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WM-Halbfinale gegen Brasilien : Deutschland ist wieder da – und wie

  • -Aktualisiert am

Mitverantwortlich für die neue Wahrnehmung Deutschlands: Thomas Müller und Mats Hummels Bild: dpa

Die DFB-Elf zeigt bei der WM eine neue Fußball-Sachlichkeit mit Spielern, die sich von Bundestrainer Löw inzwischen emanzipiert haben. Das flößt vor dem Halbfinale am Dienstag auch den Brasilianern Respekt ein.

          „Die Mannschaft“ – über diesen Begriff stolpert man hin und wieder, wenn man in ausländischen Medien etwas über das deutsche Fußball-Nationalteam liest. Auf irgendeinem Weg, der später mal ein Fall für Sprachwissenschaftler werden könnte, scheint sich dieser Glaube eingeschlichen zu haben: dass das ein Kosename sei, der hierzulande absolut gebräuchlich wäre.

          So, wie die Seleção eben die Seleção ist, oder andere Länder über (National-) Farben, Tiere oder sonst wie eine Verbindung zu ihrer Nationalmannschaft herstellen und diese dann, „liebevoll“, wie es immer heißt, so nennen. So ist es hier natürlich nicht. „Die Mannschaft“, das ist nur ein ganz gewöhnliches Wort, eines von vielen. Aber wenn man in diesen Tagen doch nach etwas wirklich Prägendem suchte für Joachim Löws Team, dann wäre das gar keine so schlechte Idee.

          „Man muss nicht phantastisch spielen“

          Die Mannschaft ist nämlich wieder da – und wie. Die Deutschen haben bislang vielleicht noch nicht so gut Fußball gespielt bei dieser WM. Zumindest nicht so, dass man das „weltmeisterlich“ nennen könnte, und auch nicht so gut, wie sie das in der Vergangenheit schon getan hat. Sie hat aber, zusammen mit ihrem Trainer, offenbar beschlossen, dass ihr das schnurz ist: Lieber handfest gewinnen als in Schönheit sterben, das scheint das Motto für Brasilien geworden zu sein.

          Die DFB-Elf ist wieder eine „Mannschaft“ - und Phlipp Lahm (Mitte) ihr Anführer

          „Man kann nicht immer davon ausgehen, dass eine Mannschaft phantastisch spielt“, hat Löw nach dem Algerien-Spiel gesagt, dem am wenigsten weltmeisterlichen von allen bislang. „Das haben wir vielleicht in der Vergangenheit bei dem einen oder anderen Turnier gemacht – und sind ausgeschieden. Man muss nicht immer phantastisch spielen, aber gewinnen.“ Die neue deutsche Fußball-Sachlichkeit.

          Diese Deutschen - irgendwie unangenehm

          Die Spieler haben offenbar Gefallen daran gefunden. Denn auch am Freitag im Viertelfinale war wieder eine Mannschaft zu sehen, die nicht Löws altem Ideal vom schönen Spiel folgte. Die aber um jeden Preis eine Runde weiterkommen wollte. Kantig und selbstbewusst war es, wie die Deutschen die Franzosen in der Mittagshitze von Rio de Janeiro in die Knie zwangen. Und da passte es gut ins Bild, dass auch der Siegtreffer auf maximal unprosaische Art fiel: Freistoß, Kopfball, Tor – hinein gewuchtet von einem Innenverteidiger, der auf dem Weg zum Ball noch seinen Gegenspieler vor sich hergeschoben hat, als würde er ihn zur Not gleich mit über die Linie befördern.

          „Die Mannschaft“, schon das Wort muss für fremde Ohren ziemlich hart klingen. Und vor dem Hintergrund der jüngsten WM-Eindrücke auch ein bisschen bedrohlich. Ganz Brasilien war zwar in den vergangenen Tagen viel zu sehr mit dem Drama um seinen verletzten Superstar Neymar beschäftigt, als dass es sich groß über Deutschland hätte Gedanken machen können. Je näher das Halbfinale an diesem Dienstag in Belo Horizonte aber rückt, desto mehr dürfte die Brasilianer das Gefühl beschleichen, dass diese Mannschaft nicht der Gegner ist, auf den man unbedingt gewartet hat. Klar, aussuchen kann man es sich nicht mehr in einem WM-Halbfinale. Aber diese Deutschen – irgendwie unangenehm.

          Die Trainer sind zufrieden: „„Wir waren sehr aufsässig“, sagte Löw nach dem Viertelfinale

          Die Wahrnehmung von Löws Mannschaft, so wirkt es in den internationalen Pressekonferenzen, hat sich noch einmal verschoben in den letzten Wochen. Sie wird zwar immer noch bewundert, aber nicht mehr schwärmerisch für ihr bisweilen künstlerisches Spiel. Sondern für ihre in Serie unter Beweis gestellte Effizienz: dass die Deutschen es nun schon zum vierten Mal nacheinander in das Halbfinale einer WM geschafft haben. Und darüber hinaus für das fokussierte, zweckorientierte Auftreten bei dieser WM. Diese Mannschaft, das spürt man an allen Ecken, flößt Respekt ein.

          „Wir waren aufsässig“

          Es scheint, als würden sich in Brasilien ein paar Dinge fügen, die lange nicht so recht zusammenpassen wollten bei Löw und seinem Team. Nicht, weil es unbedingt geplant gewesen wäre. Sondern auch ein Stück weit aus der Not geboren: durch die vielen Verletzungen in der Vorbereitung. Und durch die damit verbundene Erkenntnis, dass diese WM nicht als Kunststück gewonnen werden kann. Sondern nur als kollektiver Kraftakt.

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