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Deutschland 7 - Brasilien 1 : Danke für dieses Spiel

Blau auf Weiß - und dennoch immer noch schwer zu fassen Bild: dpa

Was für ein Spiel! Unfassbar! Wahnsinn! So viel ungläubige Freude hat man in Deutschland lange nicht erlebt. Und es gibt eine neue Mondlandungsfrage: Wo warst du, als wir 7:1 gegen Brasilien gewonnen haben?

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          Wo warst du, als wir 7:1 gegen Brasilien gewonnen haben?“ Nach seiner Sternstunde in Belo Horizonte hat nun auch der deutsche Fußball seine Mondlandungsfrage. Niemand, der dieses Halbfinale gesehen hat, dürfte je vergessen, wo und wie er dieses Geschenk der deutschen Nationalmannschaft in Empfang nehmen durfte. Ein solches Ergebnis und Erlebnis hat es in achtzig Jahren Weltmeisterschaft nicht gegeben, und es braucht auch nicht viel Phantasie, um vorherzusagen, dass es sich über Generationen hinweg kaum wiederholen wird.

          Ein solch epochaler Erfolg in einem WM-Halbfinale gegen die Inkarnation des Fußballs, gegen die Idee des schönen Spiels schlechthin, und dies alles noch in der Heimat des fünfmaligen Weltmeisters, hat Zuschauern, Experten und Kommentatoren überall auf der Welt wenigstens für einen Moment die Sprache verschlagen. Es war eine so unvergessliche Nacht, die über den Fußball und Brasilien hereinbrach; neunzig Minuten von mythischer Kraft, die alle üblichen Erklärungsmuster außer Kraft zu setzen schien.

          Was für ein Spiel! Ohne Worte! Unfassbar! Wahnsinn! So viel ungläubige Freude hat man in Deutschland lange nicht mehr erlebt. Nun ist in Brasilien zwar keine Mauer gefallen, aber es ist, als wäre im Halbfinale mit einem riesigen Knall ein Korken explosionsartig hinausgeflogen, der zwei Jahre lang, seit dem EM-Halbfinale, viele der Fähigkeiten des Teams von Bundestrainer Joachim Löw unter Verschluss gehalten hatte.

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          Als wäre all der immense Druck, der sich gerade in den WM-Tagen noch einmal aufgestaut hatte, gegen Brasilien mit einem Schlag entwichen. Und so lässt sich an die Mannschaft und ihre Trainer nur sagen: Danke für dieses Spiel!

          Es waren nicht gerade wenige Menschen in Deutschland, die diesen besonderen Moment miteinander teilten, um genau zu sein: mehr als 32 Millionen. So viele haben noch nie in Deutschland gemeinsam Fußball gesehen und einen Augenblick für das kollektive Gedächtnis erlebt. Unvergessliche Momente für Millionen.

          Aber Spieler und Trainer sehen das ganz anders: 7:1 gegen Brasilien, sich freuen und dann schnell abhaken. Am Sonntag ist das nächste Spiel. Vom Zauber des Moments können und wollen sich Löw und Co. nicht gefangennehmen lassen. Ihre Frage lautet: Wie kommt man von 7:1 auf 50:50, vom Triumph gegen Brasilien zur Ausgangsbasis für das Endspiel in Rio am Sonntag?

          Während sich die Fans der deutschen Elf staunend und schwärmend die Augen reiben, ärgerte sich (nicht nur) Torwart Neuer schon auf dem Platz über den Gegentreffer in der Schlussminute. Verteidiger Boateng insistierte mit Blick auf die zweite Halbzeit, dass es genug Dinge zu verbessern gebe und dass ihn dieser historische Moment des Fußballs im Augenblick nicht interessiere. Nur das Finale zähle. Bundestrainer Löw warnte sofort vor Überheblichkeit.

          Die Schmerzen der Vergangenheit sind nach diesem Triumph der beste Ratgeber dieser gereiften und gefestigten deutschen Mannschaft vor dem Endspiel. Eine Garantie auf den ersehnten Titel gibt es auch nach einem 7:1 gegen Brasilien nicht.

          Aber das gute Gefühl, es bei dieser WM endlich mit einer Mannschaft zu tun zu haben, die sich gegen alle Widerstände durchsetzt und zum Saisonhöhepunkt auch ihre Bestleistung zeigen kann, dürfte dem Team und dem Trainer Kraft geben, um nun auch den letzten großen Schritt auf ihre ganz neue Weise zu gehen. Dann werden auch die Champagner-Korken knallen.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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