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WM-Nominierung : Ohne falsche Rücksichtnahme

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Weltmeister Deutschland? Schon das Halbfinale wäre für Joachim Löw eine Meisterleistung Bild: dpa

Joachim Löw ist bei der WM-Nominierung einer klaren Linie gefolgt. Damit beweist der Bundestrainer Unabhängigkeit und Mut. Falsche Rücksicht gibt es nicht mehr. Aber schon der Halbfinale-Einzug 2010 wäre eine Meisterleistung.

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          Mit drei Torhütern, aber ohne eine eindeutige Nummer eins – mit Badstuber, Aogo und Träsch, aber ohne Hitzlsperger, Kuranyi, Frings und Lehmann: Wenn man nicht nur auf den letzten Tag der Personalentscheidungen des Bundestrainers blickt, dann erkennt man in dem vorläufig mit vier Profis über dem Nominierungslimit angereicherten Kader für Südafrika trotz aller personellen Widrigkeiten ganz allein Wille und Werk von Joachim Löw. Mag er in dem ein oder anderen Fall aus taktischen Gründen zuletzt auch mal von einer ganz klaren Linie bei der Entscheidungsbegründung abgekommen sein – im Ergebnis findet sich kein Spieler im Aufgebot, den Löw nur aus Opportunität berufen hätte.

          Der Bundestrainer hätte es sich mit Blick auf den Boulevard und die öffentliche Meinung leichtmachen können, wenn er einem knorrigen Routinier wie Frings oder einem vom Liga-Establishment favorisierten Torjäger Kevin Kuranyi ein Plätzchen in seiner Auswahl verschafft hätte. Auch in dem endgültigen Kader von 23 Spielern kommen bei einer WM ohnehin meist nur 17, 18 Spieler zum Einsatz. Da ist Puffer genug für Populismus.

          Aber als oberster Fußball-Lehrer des Landes, als der sich Löw versteht, fallen die Begründungen fachlich weit filigraner aus. Zusammen mit seinem Stab hat der zuletzt nahezu unsichtbare Bundestrainer als erstes Ziel nach monatelangen Analysen und aktuellen Zwängen zunächst eine effiziente Vorbereitung im Blick, die das Team diesmal unter besonders erschwerten Bedingungen auf höchstes WM-Niveau führen soll.

          Wer darf nach Südafrika: Bis zum 1. Juni muss Joachim Löw seinen WM-Kader nochmal verkleinern

          Das ist eine Aufgabe, die Löw von der kommenden Woche an in immer wieder wechselnden Besetzungen, bis er am 24. Mai dann endlich alle Nationalspieler beisammen hat, trotz aller sorgfältigen Planung vor seine wohl größte Herausforderung stellt. Zahlreiche Stammkräfte kommen ohne genügende Form oder Spielpraxis (Podolski, Klose, Gomez) in die Trainingslager oder stehen wie die Champions-League-Bayern lange wie nie vor einem großen Turnier im Wettkampf.

          Voraussetzungen für eine grandios WM ungünstig

          Andere mussten wegen Verletzungen gleich ganz passen (René Adler, Rolfes). Das altbekannte Manko, dass die deutschen Spieler der internationalen Top-Konkurrenz individuell unterlegen sind, hat sich zudem keineswegs verflüchtigt. Um dies alles zu beheben – dafür ist schon ein Kunststück des Bundestrainers nötig.

          Die Voraussetzungen für eine grandiose WM sind jedenfalls ziemlich ungünstig, die deutschen Erwartungen scheinen dagegen wie immunisiert. Ob nun Franz Beckenbauer oder der anonyme Fan in Meinungsumfragen – das Endspiel und der Titel sind im Land des dreimaligen Weltmeisters ein Anspruch, der wie selbstverständlich erhoben wird.

          Falsche Rücksichtnahmen haben keinen Platz mehr

          Aber schon das Halbfinale zu erreichen wäre eine Meisterleistung von Löw. Zwischen den überspannten Erwartungen und den real existierenden Ernüchterungen hat der Bundestrainer mit seinem Team in den kommenden Wochen einen schwierigen Weg vor sich. Er hat dafür einen jungen Kader zusammengestellt, mit dem er seine Idee am besten zu verwirklichen glaubt.

          Falsche Rücksichtnahmen, wie noch bei der EM 2008, haben darin keinen Platz mehr. Löw kann und will bei der WM auf seine Weise ganz viel gewinnen – und falls das nicht gelingt, muss sich der Bundestrainer wenigstens nicht den Vorwurf machen, auf falsche Leute gehört und vertraut zu haben. Sein Kader gibt ein Zeichen: Ein unabhängiger und mutiger Löw macht sich mit seinem Team auf den Weg nach Südafrika.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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