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Aufgepasst! Timo Werner und andere Confed-Cup-Sieger prägen immer mehr die deutsche Nationalmannschaft. Bild: Reuters

WM-Stürmer Timo Werner : Das Gesicht einer neuen deutschen Generation

2010 drängten die U-21-Europameister in die DFB-Elf. Nun sind es die Sieger des Confed-Cups. Sie verändern die deutsche Mannschaft. Einer, der den Wandel im Eiltempo vorantreibt, ist Timo Werner.

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          „Boah“, sagte Timo Werner. Die Frage, die im Raum stand, war noch von Marco Reus übrig geblieben. Doch der hatte den Kinosaal in Watutinki, wo die Pressekonferenzen der deutschen Nationalmannschaft stattfinden, gerade schon mit einem Klaps auf die Brust von Werner verlassen. Also war der Leipziger Angreifer nun dran. Es war allerdings eine jener Fragen, auf die man nur schwer eine offene Antwort geben kann: Ob nun, da auch gegen Südkorea wieder nur vier Weltmeister in der Startelf stehen könnten, ein Wechsel oder gar ein Wandel in der Nationalmannschaft zu beobachten sei. Werner sprach, wie man das so macht, davon, dass jeder Einzelne seine Stärken habe, dass man es nicht darauf reduzieren könne, „wer irgendetwas mal gewonnen hat“, und dass der Bundestrainer schon die Richtigen aufstellen werde am Mittwoch (16.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF und bei Sky).

          Fussball-WM 2018

          Aber Werner saß ja noch ein bisschen länger da oben am Montag, eine Viertelstunde insgesamt, und je mehr er sprach, desto deutlicher wurde, dass es auch auf diese erste Frage noch eine andere Antwort gibt. Man musste ihm nur weiter zuhören und ihn dabei beobachten, welche Freude er ausstrahlte, bei dieser WM dabei zu sein, wie er jeden Moment aufzusaugen scheint, nicht nur dieses wahnwitzige Finish gegen die Schweden, bei dem er es vor Erschöpfung nicht mehr zum Jubelpulk der deutschen Mannschaft schaffte und einfach auf dem Rasen liegen blieb – „bis der Schiri kam und sagte: Es ist noch eine Minute“.

          Das, sagte Werner, sei „einmalig“ gewesen, „so ein Spiel habe ich noch nie erlebt“. Aber er schilderte eben auch, welch großes Glück es für ihn überhaupt sei, bei so einem Turnier dabei zu sein. Zweimal habe er nun erlebt, wie es ist, in ein volles WM-Stadion einzulaufen, ein Gefühl, „das man gegen kein Geld der Welt eintauschen kann“, mit Bundesliga und Champions League nicht zu vergleichen. Er hoffe, sagte Werner, dass er es in Russland „noch fünfmal“ haben werde. Das kann man Erlebnishunger nennen, den man so in aller Regel nur hat, wenn man etwas noch nicht kennt – und den eine Mannschaft immer brauchen kann.

          Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

          Wie Werner aber auch über seinen persönlichen Erlebnishorizont hinaus das große Ganze in den Blick nahm, das ging noch ein bisschen weiter. Das erinnerte ein bisschen an die WM 2010 und die Wochen davor. Als eine Gruppe von jungen Spielern in die Mannschaft gedrängt war, denen man schon früh anmerken konnte, dass etwas Besonderes in ihnen steckt. Eine beeindruckende Mischung aus Ehrgeiz und Klarheit, so dass man sich in ihnen mühelos Führungsfiguren der Zukunft vorstellen konnte: Thomas Müller und Sami Khedira etwa, oder auch Manuel Neuer. Solche Typen gibt es nicht in jeder Generation, was auch daran liegt, dass sich die Generationen ändern, nicht zuletzt in der Art und Weise, wie sie kommunizieren, öffentlich und untereinander. Mats Hummels hat kürzlich darüber berichtet, dass er dieses Thema spannend findet, wie anders die heutige Generation sei und was das eigentlich für das Miteinander in einem Fußballteam bedeute, aber er sei auch noch zu keinem richtigen Ergebnis gekommen.

          Fakt ist jedenfalls, dass es seit 2010 keinen so starken Input mehr gab wie von jener Generation, die 2009 U-21-Europameister geworden war. Erst mit den Confed-Cup-Siegern vom vergangenen Sommer steht nun wieder etwas ante portas – oder ist, mehr als das, schon im Begriff, das Gesicht der Mannschaft zu verändern. Typen wie Khedira oder Müller sind vielleicht nicht dabei, aber Werner verkörpert mit seinen 22 Jahren einen Typus, der dem Nationalteam schon jetzt eine neue Perspektive gibt.

          Es ist nicht selbstverständlich, dass man nach so kurzer Zeit – 16 Länderspielen – in einem hochdekorierten Team schon so ein gutes Gefühl für seine eigene Rolle auch im Kontext des Gesamtgefüges hat. Gegen Schweden war Werner nach der Pause von seiner Position im Angriffszentrum auf die Seite ausgewichen, weil Mario Gomez zusätzlich auf dem Platz stand. Nun sprach Werner selbstbewusst darüber, dass er sich weiter in erster Linie als Stürmer sehe: „Meine Lieblingsposition ist vorne drin.“ Er schilderte aber auch, warum es gegen massierte Deckungen, von denen es viele gibt bei dieser WM, vielleicht sogar besser funktioniere, wenn er von weiter hinten Tempo aufnehmen könne. „Gegen bessere Gegner“, sagte er, werde er dann gewiss auch vorne wieder besser zur Geltung kommen.

          Gomez hat vor ein paar Wochen mal über Werner gesagt, dass er einen Stürmer von dessen Qualität in diesem Alter noch nicht gesehen habe. Am Montag nun sagte Werner etwas über das Verhältnis von ihm, einem der Jüngsten im Team, zu Gomez, dem Ältesten – und zugleich einem Konkurrenten. „Er ist immer der Erste, der bei mir ist und mich unterstützt“, sagte Werner. „Ich glaube nicht, dass das in vielen Mannschaften genauso ist, dass Konkurrenten sich untereinander helfen.“ Auch insgesamt, sagte Werner, sei die Mannschaft durch das Schweden-Spiel „noch mal ein Stück näher zusammengerückt“.

          Ob es ihn nervös mache, dass ihm noch kein WM-Tor gelungen sei, wurde Werner am Montag noch gefragt. „Nee, gar nicht“, antwortete er, solange nur die Mannschaft Erfolg habe. Sagt man so, schon klar. Aber einen Kopf, dass diese Premiere allzu lange auf sich warten lassen könnte – den schien Werner sich wirklich nicht zu machen.

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