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WM-Kommentar : Ein Trainertyp wie Streich würde guttun

Anleitungen über den Fußballplatz hinaus: Christian Streich. Bild: EPA

Sollte Joachim Löw nicht weiter Bundestrainer sein, wird es schwer für den DFB einen Nachfolger von Format an sich zu binden. Dabei sollte der Verband das Profil genau überdenken. Das würde sich lohnen.

          Joachim Löw steht noch für vier Jahre unter Vertrag. Weshalb der DFB den Kontrakt mit seinem Bundestrainer kurz vor der Weltmeisterschaft um zwei zusätzliche Jahre verlängert hat, ohne das Ergebnis der wichtigsten sportlichen Prüfung abzuwarten, ist derzeit nur eine und auch nicht die entscheidende Frage, wenn es um die Zukunft der Nationalelf geht. Dass eine goldene Ära, die mit dem Sommermärchen 2006 begann und vor vier Jahren mit dem WM-Titel ihre Krönung erlebte, sich ihrem Ende nähert, hatte sich bei der vergangenen Europameisterschaft schon angedeutet. Dass der Weltmeister in Russland allerdings nun so krachend scheitern würde, ist für den DFB in doppelter Hinsicht eine böse Überraschung.

          Fussball-WM 2018

          Die Trennung von Löw, falls der DFB diesen Schritt tatsächlich wagen sollte – wenn der Bundestrainer sich in den kommenden Tagen nicht freiwillig zum Rückzug entschließt –, könnte für den DFB also auch noch ziemlich teuer werden. Der große Schaden aber ist ohnehin schon da. Nach der Blamage, Gruppenletzter der WM-Vorrunde, und seltsamen Auftritten jenseits des Platzes ist immerhin zu hoffen, dass nun vielleicht das übermächtige Gefühl der letzten Jahre im DFB, sich als Weltmeister alles erlauben zu können, allmählich abflaut.

          Falls der Bundestrainer oder der DFB in den kommenden Tagen die Kraft besitzen sollte, den Weg für einen neuen Bundestrainer frei zu machen, würde der Verband allerdings spüren, wie schwer die Aufgabe ist, einen Nachfolger von Format überhaupt an sich zu binden. Der Reiz, die Nationalelf nach diesem Rückschlag zu übernehmen, ist deutlich geringer, als das nach dem WM-Gewinn im Jahr 2014 der Fall gewesen wäre.

          Deutsche Toptrainer wie Jürgen Klopp, Julian Nagelsmann oder Thomas Tuchel genießen viel lieber die Attraktivität des Klubfußballs und der Champions League, die regelmäßige Duelle auf Topniveau bereithalten. Die Aussicht, ein Turnier nur alle zwei Jahre, mit lediglich einer Handvoll erstklassiger Spiele bei wachsendem Teilnehmerfeld bestreiten zu können, wird auch in Zukunft die Attraktivität des Bundestrainerpostens kaum erhöhen.

          Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

          Nach all den Weltmeister-Allüren im und rund um das Team der vergangenen Jahre täte der DFB gut daran, auch das Profil eines künftigen Bundestrainers genau zu überdenken. An Egos und Eitelkeiten herrschte in den vergangenen vier Jahren jedenfalls kein Mangel. Es wäre daher nicht zuletzt für junge Nationalspieler, aber auch für den Verband insgesamt lohnend, nach einem Trainertyp zu suchen, bei dem man weiß, dass er sich den Spielern und der Sache verpflichtet fühlt. Und der bewiesen hat, dass Haltung und Handlungen in einem glaubwürdigen und nachvollziehbaren Zusammenhang stehen.

          Ein Trainertyp wie der Freiburger Christian Streich, der mit jungen Leuten seit vielen Jahren glaubwürdig und leidenschaftlich einen gemeinsamen Weg geht und den Spielern über den Fußballplatz hinaus Anleitung gibt, würde auch einer Nationalelf, die sich in den vergangenen Jahren viel zu sehr dem Marketing und der Kommerzialisierung verschrieben hat, von Grund auf guttun. Eine Erneuerung der deutschen Lieblingsmannschaft, die in Russland in jeder Beziehung Schaden genommen hat, sollte sich daher nicht nur auf den Fußballplatz beschränken. Auch ein geerdetes Erscheinungsbild täte der Nationalmannschaft nach dem falschen Sternenglanz der vergangenen Jahre ziemlich gut.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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