg musste man den Eindruck haben, dass das deutsche Team auf ein kapitales Problem zusteuern könnte. Voll auf Miroslav Klose zu bauen, wäre neben Khedira eine weitere Wette mit ungewissem Ausgang.

          Kloses potentieller Stellvertreter Kevin Volland enttäuschte gegen Polen arg, auch wenn Löw ihm attestierte, „viele Wege gemacht“ zu haben, und die körperliche Robustheit des Hoffenheimers lobte. Und auch das Projekt „falsche Neun“ ist bislang nicht zur Serienreife gelangt. Unter diesen Umständen hätte es eine Überlegung wert sein können, den Augsburger Flügelsprinter Hahn ein bisschen unter die Lupe zu nehmen. Oder sogar, noch einmal über den kantigen Pierre-Michel Lasogga, die Lebensversicherung des HSV im Abstiegskampf, nachzudenken. Löw hat sich im allerletzten Moment zu Nachbesserungsarbeiten im zentralen Mittelfeld entschlossen. Noch kann man nicht sagen, ob es die richtige Baustelle ist.

          Löws vorläufiger WM-Kader: Mit 27 Spielern nach Südtirol

          Tor (3): Manuel Neuer (FC Bayern München), Roman Weidenfeller (Borussia Dortmund), Ron-Robert Zieler (Hannover 96)

          Abwehr (10): Jérôme Boateng, Philipp Lahm (beide FC Bayern München), Erik Durm, Kevin Großkreutz, Mats Hummels, Marcel Schmelzer (alle Borussia Dortmund), Matthias Ginter (SC Freiburg), Benedikt Höwedes (Schalke 04), Per Mertesacker (FC Arsenal), Shkodran Mustafi (Sampdoria Genua)

          Mittelfeld (12): Lars Bender (Bayer Leverkusen), Julian Draxler (Schalke 04), Mario Götze, Toni Kroos, Thomas Müller, Bastian Schweinsteiger (alle FC Bayern München), Sami Khedira (Real Madrid), Christoph Kramer (Borussia Mönchengladbach), Mesut Özil, Lukas Podolski (beide FC Arsenal), Marco Reus (Borussia Dortmund), André Schürrle (FC Chelsea)

          Angriff (2): Miroslav Klose (Lazio Rom), Kevin Volland (1899 Hoffenheim)

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