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Toni Kroos : Der Raumfinder

Wenn es einen freien Raum auf dem Spielfeld gibt, findet Toni Kroos ihn im Normalfall Bild: REUTERS

Toni Kroos steuert mit seinen langen Pässen das Spiel der Nationalelf. Mit seinem feinen Fuß bringt er den Ball dahin, wo er hin muss. Das soll auch im WM-Finale gegen Argentinien klappen.

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          Bundestrainer Joachim Löw fand für Toni Kroos einst einen neuen Begriff: „Zwischenspieler“. Er meinte die Fähigkeit, sich zwischen den Positionen im eigenen Mittelfeld zu bewegen und zwischen die Linien des Gegners zu gelangen. Es dauerte, bis man das auch in der breiten Öffentlichkeit zu schätzen begann. Das, was Kroos auszeichnet, sticht nie so auffällig ins Auge wie Müllers Schläue, Khediras Präsenz oder Lahms Leichtigkeit. Seine Ruhe am Ball wurde ihm deshalb gern als Langsamkeit ausgelegt, seine Aversion gegen Hektik als Phlegma.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Doch spätestens beim 7:1 gegen Brasilien, als er „Man of the Match“ war, Bester eines Jahrhundertspiels, und das sonst nüchterne Fachblatt „Kicker“ schwärmte, der Regisseur Kroos habe zeitweise gespielt, „als hätte er diesen Sport erfunden“ - da konnte alle Welt, da konnten auch die gern meckernden Deutschen sehen, welch stiller Weltstar sich da entwickelt hat. Und beim FC Bayern wird man sich nach diesem Spiel fragen, ob man nicht den Falschen gehen lässt - nachdem Kroos eine Anpassung seines Gehaltes an das des drei Jahre jüngeren Mario Götze wollte, dem die Bayern schon im ersten Jahr fast das Dreifache von dem zahlten, was Kroos im siebten Jahr bekam. Nun geht er wohl zu Real Madrid, wo man ihn in die achtstellige Gehaltsklasse befördern wird.

          Götze ist in der deutschen WM-Elf immer mehr zum Außenseiter geworden, Kroos dagegen zu ihrem Mittelpunkt. Der Zwischenspieler, der Relais-Spieler, der Mann, der die Verbindungen herstellt. Andrea Pirlo und Xavi, die Regisseure der letzten Weltmeister Italien und Spanien und größten Spielmacher der vergangenen zehn Jahre, sind in Brasilien ruhmlos von der WM-Bühne abgetreten. Kroos könnte sie beerben. Er beherrscht es wie Pirlo, aus einer tieferen Position wie ein „Quarterback“ das Spiel mit langen Pässen zu steuern.

          Der junge Mann und der Ball: Toni Kroos ist der Mittelpunkt des deutschen Teams.

          Noch mehr liegt es ihm, sich wie Xavi zehn, fünfzehn Meter weiter vorn „meine Räume zu suchen, um anspielbar zu sein, mich kurz drehen und die Pässe spielen zu können“, wie er einmal im Gespräch mit dieser Zeitung sagte. „All das immer im Verbund der drei zentralen Mittelfeldspieler.“ In diesem Verbund, dem intelligent vernetzten, mobilen Dreieck von Zentralspielern, das den Kern modernen Fußballs bildet (gegen Argentinien wohl wieder mit Khedira neben und Schweinsteiger hinter ihm), bewegt Kroos sich traumwandlerisch sicher. Auch weil er alle Positionen, den Sechser vor der Abwehr, den Zehner hinter der Spitze und den Achter dazwischen, mit allen Variationen und Zwischenstufen bei den Bayern schon gespielt hat.

          Kroos ist einer, wie ihn die Argentinier nicht haben

          Kroos ist ein Spieler, wie ihn die Argentinier nicht haben, wie ihn auch kein bisheriger ihrer Gegner hatte - einer, der an guten Tagen, und in Brasilien hatte er bisher nur gute, kaum zu greifen ist. Mit seinem Gefühl für den Raum, das ihn laut Löw „immer anspielbar“ macht, seiner 360-Grad-Orientierung, seiner perfekten Ballannahme, die ihm „bei der Drehung in die Vorwärtsbewegung und beim Pass sofort alle Optionen“ gibt, wie er selbst sagte: „Es geht um die Handlungsschnelligkeit. Manchmal hat man nur eine Sekunde für Annahme, Drehung und Pass. Diese Schnelligkeit hat dann mehr mit der Orientierung vorher zu tun, bevor man den Ball hat. Ich muss wissen, was ich mit dem Ball anfange, bevor ich ihn habe.“

          Aus dieser Fähigkeit, den Ball sicher zu machen, entwickelt sich in Kroos’ Spiel die Fähigkeit, ihn gefährlich zu machen. Die beidfüßig meisterliche Ballbehandlung, Passgenauigkeit und Schusstechnik machen Kroos brandgefährlich, wenn er in die Vorwärtsbewegung kommt, in die Position für den Pass in die Spitze oder den eigenen Abschluss. Johan Cruyff, einer der größten Ballkünstler aller Zeiten, schwärmt: „Der Junge macht alles gut. Seine Ballbehandlung ist nahe an der Perfektion.“ Ganz nebenbei ist Kroos auch der beste Standard-Flankengeber der WM. „Toni bringt den Ball jedes Mal dahin, wo er hin muss“, sagt Miroslav Klose - Basis der neuen deutschen Stärke bei Ecken und Freistößen. Wenn aus dem Spiel heraus nichts gehen sollte gegen zähe Argentinier, könnte es diese Kombination sein, die den Titel bringt: Kroos’ feiner Fuß plus ein deutscher Dickschädel.

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