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Toni Kroos : Der erste Weltmeister aus dem Osten

Geschafft: Toni Kroos (Nummer 18) und Deutschland sind Weltmeister Bild: AP

Toni Kroos schreibt im packenden Showdown von Rio de Janeiro Fußball-Geschichte auf ganz eigene Art. Er ist der erste Weltmeister aus den neuen Bundesländern.

          3 Min.

          Was selbst ein Matthias Sammer und ein Michael Ballack nicht wurden – er ist es seit Sonntagabend, 18.34 Uhr Ortszeit Rio de Janeiro: Toni Kroos, der erste Fußball-Weltmeister aus Ostdeutschland. Der gebürtige Greifswalder wurde es nicht als Mitläufer oder „Spezialkraft“, wie Joachim Löw seine Einwechselspieler inzwischen nennt, sondern als die große zentrale Figur im deutschen Spiel – die allerdings gegen Argentinien eine viel defensivere Rolle spielen musste als erwartet. Nun ist es der Regisseur der ersten europäischen Mannschaft, die in Südamerika den Titel gewonnen hat. Und dabei die beiden Giganten des südamerikanischen Fußballs besiegt hat.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Nach dem epochalen 7:1 im Halbfinale gegen Brasilien, ein Jahrhundertspiel nicht nur des deutschen, auch des internationalen Fußballs, mit Kroos als „Man of the Match“, hatte Kroos in die grenzenlose Begeisterung in der Heimat kluge Worte gesprochen: „Weltmeister ist noch niemand im Halbfinale geworden“.

          Im hoch spannenden Endspiel in Rio wurde seine Vorsicht bestätigt. Es war ein ganz anderes, ein viel zäheres Stück Arbeit gefragt gegen die kompakt stehenden und gefährlich konternden Argentinier. Zu allem Unglück war das gegen Brasilien magische Dreieck im deutschen Mittelfeld - Kroos, Khedira, Schweinsteiger - wenige Minuten vor Anpfiff gesprengt worden. So lauschte nicht der unter Wadenbeschwerden leidende Khedira, sondern der junge Nachzügler Christoph Kramer Arm in Arm mit Kroos der Nationalhymne.

          Kroos wurde defensiver

          Der Gladbacher mit der Nummer 23, als 23. und Letzter ins WM-Aufgebot gerückt, machte seine Sache gut. Und doch war ein wenig Sand im Getriebe im Mittelfeld, vor allem bei Kroos, der in der 20. Minute zum ersten Mal bei der WM für große Torgefahr vor dem falschen Tor sorgte – bei einer Kopfballrückgabe übersah er Stürmer Gonzalo Higuain, der jedoch frei vor Neuer daneben schoss.

          Im Duett mit Schweinsteiger: Toni Kroos (r.)
          Im Duett mit Schweinsteiger: Toni Kroos (r.) : Bild: dpa

          Der nach einer Kollision mit Ezequiel Garays harter Schulter benommene Christoph Kramer musste nach einer halben Stunde raus, André Schürrle kam, und schon wieder mussten die Routinen und Abläufe neu justiert werden. Man kehrte vom vor der WM übernommenen 4-3-3, in dem sich Kroos glänzend bewegt hatte, zum alten 4-2-3-1 zurück, in dem er fortan rund zehn, fünfzehn Meter weiter hinten agieren musste, neben sich nun Schweinsteiger, vor sich Mesut Özil. Dieser legte Kroos kurz vor der Pause nach feiner Kombination den Ball fein auf, doch Kroos‘ traf den Direktschuss nicht gut.

          Lob von Menotti

          „Sein Spiel ist von unglaublicher Genauigkeit“, so hatte Cesar Luis Menotti, der Trainer der ersten argentinischen Weltmeister-Mannschaft von 1978 und einer der zahlreichen Kroos-Fans bei dieser WM, geschwärmt – eine Aussage, die für Kroos‘ Schussleistungen an diesem Tag nicht galten. Umso mehr aber für seine beiden Ecken kurz vor der Pause. Erst fand er die Stirn von Mats Hummels, dem er schon zwei WM-Tore vorgelegt hatte - was durch Garays Abwehr zur nächsten Kroos-Ecke führte. Benedikt Höwedes köpfte den Ball an den Pfosten.

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          Nach 81 Minuten kam die zweite große Gelegenheit für Kroos, sich in die erlesene Ahnenreihe von Helmut Rahn, Gerd Müller und Andreas Brehme einzufügen, den Siegtorschützen der deutschen Weltmeister-Teams von 1954, 1974 und 1990. Wieder nahm er ein Özil-Zuspiel im Rücken der Abwehr auf, wieder schoss er aus 17 Metern direkt mit dem Innenrist – diesmal am Tor vorbei. Vielleicht musste es so sein – an diesem Tag war am Ende die Leichtigkeit und technische Brillanz eines anderen gefragt, die von Mario Götze. Kroos galt als größtes Talent des deutschen Fußballs im vergangenen Jahrzehnt, seit er als bester Spieler des Turniers die deutsche U-17-Auswahl zu WM-Platz drei 2007 führte und von Hansa Rostock in die Jugendabteilung von Bayern München wechselte.

          Sein WM-Debüt erlebte Kroos 2010 als Ersatzspieler in Südafrika, wo er die beste, weil einzige Torchance im 0:1 verlorenen Halbfinale gegen Spanien vergab. Bei der EM 2012 stand er im Halbfinale gegen Italien zum ersten Mal in der Startelf, wo seine taktische Sonderaufgabe im Konzept von Bundestrainer Joachim Löw darin bestand, die Kreise von Spielmacher Andrea Pirlo zu stören, ein Plan, der völlig daneben ging.

          2014 aber durfte er von Beginn an sein eigenes Spiel machen, Stammkraft im Mittelfeld vom ersten Spiel an, und nutzte die Gelegenheit - als auffälligste internationale Entdeckung des Turniers neben dem Kolumbianer James Rodriguez, mit dem er womöglich bald bei Real Madrid zusammenspielen könnte und der über Kroos sagte: „Ich habe Kroos 2007 bei der U17-WM in Südkorea kennengelernt und erinnere mich, dass er schon damals den Unterschied ausmachen konnte.“ Am Sonntag war es am Ende ein anderer, der diesen Unterschied ausgemacht hat – über die gesamte WM gesehen aber war es Toni Kroos, der erste Weltmeister aus Deutschlands Osten.

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