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Fußball-Nationalmannschaft : In einer fernen Welt

Keine einfache Zeit: Die Nationalelf von Bundestrainer Joachim Löw ist nicht mehr sie selbst Bild: AFP

Größtmögliche Abschottung, fehlendes Gespür, kaum noch erkennbare Maßstäbe, der Verlust von Bodenhaftung: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist kurz vor der WM in Brasilien nicht mehr sie selbst.

          6 Min.

          Der deutsche Fußball wird sich an diesem Samstagabend glanzvoll präsentieren, da kann man sicher sein. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hatte die Idee, ein „Fest der Weltmeister“ zu inszenieren, und so werden nun am Vorabend des Länderspiels gegen Kamerun (Sonntag, 20.30 Uhr / Live in der ARD und im Länderspiel-Ticker bei FAZ.NET) erstmals die Weltmeister von 1954, 1974 und 1990 auf einer Gala zusammenkommen.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Horst Eckel wird da sein, einer der letzten Helden von Bern. Franz Beckenbauer natürlich, der Kapitän des Münchner Endspiels und Teamchef von Rom. Aber auch zahlreiche weitere Fußball-Helden von einst haben sich angekündigt: Lothar Matthäus, Rudi Völler, Pierre Littbarski, Sepp Maier, Hans Schäfer und, und, und.

          „Wunderbare Einstimmung auf Brasilien“

          An einem solchen Abend darf die Politik nicht fehlen. Wenn der Fußball ruft, sind auch Minister ganz selbstverständlich zur Stelle. Für Düsseldorf hat sich Innenminister Thomas de Maizière angesagt. „Es wird ein Fest für unsere Weltmeister und eine wunderbare Einstimmung auf die WM in Brasilien“, sagte der DFB-Präsident vor ein paar Monaten.

          Die Hochglanzveranstaltung steht nun jedoch im scharfen Kontrast zu dem traurigen Bild, das die deutsche Nationalelf des Jahrgangs 2014 derzeit abgibt: Ein Nationalspieler, der in die Hotellobby pinkelt; ein Bundestrainer, der über die Autobahn rast und seinen Führerschein verliert; eine PR-Aktion, bei der zwei Menschen bei einem Autounfall verletzt werden und zwei Spieler zurückbleiben, die zum Psychologen müssen, weil sie die schrecklichen Bilder nicht aus dem Kopf bekommen - die erste Auswahl des Landes fällt kurz vor der WM gerade aus der Rolle. Und darauf hat niemand im DFB eine Antwort.

          Von wegen heile Welt: Der Ort des Unfalls im Passeiertal, das mittlerweile zu einer Chiffre für misslungene WM-Trainingslager zu werden droht

          Doch der Reihe nach: Der Fußball bewegt sich heute in Sphären, von denen die Weltmeister von einst nur träumen konnten. Im vergangenen Herbst wurde die Studie „Wir sind Nationalmannschaft“ veröffentlicht, eine „Analyse der Entwicklung und gesellschaftlichen Bedeutung der Nationalelf in den Jahren 1998 bis 2012“. Das Ergebnis könnte die DFB-Auswahl geradezu schwindelig machen. 94 Prozent der Befragten finden das Auftreten „vorbildlich“. Es ist die Rede von der „Verkörperung von Werten“, von „landesweiter Strahlkraft über alle gesellschaftliche Schichten hinweg“, von der „vierten Macht im Staat“.

          Das sind große Worte. In diesen Tagen merkte man, wie groß sie sind. Zu Beginn des Trainingslagers in Südtirol hatte Oliver Bierhoff die Nationalspieler in einer Ansprache an ihre Vorbildrolle erinnert. Der Manager macht das seit fast zehn Jahren und lange mit erstaunlichem Erfolg. Diesmal jedoch liefen die Dinge aus dem Ruder.

          Nationalspieler ist man immer

          Zunächst drang ins Idyll im Passeiertal die Nachricht, dass Kevin Großkreutz nach dem Pokalfinale gegen Bayern München besoffen in eine Hotellobby gepinkelt hatte. Der Dortmunder sprach von einem Blackout und entschuldigte sich. Mittlerweile wird dem Nationalspieler vorgeworfen, in jener Nacht auch eine Angestellte beleidigt und nach einem Hotelgast getreten zu haben. Schon kurz zuvor war Großkreutz unangenehm aufgefallen, als er in Köln in einem Imbiss mit einem Gast aneinandergeraten war und ihn mit einem Döner beworfen hatte.

          „Nationalspieler sind in ganz besonderem Maße Vorbilder, auch neben dem Platz. Daran haben wir ihn erinnert und ihm klargemacht, dass so etwas nicht wieder vorkommen darf“, sagte der Bundestrainer nach dem Vorfall. Gleichzeitig wurde aber so getan, als habe sich Großkreutz nicht im Namen des DFB, sondern nur des BVB danebenbenommen. Aber Nationalspieler ist man immer. Das mag mitunter für junge Spieler wie eine Last erscheinen, wenn sie über die Stränge schlagen. Tatsächlich aber ist es eine Ehre, die Nationalmannschaft vertreten zu dürfen. Dafür muss man gar nicht die vierte Macht im Staate sein.

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