https://www.faz.net/-gaq-7rj9g

Erinnerungen ans WM-Finale 1990 : Am Flughafen mit „Pierre Libarski“

  • Aktualisiert am

Lothar Matthäus (links) und Pierre Littbarski mit dem WM-Pokal Bild: AFP

An das WM-Finale 1954 können sich viele aufgrund der späteren Geburt nicht erinnern. Beim Titel 1974 sieht es schon anders aus. 1990 ist den meisten präsent – auch F.A.Z.-Sportredakteur Christoph Becker.

          1 Min.

          Seltsamerweise kann ich mich an das Endspiel von 1986 konkreter erinnern als an Szenen der Partie von 1990. Mexiko war für mich als Achtjährigen das erste ganz große Fußballturnier. Meine Oma kaufte mir Micky-Maus-Hefte, obwohl sie sicher nicht an Disney’s pädagogischen Wert glaubte.

          Aber es lagen Panini-Sticker drin und ich hatte immer aufgegessen. Das Logo der 86er WM ist für mich nach wie vor unübertroffen und weil das Endspiel im Aztekenstadion früher begann als die deutschen Spiele im Viertel- und Halbfinale, musste ich mir meinen Platz vor dem Fernseher auch nicht erkämpfen – zumal an jenem Tag mein Opa Geburtstag hatte.

          Was dazu führte, dass meine Großtante, nennen wir sie Waltraut, kurz nach Anpfiff, beim Stand von 0:0, den Kopf durch die Tür steckte und bemerkte, dass die Deutschen in ihren Auswärtstrikots spielten. „In Grün“, sagte Waltraut, „in Grün? Die verlieren.“ Wenig später segelte Toni Schumacher in seinem sonnenblumengelben Outfit unter der Mittagssonne von Mexiko-City durch den Strafraum und unter dem Ball durch und Brown erzielte das 1:0.

          Als die Deutschen schließlich tatsächlich verloren hatten, meine ich, nicht mal besonders traurig gewesen zu sein – die Tore von Rummenigge und Völler in der zweiten Halbzeit zum Ausgleich, jeweils nach Ecken von Brehme, hatten mich ziemlich fasziniert. Nicht aufgegeben, weiter gekämpft, obwohl die Argentinier offensichtlich besser waren, das fand ich toll. Da fiel die anschließende Niederlage durch Burruchagas Tor gar nicht sehr groß ins Gewicht.

          Vier Jahre später, 8. Juli 1990, war ich zwölf und wir hatten immer noch keinen Kabelanschluss, was dazu führte, dass ich in meinem Zimmer vor der Stereoanlage hockte und NDR2 hörte. Becker gegen Edberg, Wimbledon-Endspiel: Becker liegt schnell 0:2 zurück, gleicht aus, verliert doch im fünften Satz. „Ist vielleicht ganz gut“, sagt meine Mutter anschließend. „Wimbledonsieg und Weltmeister am gleichen Tag wäre ein bisschen zu viel.“

          Neulich habe ich nochmal die Tagesschau vom 9. Juli 1990 gesehen. Mir sind zwei Dinge aufgefallen: Der Sprecher, der auf die Bilder von der Ankunft der Spieler am Frankfurter Flughafen spricht, nennt Pierre Littbarski „Pierre Libarski“ – kaum vorstellbar, dass heute noch ein Nationalspielername vermurkst würde. Und, viel schlimmer: In der Nacht, in der die Nationalmannschaft in Rom Weltmeister wurden, hieß es da, wurden in Ost-Berlin Ausländer angegriffen. Inzwischen verstehe ich meine Mutter längst.

          Weitere Themen

          Die Arrivierten bangen um Olympia

          Deutsche Leichtathleten : Die Arrivierten bangen um Olympia

          Der Leichtathletik-Verband wird das stärkste Kontingent zur deutschen Olympiamannschaft beisteuern. Doch viele große Namen sind noch nicht im Kader. Wer von ihnen in Tokio dabei ist, bleibt unklar.

          Topmeldungen

          Passanten schauen einer Performance am New Yorker Times Square zu.

          Grandiose Auferstehung : Amerikas Wirtschaft boomt

          Der prophezeite Niedergang wird abgeblasen: Die amerikanische Wirtschaft ist nahe dran, die Wertschöpfung von vor der Pandemie zu erreichen. Daran hatten auch sparsame Bürger ihren Anteil.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.