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WM-Kommentar : Die unheimlichen Sieben

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Nicht nur Andre Schürrle hat Grund zum Jubel Bild: dpa

Nach dem 7:1 gegen Brasilien muss die DFB-Elf die Favoritenrolle für das Endspiel akzeptieren. Mehr noch als das Ergebnis spricht für die Deutschen, dass sie nun bei dieser WM alle Qualitäten gezeigt haben, die nötig sind, um den Titel zu gewinnen.

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          Wie erklärt man ein Fußball-Wunder? Am besten gar nicht. Man lässt es einfach über sich ergehen oder noch besser, man genießt es in vollen Zügen. Brasilien 1, Deutschland 7, wer dieses Ergebnis des WM-Halbfinales von Belo Horizonte vorhergesagt hätte, wäre für verrückt erklärt worden.

          Hätte der Tipper behauptet, schon nach einer halben Stunde würde es 5:0 stehen, Brasilien in sechs Minuten vier Gegentore hinnehmen, wäre er umstandslos eingewiesen worden. So ein Spiel muss Trost für jeden verzweifelten Amateur sein, der in seiner Fußballkarriere gedemütigt worden ist. Siehe da, auch den größten Mannschaften geschehen Missgeschicke unglaublichen Ausmaßes.

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          Das Fehlen der Stars Neymar und Thiago Silva begünstigte das Eintreten dieses Ereignisses, begründet es jedoch noch lange nicht. Die Brasilianer warfen sich in den ersten Minuten geradezu auf die Deutschen, versuchten Stärke zu demonstrieren, die sie nicht wirklich besaßen. Als dem frühen ersten deutschen Tor mit zwölf Minuten Verzögerung das zweite gefolgt war, entpuppte sich das wilde Anrennen als Pfeifen im Walde. Und gleich darauf setzte eine Schockstarre ein.

          Die Deutschen deckten in diesen Minuten alle ihre spielerischen Möglichkeiten auf, die sie im Turnier bisher nur angedeutet hatten. Nach Müllers Türöffner nach einem Eckball wurden die Tore von Klose, Kroos (2) und Khedira weltmeisterlich herausgespielt. Die Spielzüge im brasilianischen Strafraum hatten die Qualität eines chirurgischen Eingriffs.

          Nach dieser Begegnung der unheimlichen Art muss die Mannschaft von Joachim Löw die Favoritenrolle für das Endspiel akzeptieren, ob der Gegner nun Niederlande oder Argentinien heißt, obwohl sich die Partie gegen Brasilien einer normalen Bewertung entzieht. Mehr noch als das Ergebnis spricht für die Deutschen, dass sie nun bei dieser WM alle Qualitäten gezeigt haben, die nötig sind, um den Titel zu gewinnen.

          Das 2:2 gegen Ghana nach Rückstand war ein Erfolg der Leidenschaft, das 2:1 im Achtelfinale gegen Algerien nach desolater erster Halbzeit ein Musterbeispiel, wie sich eine Mannschaft selbst aus dem spielerischen Sumpf ziehen kann, wie sie durch Fleiß und Kampfgeist wieder festen Boden unter die Füße bekommt. Auch das 1:0 im Viertelfinale gegen Frankreich stand unter ähnlichen Vorzeichen. Trotz eines phasenweise überlegenen Gegners, drückten die Spieler den Rücken durch und weigerten sich zu verlieren. Sie profitierten auch von einem Torwart Manuel Neuer, der, ganz ähnlich wie Oliver Kahn, bei der WM 2002 in Japan und Südkorea eine Titanen-Rolle übernahm.

          Bundestrainer Löw hat wieder seine Stärken in der Vorbereitung auf das Turnier und die einzelnen Begegnungen ausgespielt. Er und sein Stab brachten die Spieler körperlich und taktisch in einen hervorragenden Zustand. Dabei schuf Löw ein Betriebsklima, in dem sich jeder einzelne als wichtiger Teil der Mannschaft verstand. Dieser beflügelnde Teamgeist war auf dem Spielfeld und außerhalb zu spüren. Löw strahlte Ruhe und Sicherheit aus, bewies beim Coaching eine geschickte Hand und wechselte mit Klose und Schürrle die Torschützen gegen Ghana und Algerien ein.

          Es ist müßig, darüber nachzudenken, ob der Weg ins Finale leichter gefallen wäre, hätte Löw nicht die Idee mit den vier Innenverteidigern in der Abwehrkette so lange verfolgt. Seine Überlegung, so der Abwehr zu mehr Stabilität zu verhelfen, war nicht abwegig. Und immerhin korrigierte er, als die Schwäche des Systems, der Verlust an Offensivkraft, immer stärker zum Tragen kam. Löw hat bei dieser WM an Profil gewonnen, das hätte auch ohne das 7:1-Wunder gegen Brasilien gegolten.

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