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WM-Kolumne von Moritz Rinke : „Der DFB könnte für uns eine Paar-Therapie organisieren“

  • -Aktualisiert am

Ist das das WM-Finale? Nein, das ist das Vorrunden-Aus: Thomas Müller nach dem Spiel gegen Costa Rica bei der WM in Qatar Bild: Reuters

Thomas Müller sitzt immer noch in Qatar in der Kabine und trifft auf ein Monster. Es geht um Liebe, Leidenschaft – um alles. Ein Dramolett.

          3 Min.

          Die deutsche Mannschaft ist bereits zu Hause, die Zeitungen sind voll mit Analysen der Blamage. Nur Thomas Müller sitzt seit 96 Stunden in der Kabine des Stadions in Qatar, immer noch im Trikot, mit dem er sein vermutlich letztes Länderspiel bestritten hat. Er starrt die Wand an, regungslos, leer, nur manchmal zieht ein zartes Lächeln über sein Gesicht, wenn er an Rio de Janeiro zurückdenkt, an den Titel. Plötzlich hört er ein seltsames Geräusch, ein Stöhnen, die Kabinentür geht langsam auf, aber niemand kommt herein. Das ist spooky. Dann sieht Müller ein seltsames Wesen, es sieht ein bisschen aus wie Gollum aus „Herr der Ringe“, nur kompakter, es hat aber auch Züge von Matthias Sammer, Lothar Matthäus und Stefan Effenberg. Das Wesen kann kaum laufen, hat die Tür mit dem Kopf aufgestoßen und robbt über den Kabinenboden.

          Fußball-WM 2022

          Müller (erschrocken): Oh Schreck, was bist denn du??!

          Das Wesen ächzt, kann kaum sprechen. Es ist auch ganz glitschig und dreckig und rutscht immer wieder weg. Irgendwann meint Müller zu verstehen.

          Müller: Du bist das Mentalitätsmonster?!

          Mentalitätsmonster: Ja, das deutsche… (stöhnt, ächzt)

          Müller: Du kommst echt total spät! Wir sind schon raus!

          Mentalitätsmonster: Jesus, Maria und Josef!

          Müller: Wo hast du denn gesteckt?!

          Mentalitätsmonster: In den Japanern! Ich musste da erst mal irgendwie rauskommen!

          Müller: Häh? Wie kann denn das deutsche Mentalitätsmonster in den Japanern drinstecken??

          Mentalitätsmonster: Das frage ich mich auch… Du ahnst nicht, was ich durchgemacht habe! Die Japaner waren die ganze Zeit in Qatar hinter mir her, in der Wüste, an der Corniche beim Shoppen, einmal flüchtete ich sogar in die Moschee, aber es nützte nichts. Kurz vor dem ersten Gruppenspiel hatten sie mich erwischt. Ritsu Doan hat mich verschlungen!

          Müller: Ritsu Doan vom SC Freiburg?? Der hat gegen uns und gegen Spanien ein Tor geschossen!

          Mentalitätsmonster: Eben, richtig, ich war ja dabei…

          Müller: Aber du gehörst doch zu uns! Warum hast du nicht in uns dringesteckt??

          Mentalitätsmonster: Warum, warum?? … Weil mich die Japaner haben wollten! Ihr habt euch ja gar nicht um mich bemüht, ich habe sogar um Hilfe geschrien, aber niemand von euch kam! Ihr seid viel zu langsam.

          Müller: Jetzt weiß ich wenigstens, wie du aussiehst. Hast schon ein bissel was von Loddar und Effe.

          Mentalitätsmonster: Manche sagen, ich hätte die Augen meines Großvaters Oliver Kahn. Früher hatte ich Haare wie Paul Breitner.

          Müller: Aber warum bist du so glitschig?

          Mentalitätsmonster: Ich musste mich aus dem Japaner wie durch einen Tunnel herauswinden.

          Das Monster robbt mit Mühe auf die Bank neben Müller und schnauft durch.

          Müller: Jetzt sitzen wir hier…

          Mentalitätsmonster: Ich wollte eigentlich gar nicht zu dir, sondern zu den Marokkanern. Ich mach das jetzt mit Marokko.

          Müller: Das mir immer so was Irres passieren muss! Nach dem scheiß Japan-Spiel hat mich eine Kapitänsbinde zugetextet, die konnte auch plötzlich sprechen!

          Mentalitätsmonster: Die „One Love“­-Binde?

          Müller: Ja, der Fußball hat sich bei uns verändert. Plötzlich geht es um andere Dinge. Um Menschenrechte und so.

          Mentalitätsmonster: Ich finde das gut. Man kann auch als Mentalitätsmonster für die Menschenrechte sein, aber wir passen trotzdem nicht mehr zusammen.

          Müller: Du willst dich endgültig trennen?

          Mentalitätsmonster: Ich kann mir nicht vorstellen, in Zukunft in Werner oder Schlotterbeck drinzustecken.

          Müller: Wie wäre es mit Kimmich oder Goretzka?

          Mentalitätsmonster: Hatte ich gehofft, hatte ich dir schon erklärt: Die Japaner wollten mich mehr! Sie waren gieriger, dreckiger, obwohl sie immer picobello ihre Kabine aufräumen.

          Müller: Verlass uns bitte nicht! Bald ist doch EM in Deutschland…

          Mentalitätsmonster: Ach, weißt du, ihr Deutschen macht ständig so einen Zirkus darum, dass ihr die Guten seid. Ihr seid gute Spießer geworden.

          Müller: Ist das jetzt etwa schlecht?

          Mentalitätsmonster: Nee, aber nichts für mich. Ich bin ein Monster der Leidenschaft. Ich will auch mal das Unkorrekte, ich will Gier, Dreck, Sturm, Drang und Blut.

          Moritz Rinke
          Moritz Rinke : Bild: privat

          Müller: Jetzt weiß ich, wo ich dich gesehen habe. Im WM-Finale in Brasilien, als Bastian Schweinsteiger auf dem Spielfeld getackert wurde. Du hast, glaube ich, einmal kurz aus der Wunde Schweinsteigers geschaut. Da ging ein Ruck durch uns alle!

          Mentalitätsmonster: Ja, das war ich. Schön, dass du dich erinnerst. Erinnerst du dich noch an den Satz von Christoph Kramer als er im Finale aus seinem Koma erwachte? Ein Argentinier hatte ihn gerammt.

          Müller: „Schiri, ist das das Finale? Ich muss das wissen.“ Wahnsinns-Statement, ich stand ja daneben.

          Mentalitätsmonster: Das habe ich gesagt, ich sprach aus Kramer heraus, ich wusste wirklich nicht genau, wo ich war. „Ah, im Finale!“, sagte ich mir, danach bin sofort zu Schweinsteiger, der gefiel mir.

          Müller: Ich träume immer noch von Brasilien, das waren Zeiten!

          Mentalitätsmonster: Früher fand ich euch nicht so gut am Ball, aber ihr wart mutig, frisch und sexy.

          Müller: Aber jetzt sind wir super am Ball! Jetzt wären wir doch perfekt!

          Mentalitätsmonster: Das ist ja das Tragische…

          Die Tür geht auf, die marokkanische Nationalmannschaft betritt beseelt und kampfesmutig die Kabine für das Achtelfinale.

          Mentalitätsmonster: So, Müller, ich muss los.

          Müller: Geh nicht, bitte bleib… Der DFB könnte doch für uns eine Paar-Therapie organisieren…

          Mentalitätsmonster: Adieu, Adieu…

          Der Autor gehört zu den führenden Dramatikern seiner Generation. Im Januar erscheint sein neues Buch „Unser kompliziertes Leben.“

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