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Deutschlands Torcomputer Kroos : Der Mann für die großen Momente

Toni Kroos nach seinem Siegtreffer beim 2:1 gegen Schweden in der letzten Minute der Nachspielzeit. Bild: AP

Sein Freistoß gegen Schweden war so präzise, als wäre er im Fußball-Labor berechnet worden. Wenn die Maschine abgestellt ist, verwandelt sich Toni Kroos wieder in den geerdeten Menschen, der kranken Kindern hilft.

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          Als Toni Kroos vor dem Abgrund steht, scheint es, als würde er nicht einmal schwitzen. Er sieht selbst in dem Augenblick, als er sich unter der Last von vielen Millionen Blicken in der 95. Spielminute gegen Schweden den Ball zum Freistoß zurechtlegt, so aus wie der Toni Kroos von der Playstation. Blütenweißes Trikot. Schneeweiße Schuhe. Kein Schweiß. Kein Dreck. Kein Blut. Die Frisur sitzt. Alles perfekt. Selbst am Ende einer Schlacht.

          Fussball-WM 2018
          Michael Horeni
          Fußballkorrespondent Europa in Berlin.
          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Alles an Kroos wirkt in dem Moment, als er gegen das Aus des Weltmeisters anläuft, vollkommen anstrengungslos. Stressfrei. Angstfrei. Keimfrei. Es ist, als schaute man einem Computer-Fußballmännchen zu, wie es seine programmierten Skills abruft. Der Anlauf, zwei, drei Schritte zum von Reus präzise vorgelegten Ball, dann trifft er mit der Innenseite seines Ballettschuhs exakt auf den Quadratzentimeter des Balls, an dem er ihn treffen muss, um ihn wie auf dem Bildschirm in sein definiertes Ziel zu steuern. Der Ball fliegt wie befohlen diesem voreingestellten Ziel entgegen. Es ist ein Tor, erschaffen wie aus dem Football Lab, präzise und kaltblütig. Und tatsächlich trifft Kroos, man kann es sich im Netz anschauen, immer wieder an der gleichen Stelle ins Tor. Ein Computertor, im Internet reproduzierbar und auf Knopfdruck abrufbar.

          Nach dem Spiel, als die Maschine abgestellt ist, die dieses Tor in Sotschi produzierte, verwandelt sich der perfekte Spieler seiner Zeit, des Netzzeitalters, mit seinem perfekten Passspiel, wieder in den zurückhaltenden, geerdeten Menschen, der Toni Kroos auch ist. Einer, der mittlerweile gelernt hat, sich zu kümmern, nicht mehr nur um sich selbst in seinem Sport, seit einiger Zeit auch um seine Mannschaft. Einer, der sich über den Rasen hinaus verantwortlich fühlt, auch über seine Familie hinaus, für Kinder, denen es schlecht geht, in seiner Stiftung. Aber mitunter auch nur mit ein paar Worten, die heute gar nicht mehr so selbstverständlich klingen. „Ich hoffe, dass das Thema Flüchtlinge in geregelten Bahnen ist. Dass wir in der Lage waren, viele zu integrieren“, sagte er zuletzt in einem Fernsehinterview auf die Frage, wie er sich Deutschland in zehn Jahren vorstelle. „Jeder normal fühlende, normal denkende Mensch muss das Bedürfnis haben, diesen Menschen, die ja nicht freiwillig ihr Land verlassen und bei uns Schutz suchen, zu helfen.“

          Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

          Toni Kroos, einer der Prototypen des globalisierten Fußballs des 21. Jahrhunderts, der an diesem Mittwoch (16.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und im ZDF) mit der Nationalelf gegen Südkorea um den Einzug in das Achtelfinale spielt, wurde noch in der DDR geboren, in Greifswald, dort, wo heute der Wahlkreis von Angela Merkel liegt. Sein Vater Roland, der ihn später in Greifswald und Rostock trainierte, arbeitete zur Wendezeit im Kernkraftwerk Lubin, das 1990 abgeschaltet wurde. Seine Mutter Birgit, eine Lehrerin, war unter ihrem Mädchennamen Kämmer eine herausragende Sportlerin. Sie spielte Badminton in der DDR-Auswahl, gewann zwei DDR-Einzeltitel und acht Mannschaftsmeisterschaften, die letzte in einem untergehenden Land, das war 1988. „Wir dachten damals, dass alles so bleibt“, sagte Roland Kroos vor ein paar Jahren im Gespräch mit der F.A.Z., nachdem einer seiner drei Söhne Weltmeister geworden war. „Für uns stand nur fest, dass unsere Kinder auch Sport treiben sollten. Der Sport war immer Mittelpunkt unseres Lebens.“

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