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2:1 gegen Schweden : Deutschland siegt mit einem Schuss Glück

Starkes Ding! Toni Kroos trifft für Deutschland in letzter Sekunde. Bild: AFP

Das DFB-Team steht am Abgrund bei der WM. Doch nach Rückstand und Platzverweis drehen die Deutschen das Spiel gegen Schweden noch. Kroos zaubert einen Freistoß in der Nachspielzeit ins Tor.

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          Es war die fünfte Minute der Nachspielzeit, als der deutsche Fußball sein Glück machte. Toni Kroos zauberte einen Freistoß ins schwedische Tor – und eröffnete dem Weltmeister nun wieder allerbeste Aussichten, das Achtelfinale zu erreichen. Nach einer imponierenden Leistung schaffte eine runderneuerte Mannschaft sogar in Unterzahl noch die Wende gegen Schweden, die nach einem Platzverweis gegen Boateng in der Schlussphase kaum jemand mehr für möglich gehalten hätte. Das radikal an Leib und Seele veränderte Team hatte aber auch schon zuvor alles gezeigt, was in ihm steckte.

          Fussball-WM 2018
          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Nach der Pause war den leidenschaftlichen Deutschen der Ausgleich durch Reus in der 48. Minute gelungen, nachdem die Schweden nach einem Fehler von Kroos durch Toivonen (32.) in Führung gegangen waren. Nun können die Deutschen mit einem Sieg am Mittwoch gegen Südkorea nach dem 0:1 im Auftakt gegen Mexiko das Achtelfinale noch aus eigener Kraft mit einem Sieg erreichen. „Der Sieg kam glücklich in der Nachspielzeit und in Unterzahl zustande. Letztendlich war es schon auch verdient, weil wir an uns geglaubt haben, drangeblieben sind. Wir haben eine gute Moral bewiesen“, kommentierte Bundestrainer Joachim Löw das Spiel. Weiter führte er aus: „Eigentlich hatte Schweden nur zwei Möglichkeiten. So ein Fehler passiert auch einem Spieler wie Toni Kroos. Ich freue mich sehr, dass er dann das Tor erzielt hat.“

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          Der Bundestrainer hatte die Mannschaft nach dem 0:1 zum Auftakt gegen Mexiko radikal verändert. Reus war vor allem in der zweiten Halbzeit der herausragende offensive Antreiber seines Teams, aber auch Timo Werner zeigte immer wieder seine Klasse. In der Schlussphase schien dann die Gelb-Rote Karte gegen Boateng (81.) den neuen deutschen Drang doch noch zu bremsen. Aber selbst diesem Rückschlag widersetzte sich das neue Team noch mit dem wieder entdeckten Willen zum Sieg. Erst fehlte Gomez bei seinem Kopfball ganz kurz vor Schluss noch Fortune, dann traf der eingewechselte Brandt in der Nachspielzeit den Pfosten (90.+2) – und Kroos schließlich doch noch zum umjubelten 2:1-Siegtreffer.

          „Einen Plan über den Haufen zu werfen, das machen wir schon mal gar nicht.“ Das war Joachim Löws Ansicht direkt nach der Auftaktniederlage gegen Mexiko. In den Tagen danach muss eine Menge passiert sein im deutschen Team. Denn der Weltmeister war im zweiten Gruppenspiel nicht mehr der Weltmeister, der er bisher gewesen war. Der Bundestrainer nahm mit Özil und Khedira neben dem angeschlagenen Hummels, der gegen Südkorea nach eigener Aussage wohl wieder spielen kann, insgesamt drei Weltmeister von 2014 aus dem Team. Er halbierte damit die Weltmeister-Quote unter seinen Feldspielern, dafür stand ein halbes Dutzend Confed-Cup-Sieger in der Startformation.

          Vor allem der Verzicht auf Özil besaß starken Symbolcharakter. Der Mittelfeldspieler von Arsenal hatte seit der WM 2010 in jedem WM-Spiel in der Startformation gestanden. Ein deutlicheres personelles Zeichen für einen Neustart bei der Weltmeisterschaft hätte der Bundestrainer damit kaum setzen können. Der personelle Erdrutsch brachte auch Rudy im rechten Mittelfeld ins deutsche Spiel, obwohl Gündogan dafür eigentlich erste Wahl schien. Aber Löw verzichtete auf beide Spieler, die der Nationalelf die Erdogan-Affäre eingebrockt hatten und sie damit stark belastete.

          Aber was wurde tatsächlich besser mit Hector, Rüdiger, Rudy und Reus? Das runderneuerte Team begann in Sotschi so frisch und frei wie zu Confed-Cup-Zeiten. Nach zehn Minuten hatten sich die Deutschen schon mehr Torraumszenen und Torchancen erspielt als in den neunzig Minuten gegen Mexiko. Die beste Gelegenheit hatte Draxler schon nach drei Minuten. Aber er traf mit seinem Schuss nicht das Tor, sondern den Schweden Larsson, der davor stand.

          Es dauerte jedoch nicht lange, und die Schweden zeigten, weshalb sie auf dem Weg zur WM schon die Holländer und Italiener hinter sich gelassen hatten. In der 13. Minute nutzten sie einen Aufbaufehler von Rüdiger zu einem perfekten Konter. Ein Pass aus dem Mittelfeld genügte, und Berg hatte freie Bahn, doch Boateng griff in letzter Sekunde noch einmal ein und Neuer rettete. Diese Szene, nach der die Schweden wegen Boatengs Rempler wütend Elfmeter forderten, hätte dem Weltmeister eine letzte Warnung sein sollen. Doch bevor der Treffer nach dem gleichen Muster die Deutschen hart traf, musste Rudy den Platz verlassen. In der 24. Minute erhielt der Münchner einen Tritt ins Gesicht, unabsichtlich. Erst wurde er auf dem Platz einige Zeit behandelt, dann am Spielfeldrand, aber es ging nicht weiter für den aus der Nase blutenden Mittelfeldspieler. Es dauerte schließlich rund fünf Minuten und zwei Eckstöße, bis Löw auswechselte, während Rudy vor Enttäuschung, dass er raus musste, sein Trikot auf den Boden feuerte. Nach dem Spiel kam die Diagnose: Nasenbeinbruch. Ob Rudy gegen Südkorea spielen kann, ist ungewiss.

          In der 31. Minute kam für ihn schließlich Gündogan, aber bevor er erstmals am Ball war, lag Deutschland 0:1 zurück. Es war ein Fehler nach altbekanntem Muster. Kroos spielte in der eigenen Hälfte, obwohl unbedrängt, den Ball in den Fuß von Berg: „Das muss ich auf meine Kappe nehmen“, sagte er hinterher. Der ehemalige Hamburger Berg schaltete schnell um und Claessons Flanke von der rechten Seite landete danach auf der Brust von Toivonen, der den Ball, leicht abgefälscht von Rüdiger, über den herauseilenden Neuer zum 0:1 ins Tor hob (32.). Kroos indes, dem der Abspielfehler unterlaufen hatte, war nur neben dem Torschützen hergelaufen. Toni Kroos sagte dazu: „Natürlich geht das erste Tor auf meine Kappe, wenn du im Spiel 400 Pässe spielst, dann kommen auch mal zwei nicht an.“

          Plötzlich steht das Stadion Kopf: Toni Kroos (links) zirkelt einen Freistoß in die Maschen. Deutschland gewinnt 2:1. Bilderstrecke
          Bilder zum Spiel : Das spektakuläre Comeback der DFB-Elf

          Der Rückstand war ein Schock für den Weltmeister. Es bedeutete zu diesem Zeitpunkt das direkte Aus. Nun mussten die Deutschen noch zwei Tore schießen, um sich eine realistische Chance auf das Achtelfinale zu erhalten. Aber mit dem 0:1 verlor die Mannschaft ihr Selbstvertrauen. Die Deutschen retteten sich wie ein angeschlagener Boxer in die Pause. In der Kabine sammelte sich das Team, und Mario Gomez kam für Draxler. Mit wilder Entschlossenheit versuchten die Deutschen vom Anpfiff an, die Wende zu erzwingen. Und schon in der 48. Minute gelang Reus der Ausgleich. Werner hatte sich dynamisch durchgesetzt und sein Zuspiel in den Strafraum erreicht schließlich Reus, der seine Chance aus wenigen Metern zum 1:1-Ausgleich nutzte. Ein Schuss von Kroos (49.) und ein Kopfball von Müller (51.) verfehlten nur knapp ihr Ziel. In diesen Momenten fehlte es der Mannschaft nur an einem bisschen Glück, aber nicht an Wille und Leidenschaft.

          Der Druck der Deutschen ließ nicht nach. Das neue Team des Titelverteidigers wehrte sich nach besten Kräften gegen das drohende Scheitern in der Vorrunde. Torchancen bescherte diese Spielweise der Mannschaft immer wieder. Nach 55 Minuten stand es 10:3 nach Torschüssen für den wankenden, aber wildentschlossenen Weltmeister – bei knapp 75 Prozent Ballbesitz. Aber nach etwa 70 Minuten eröffneten sich für die Schweden immer öfter Räume bei diesem deutschen Kraftakt, die die Defensive aber dann gerade noch zu schließen vermochte. Aber zweimal nur durch ein Foul von Boateng. Für das erste sah er in der 71. Minute die Gelbe Karte, zehn Minuten später die Gelb-Rote. Aber die Deutschen glaubten weiter an den Sieg – und erzwangen ihn mit dem Kunstschuss von Kroos.

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          So kommt Deutschland bei der Fußball-WM ins Achtelfinale

          Nach dem 2:1 gegen Schweden hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft das Weiterkommen wieder in der eigenen Hand. Am letzten Spieltag der WM-Vorrunde sind beim Duell des Weltmeisters gegen Südkorea am Mittwoch (16.00 Uhr) in Kasan und dem Parallelspiel von Mexiko gegen Schweden zahlreiche Konstellationen möglich.

          Deutschland erreicht das Achtelfinale...

          - wenn das DFB-Team mit mindestens zwei Toren Unterschied gegen Südkorea gewinnt.

          - wenn das DFB-Team gegen Südkorea gewinnt und Schweden nicht gegen Mexiko gewinnt.

          - wenn das DFB-Team gegen Südkorea gewinnt, Schweden gegen Mexiko gewinnt, und Deutschland bei gleicher Tordifferenz der Teams nicht die wenigsten geschossenen Tore hat.

          - wenn das DFB-Team gegen Südkorea unentschieden spielt und Schweden gegen Mexiko verliert.

          - wenn das DFB-Team gegen Südkorea unentschieden spielt und Schweden ebenfalls ein Remis gegen Mexiko erzielt. Dann muss Deutschland mehr oder gleich viele Tore bei seinem Unentschieden erzielen als Schweden.

          - wenn das DFB-Team gegen Südkorea verliert und Schweden gegen Mexiko verliert. Dafür müsste Deutschland hoffen, dass Schweden mit dem gleichen Ergebnis verliert wie das DFB-Team gegen Südkorea. Dann käme es zum Dreiervergleich zwischen Deutschland, Schweden und Südkorea. In diesem hätte Deutschland entweder die meisten geschossenen Tore und wäre weiter. Oder wenn jeweils beide Spiele 1:0 ausgehen, wäre Südkorea aus dem Dreiervergleich eliminiert und Deutschland hätte den anschließenden direkten Vergleich mit Schweden gewonnen.

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