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Deutschland unterliegt Mexiko : Löw will seinen WM-Plan nicht ändern

„Wir werden unsere Lehren daraus ziehen und es beim nächsten Male besser machen“: Bundestrainer Joachim Löw. Bild: Reuters

Der Weltmeister tappt in die mexikanische Falle und verliert zum Start der WM mit 0:1. Ob es nun zu einer deutlichen Korrektur kommen wird, bleibt die entscheidende Frage. Zweifel sind angebracht.

          Als der ehemalige Bundestrainer Berti Vogts vor ein paar Monaten gebeten wurde, seine Wunschaufstellung für die Weltmeisterschaft zu skizzieren, da hatte er eine überraschende Variante und zusätzlich ein paar mahnende Worte parat. Vogts hatte dem Innenverteidiger Antonio Rüdiger einen Platz im defensiven Mittelfeld zugewiesen. „Dort fehlt es uns an Geschwindigkeit“, begründete Vogts seine Idee, „und Rüdiger bringt mit seiner Athletik alles mit für diese Position“.

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          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Wegen seiner etwas ungelenk wirkenden Art, die nicht mehr in die heutige Zeit passen will, wird der Europameister-Coach von 1996 gerne belächelt, aber dass er sich immer noch ein Auge für das Wesentliche bewahrt hat, bestätigte sich am Sonntag beim WM-Auftakt nachdrücklich. Mexiko stellte dem Titelverteidiger Deutschland eine Falle, in die der Weltmeister, dem es gerade im defensiven Mittelfeld auffällig an Dynamik mangelte, prompt hineintappte. Und entsetzt sahen die deutschen Fans bei der 0:1-Niederlage, dass es möglicherweise nichts werden könnte mit einem so schönen Fußballsommer wie vor vier Jahren.

          Offenbar hatten die Mexikaner das deutsche Spiel sehr genau analysiert und daraus die richtigen Schlüsse gezogen. „Den Matchplan haben wir vor vielleicht sechs Monaten aufgestellt“, sagte Trainer Juan Carlos Osario. Ein Satz, der im gerne selbstgewissen deutschen Lager alle Alarmglocken schrillen lassen müsste. Das Spiel des Weltmeisters scheint also zum einen nicht besonders schwer zu lesen sein, zum anderen ist mit taktischen Überraschungen oder zumindest Abweichungen offenbar nicht zu rechnen.

          Die linke deutsche Seite stellten die Mexikaner deshalb konsequent zu, verhinderten so vor allem, dass Toni Kroos zu seiner Rolle als Ballmagnet finden konnte. Stattdessen lockten sie Sami Khedira auf der rechten Seite mit viel freiem Raum vor sich, doch immer wenn der Mittelfeldspieler von Juventus Turin diesen für sich zu nutzen suchte, schnappte die Falle zu. Die Mexikaner eroberten sich die Bälle genau dort, wo sie es geplant hatten – und starten danach reihenweise ihre Konter über die häufig verwaiste rechte Seite der Deutschen.

          „Die Mexikaner sind vier-, fünfmal allein auf uns zugelaufen. Wir haben alles vorher analysiert, aber wir haben es nicht auf das Feld gebracht“, sagte Jerome Boateng. Und sein Innenverteidiger-Kollege Mats Hummels vermisste jeglichen Lerneffekt aus dem letztem WM-Testspiel vor der Abreise nach Russland: „Wir haben wie gegen Saudi-Arabien gespielt – nur gegen einen besseren Gegner. Klingt nach Gesprächsbedarf. Für den Montag sagte der Deutsche Fußball-Bund alle öffentlichen Termine in seinem Basislager Watutinki ab.

          Das Muster des mexikanischen Plans war im Grunde schnell zu erkennen gewesen – es war gerade einmal eine Minute vorüber, als Boateng die erste Großchance mit beherztem Eingreifen verhindert hatte, weil sich der spätere Torschütze Hirving Lozano im Rücken von Joshua Kimmich freigelaufen hatte. Trotzdem hatte es eine Stunde gedauert, bis Joachim Löw verändert hatte, was schon längst einer Korrektur bedurft hätte.

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          Der Bundestrainer beorderte den Dortmunder Marco Reus, der überraschenderweise nicht zur Startformation gehört hatte, ins offensive Mittelfeld, zog dafür Mesut Özil auf die defensivere Position des ausgewechselten Khedira zurück. Den BVB-Kapitän aufgrund seiner Dynamik von Beginn an mitwirken zu lassen war für Löw offenbar keine Option gewesen. „Ich wusste schon seit dem Trainingslager in Eppan, dass ich von der Bank kommen werde“, sagte Reus. Daran hatte auch nichts geändert, dass er zu den wenigen Lichtblicken im letzten Test gegen Saudi-Arabien gehört hatte.

          Mit seiner Einwechslung hatte das deutsche Spiel zwar eine andere Statik bekommen, da Özil ballsicher genug agierte, um nicht in die mexikanische Falle zu tappen und auch der lange behäbig wirkende Kroos deshalb nicht mehr zugestellt werden konnte. Das nun errichtete Abwehrbollwerk der Mexikaner, die selber einige Konterchancen vergaben, konnte die deutsche Mannschaft aber nicht mehr ins Wanken bringen – auch nicht in der Schlussphase, als schon der Notfallplan mit Mario Gomez als zusätzlichem Stürmer aktiviert werden musste.

          An Özil arbeiteten sich danach viele Kritiker in der Heimat ab, dabei hatten dem Spielmacher vom FC Arsenal vor allem die Nebenspieler gefehlt, um überhaupt ein Kombinationsspiel entwickeln zu können. Julian Draxler auf der linken Seite kam erst in der zweiten Halbzeit etwas besser zur Geltung, dessen Kollege Thomas Müller gegenüber irrlichterte über das Spielfeld, was Kimmich zusätzlich unter Druck setzte. Wie wenig das deutsche Spiel ausbalanciert war, hatte das Führungs- und Siegtor der Mexikaner offenbart, als Özil als offensiver Mittelfeldspieler hinten rechts versuchte, den Torschützen Lozano (35. Minute) noch zu stoppen.

          Es ist lange her, dass eine deutsche Mannschaft ein Auftaktspiel bei einer Weltmeisterschaft derart in den Sand setzte. 1982 verlor sie gegen Algerien, danach krachte es mächtig im deutschen Lager – und die WM-Reise endete in der Folge erst im Finale gegen Italien. Ob es nun aber zu einer deutlichen Korrektur kommen wird, bleibt die entscheidende Frage, und Zweifel sind angebracht. „Wir werden unsere Lehren daraus ziehen und es beim nächsten Male besser machen“, sagte Löw, der aber offenbar weiterhin von seiner Idee überzeugt ist: „Den Plan über den Haufen zu schmeißen, das machen wir schon gar nicht. Wir werden deswegen nicht von unserem Weg abgehen, wir müssen unsere Stärken wieder finden.“ Fürs erste, so müsste die Erkenntnis des ernüchternden Auftaktspiels aber lauten, sollten sie vor allem ihre Schwächen abstellen. Die Schweden, nächster Gegner am Samstag (20.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, in der ARD und bei Sky) in Sotschi, und die Südkoreaner werden genau hingeschaut haben. Und gewiss auch ihre Lehren daraus ziehen, wie einfach dem Weltmeister beizukommen ist.

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          Knapp 26 Millionen sahen WM-Auftaktpleite gegen Mexiko

          Schwaches Spiel – starke Quote: 25,97 Millionen Zuschauer verfolgten am Sonntagnachmittag ab 17 Uhr im ZDF die 0:1-Auftaktpleite der deutschen Nationalmannschaft gegen Mexiko. Der Marktanteil betrug 81,6 Prozent. Nicht eingerechnet sind hier die Fans, die das Spiel der Fußball-WM in Russland beim Public Viewing auf öffentlichen Plätzen oder in Gaststätten sahen. Zum Vergleich: Beim ersten Vorrundenspiel bei der vergangenen WM in Brasilien am 16. Juni 2014, ein Montagabend um 18.00 Uhr, wurden beim 4:0 über Portugal 26,36 Millionen Zuschauer (81,8 Prozent) vor den Fernsehen gemessen – also ein klein wenig mehr als am Sonntag. Das Abendspiel am Sonntag zwischen Brasilien und der Schweiz (1:1) interessierte 11,98 Millionen Zuschauer (36,6 Prozent). Am frühen Nachmittag um 14 Uhr waren 6,44 Millionen Menschen (41,0 Prozent) bei der Begegnung zwischen Costa Rica und Serbien (0:1) dabei. (dpa)

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