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Spott im Sport : Gauchos und Gouvernanten

So ist Sport: die einen jubeln, die anderen trauern Bild: REUTERS

Spötteleien gehören zum Sport dazu, sie haben sogar mit einer unausgesprochenen Anerkennung des starken Gegners zu tun. Ein Skandal ist der „Gaucho-Tanz“ jedenfalls nicht. Ein Beitrag zur Abregung in einer aufgeregten Debatte.

          Haben die Deutschen und die Welt nun in das wahre Gesicht der Nationalelf geblickt, als das Klose-Haus den „Gaucho-Tanz“ auf die Bühne brachte? Ja, hat man. Aber in einer ganz anderen Art als schlecht gelaunte Gouvernanten, die über der Siegesfeier am Brandenburger Tor wachten, zu erkennen glaubten. In diesem Sekunden-Späßchen erhob sich ein global geprägtes und orientiertes Haupt - und eben keines aus deutscher Vergangenheit, das vollgestopft wäre mit Ressentiments gegenüber anderen Nationen. Oder mit nationalen Empfindlichkeiten, die gerade diese weltoffene Fußball-Generation daran gehindert hätte, in diesem Moment ein ganz normaler Teil der internationalen Fußballgemeinschaft zu sein.

          So ist Sport: Sieger und Verlierer reichen sich die Hand

          Dass sich über Geschmack streiten lässt und das halbe Dutzend nicht nur siegestrunkener deutscher Spieler ein bisschen auf den Putz haute - geschenkt. Ihre Welteroberungsphantasien hat diese Generation aber ganz alleine auf dem Fußballplatz ausgelebt, mit sportlich herausragender Einstellung und Gesten auch nach dem Schlusspfiff. Der Trost etwa, den die Spieler den Brasilianern nach dem 7:1 spendeten, ist für jeden Fair-Play-Preis gut. Da zeigte sich Sportlichkeit von ihrer besten Seite, dass man eben nicht nur ein guter Verlierer sein soll, sondern auch im Triumph ein guter Gewinner werden kann.

          Auch so ist Sport: Sieger im Überschwang der Gefühle

          Ausgerechnet diese Nationalelf, die sich aus so verschiedenen Wurzeln speist wie keine andere ihrer Vorgänger, soll von alten Mustern gefangen sein? Das ist alles so weit aus der Vergangenheit hergeholt, dass man es kaum glauben mag. Ein bisschen Spott gehört immer schon zum Sport. Und das ist etwas anderes als rassistische oder diskriminierende Beleidigungen, die immer wieder und immer noch in den Stadien zuhause sind. Frotzeleien, und mehr war es nicht, gehören unter Sportlern zum internationalen, ja fast schon brüderlichen und schwesterlichen Ton. Jeder im Sport weiß, wie das gemeint ist. Spötteleien haben immer auch etwas mit Konkurrenz zu tun, und, solange es nicht beleidigend wird, auch mit einer unausgesprochenen Anerkennung eines starken Gegners.

          Wer erinnert sich noch an die Pizza Endstazione?

          Frotzeleien gehören immer wieder zum Fußball, von der Titelfeier in der Bezirksliga eben bis zum Brandenburger Tor, sie sind sogar Teil einer globalen Kultur. Und viele davon gibt es nicht. Dafür, dass sich die deutschen Weltmeister in Berlin dieser globalen Fußballsprache bedienten - und nicht darauf beharrten, betont und ganz verspannt anders als alle anderen sein zu müssen - muss man ihnen nicht gleich den nächsten Pokal verleihen. Aber schon gar nicht ihnen die Knobelstiefel anziehen.

          Ein Skandal ist der Gaucho-Tanz jedenfalls nicht, man kann ihn sogar lustig finden. In England jedenfalls haben sich manche Medien die Augen gerieben, wie unorganisiert, ja für germanische Verhältnisse geradezu anarchisch deutsche Spieler nun auch noch feiern, singen und tanzen können. Und umgekehrt: Wer hat solche Sprüche in Deutschland nicht auch schon erlebt und ganz locker ertragen? Etwa beim Italiener um die Ecke, wenn nach der WM 2006 oder EM 2012 die Pizza Endstazione grinsend auf dem Teller landete? In zwei Jahren kann das übrigens schon wieder so weit sein.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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