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WM-Kommentar : Kollektive deutsche Schufterei

  • -Aktualisiert am

Ein starkes Kollektiv: die deutsche Fußball-Nationalmannschaft Bild: dpa

Gegen die Deutschen möchte bei der WM niemand gerne spielen. In puncto Entschlossenheit und Willensstärke hat die DFB-Elf eine Marke gesetzt und damit manchen Mangel übertüncht.

          Die Fußballwelt staunt über so viel deutsche Wertarbeit: viermal Halbfinale seit der WM 2002, das ist eine stolze Bilanz, die der Nationalmannschaft viel Bewunderung einbringt in diesen Tagen. Auf so eine Serie kommt kein anderes Team. Dass die Deutschen es in Brasilien wieder geschafft haben, ist jedoch nicht eine unmittelbare Folge von Kontinuität und Weiterentwicklung, wie es gerne einmal vermutet wird. Das gehört dazu.

          Wichtiger aber war, dass sich das Team punktgenau einer anderen Form von Wertarbeit verschrieben hat: der kollektiven Schufterei auf dem Platz. In puncto Entschlossenheit und Willensstärke haben die Deutschen eine Marke gesetzt bei diesem Turnier und damit auch manchen Mangel übertüncht. Denn so richtig weltmeisterlich gespielt, das muss man vor dem Halbfinal-Duell mit Brasilien an diesem Dienstag (22.00 Uhr / Live im WM-Ticker bei FAZ.NET) sagen, hat Joachim Löws Mannschaft noch nicht.

          Die richtige Einstellung aber ist die Voraussetzung für vieles. Auch für die waghalsige Kehrtwende, die Löw vor dem Frankreich-Spiel einlegen konnte. Die personellen Veränderungen, erklärte der Bundestrainer, seien einem taktischen Kalkül gefolgt. Was, wenn man sich die Stärken der Franzosen anschaute, plausibel wirkte. Dennoch hatte Löw vorher einen anderen Kurs proklamiert, von dem er allenfalls bei einer Notlage abweichen wollte.

          Weil es diesen Notfall aber nicht gab und er sein Team trotzdem kräftig umbaute, liegt die Vermutung nahe, dass intern auch etwas grundsätzlicher über Richtung und Strategie diskutiert wurde. So etwas muss eine Mannschaft erst einmal aushalten können. Wenn es aber gelingt, stehen die Chancen gut, dass es sie noch stärker macht – zumindest mental.

          Die individuelle Beurteilung von Löws Umstellungen fällt durchaus unterschiedlich aus. Natürlich unterstrich Philipp Lahm, dass er auf der rechten Außenbahn etwas ist, was man im Mittelfeld so nicht über ihn sagen kann: eine Klasse für sich. In der Innenverteidigung waren Mats Hummels und Jerome Boateng ein exzellentes Team. Aber was man von dem Mittelfeld halten sollte, in dem Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira zwar Autorität ausstrahlten, diese aber nicht mit Taten untermauern konnten, ist schon eine ganz andere Frage.

          Und Miroslav Kloses Leistung in der Spitze sollte ebenfalls nicht das letzte Wort gewesen sein. Es war aber beeindruckend, wie leidenschaftlich diese Mannschaft jederzeit bei der Sache ist. Sie wird dafür nicht nur vom Publikum, sondern auch von den verbleibenden Gegnern im Turnier mit wachsendem Respekt gesehen. Gegen diese Deutschen, da darf man sicher sein, möchte niemand so gerne spielen.

          So wäre es spannend zu wissen, was im Innenleben der Mannschaft und ihres Trainers zu so einem Sinneswandel geführt hat. War es wirklich so, dass Löw dazu gedrängt werden musste, wie mancher vermutete? Oder war es so, wie es der Bundestrainer schilderte, dass er selbst es war, der die Zeit für einen neuen Reiz gekommen sah?

          Für den weiteren Weg bei diesem Turnier spielt das jedoch keine Rolle. Diese Mannschaft ist in sich so gefestigt, dass es ganz egal scheint, von welcher Seite die Impulse kommen. Die Erfahrung der vergangenen Turniere und der Hunger, endlich etwas Großes zu erreichen, verbinden sich zu einer Mischung, die Hoffnungen nährt – weil sie Kräfte freisetzt, die man so bei dieser Mannschaft lange nicht vermutet hatte.

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