https://www.faz.net/-gaq-7rf33

Nationalelf vor dem WM-Finale : Deutsche Kernfusion

  • -Aktualisiert am

Gut gemacht! Kroos und Schweinsteiger gratulieren sich zu einer herausragenden Leistung Bild: AP

Schweinsteiger, Kroos und Khedira bilden einen verlässlichen Mittelfeldreaktor. Ihre Energie sowie strategische Brillanz überwältigen die Brasilianer und sorgen für glänzende Perspektiven im WM-Finale.

          5 Min.

          Joachim Löw wirkte nicht wirklich wie ein Sieger, als er den Medienraum des Estádio Mineirão betrat. Ein frisches Hemd hatte er sich angezogen, freundliches Hellblau statt smartem Dunkelblau. Einen Anflug von Emotion aber suchte man vergeblich im Gesicht des Bundestrainers. Mit derselben sachlichen Miene, mit der er am späten Dienstagabend in Belo Horizonte die Fragen der internationalen Reporter beantwortete, hätte er auch eine UN-Sicherheitskonferenz in angespannter Weltlage eröffnen, die Tagesschau moderieren oder seinen Rücktritt erklären können.

          Dass da einer saß, dessen Mannschaft gerade den höchsten Halbfinalsieg der WM-Historie vollbracht und dem Fußball-Land Brasilien eine historische, eine beispiellose Schmach zugefügt hatte, war Löw nicht im Geringsten anzumerken.

          Schöner Moment

          Gleich die erste Frage richtete sich auf Löws persönliche Gefühlslage nach diesem deutschen Jahrhundertspiel, dem 7:1 gegen Brasilien, einem Sieg, wie es ihn in 84 Jahren WM-Geschichte nicht gegeben hatte. Der Bundestrainer nahm den Kopfhörer für die Simultanübersetzung herunter, schaute weiter ungerührt ernst und sagte: „Ja, die Gefühle sind natürlich schön im Moment, klar.“ Schön. Im Moment. Klar.

          Was dem unfassbaren Geschehen auf dem Rasen folgte, war die Schwierigkeit, es irgendwie in Worte zu fassen. Wolfgang Niersbach, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), gab sich am Fernsehmikrofon ganz den Emotionen hin: „Ich weiß nicht was ich sagen soll. Sensationell, märchenhaft, das ist alles zu schwach“, schwärmte er. „Das war irgendwie Fußball von einem anderen Stern.“ Aus dem Mannschaftskreis war von derlei Tönen aber nichts zu hören. Löw berichtete, dass die „Freude in der Kabine jetzt auch nicht gerade überschwänglich war“. Bei aller Erschöpfung, die einen Trainer nach so einem Spiel überkommt, sprach aus Löws Worten – aber auch aus denen der Spieler – vor allem ein Bemühen: den richtigen Ton zu treffen.

          Noch einen Schritt entfernt

          Gegenüber den gedemütigten Gastgebern, denen Löw einige freundliche Komplimente für die gelungene Ausrichtung dieser WM machte. Aber natürlich auch in Richtung des eigenen Lagers. Noch ist das große Ziel schließlich einen Schritt entfernt. „Wir müssen jetzt ein bisschen Demut haben und uns mit aller Ruhe vorbereiten auf das Finale“, sagte Löw.

          Khedrias Fingerzeig an die Konkurrenz

          Aber niemand packte die allgemeine Gemütslage besser in einen Satz als Toni Kroos: „Im Halbfinale ist noch niemand Weltmeister geworden.“ Kroos hatte seine persönliche Auszeichnung schon entgegennehmen dürfen. Zwei Tore, eine unmittelbare Vorlage und eine Anbahnung (eine Kategorie, die oft zu kurz kommt) brachten ihm, der in der Vergangenheit gern einmal übersehen wurde, die Trophäe für den Spieler des Spiels ein. Ein logisches Votum.

          Für die Deutschen aber ist der 24 Jahre alte Kroos bei diesem Turnier weit mehr als die Hauptattraktion an diesem einen magischen Abend. Kroos ist der unerwartete Überschuss gegenüber den Kalkulationen vieler Experten – und in dieser Höhe vielleicht auch des Trainerteams.

          Gewinne in der Zentrale

          Löw bemerkte zwar, dass Kroos ja schon seit zwei Jahren ein Spieler sei, der „wahnsinnig viele Impulse gibt“. Dass der Kurs des Münchners aber derart durch die Decke schießen würde bei diesem Turnier, war nicht unbedingt abzusehen. Kroos ist die große Konstante im Zentrum des deutschen Spiels, der Spielmacher in einem System, in dem es eigentlich gar keinen Spielmacher mehr gibt. „Unser Mittelfeld war bei dieser WM immer sehr, sehr dominant, und Toni Kroos hat einen großen Teil dazu beigetragen“, sagte der Bundestrainer.

          Aber da war noch ein weiterer Gewinn zu verbuchen in der Mittelfeldzentrale, der in dieser Form nicht unbedingt zu erwarten gewesen war. Es ist schon oft genug beschrieben worden, wie wagemutig und zugleich fest entschlossen es von Löw war, für Brasilien auf Sami Khedira zu bauen, obwohl der sich Anfang November einen Kreuzbandriss zugezogen hatte.

          Gegen Brasilien bekamen Löw und das Team das Ergebnis dieser riskanten Wette ausgezahlt. Bis dahin war es ein Wettlauf gegen die Zeit mit offenem Ausgang, Khedira und auch Bastian Schweinsteiger auf ein absolut konkurrenzfähiges Niveau zu bringen. Noch im Turnier kam es auf jede Woche, vielleicht sogar auf jeden Tag an. Und manchmal sah es danach aus, als ob es einfach nicht mehr reichen würde.

          Khedira gibt den Takt an

          Gegen Brasilien aber war der Mann aus Madrid mit einem Mal wieder da. Mit genau der Präsenz und Führungsstärke, die Löw so an ihm schätzt. Khedira war entscheidend beteiligt, als die Deutschen vor dem 1:0 im Mittelfeld Marcelo den Ball abjagten. Er servierte beim 4:0 uneigennützig für Kroos, und er erntete kurz darauf auch persönlich den Lohn für all die Plackerei in der Reha, als er am Ende von sechs Minuten für die Ewigkeit das fünfte deutsche Tor beisteuerte.

          „Sami hat sich nochmal wahnsinnig gesteigert“, sagte der Bundestrainer und sprach davon, wie gut Khedira die Pause von fast zwei Spielen nach dem kräfteraubenden Match gegen Ghana getan habe. Im Viertelfinale gegen Frankreich war davon zwar noch nichts zu spüren gewesen. Dieses Spiel war für Khedira eine einzige Quälerei ohne besonderen Ertrag. Gegen Brasilien aber war alles wieder da.

          Hoch soll er leben! Khedira herzt Klose, und Klose will auch dabei sein

          „Diese physische Präsenz, diese Dynamik auch in den Zweikämpfen und vor allem auch, dass er aus dem Mittelfeld immer wieder in die Spitze stößt, ist schon eine große Stärke von Sami“, sagte Löw.

          Kraft und strategische Brillanz

          In der Summe ergab das ein Mittelfeld von überwältigender Kraft und strategischer Brillanz. Mit einer perfekten Balance von Spielkultur und jenen Elementen, die jedem Gegner das Leben schwermachen – und den in dieser Zone heillos überforderten Brasilianern ganz besonders. In dieser personellen Zusammensetzung, so wirkt es, ist mit einem Mal alles an seinen richtigen Platz gefallen in der neuen Grundordnung, die Löw erst kurz vor der WM installiert hat: Schweinsteiger als Autorität vor der Abwehr, davor Kroos und Khedira, das war die Konstellation für die Kernfusion im deutschen Mittelfeldreaktor.

          Und der Auslöser für den brasilianischen GAU. Philipp Lahm wiederum unterstrich unter anderem mit einer chirurgischen Grätsche gegen Marcelo beim Stand von 1:0 und später auch mit zwei Torvorlagen, warum er, wenn die Umstände es erlauben, auf der Außenbahn am wertvollsten ist.

          Jede Menge Selbstvertrauen

          Nur das Trainerteam selbst wird wissen, inwieweit diese gegen Brasilien so perfekt austarierte Mannschaft wirklich das Ergebnis eines langfristigen Plans ist, oder ob doch auch glückliche Umstände und situative Impulse eine Rolle gespielt haben. Einerlei – so lange die Deutschen so bei sich sind und gleichzeitig den Gegner derart durchschauen, spricht einiges dafür, dass sie den letzten Schritt nun auch noch gehen können.

          Abfangjäger: Schweinsteiger verdirbt auch Occar den Spaß

          Es war bemerkenswert, dass Löw nach dem Spiel verriet, wie er und das Trainerteam sich schon vorher im Vollbesitz der richtigen Mittel gewähnt hatten. „Eigentlich haben wir vor dem Spiel schon erkannt, dass der Gegner in der Defensive große Probleme bekommt, wenn wir schnell spielen, und wenn die Laufwege stimmen“, sagte Löw. Das erinnerte ein bisschen an die WM 2010 und das Viertelfinale gegen Argentinien. Auch da, so berichtete es Urs Siegenthaler, der Chefscout, einmal, sei man sich schon im Vorfeld ziemlich sicher gewesen, dem Gegner taktisch überlegen zu sein. Und dessen individuelle Klasse dadurch mehr oder weniger neutralisieren zu können.

          Vorbereitung macht sich bezahlt

          Es sind die Momente, in denen sich die jahrelange Vorbereitung auf so ein Turnier bezahlt machen – und dem Trainerteam gewiss eine besondere Freude bereiten. Auch Luiz Felipe Scolari, der brasilianische Coach, berichtete von aufmerksamen Beobachtungen der Deutschen bei diesem Turnier. So naiv, wie die Brasilianer dann ins Verderben rannten, wirkte es allerdings, als hätten sie Löws Team allenfalls mal beim Aufwärmen zugeschaut.

          Das soll den epochalen Sieg nicht im Geringsten schmälern. Aber der Bundestrainer tat gut daran, das Ergebnis „nicht so hoch hängen“ zu wollen. „Ich glaube, dass die Mannschaft absolut auf dem Boden und geerdet ist“, sagte er. „In der Kabine gab es keine Euphorie und kein völliges Abgehoben sein.“

          Völlig losgelöst von dieser Fußballwelt und doch mit beiden Beinen auf dem Boden – das wäre auch eine gute Mischung, wenn es am Sonntag im Maracanã von Rio um das große Ganze geht.

          Weitere Themen

          Wer san mia denn jetzt?

          Notlage beim FC Bayern : Wer san mia denn jetzt?

          Die Bayern 2019 sind die rätselhaftesten des Jahrzehnts: Sie kassieren frühe Rückstände, verspielen Vorsprünge, verschleudern Chancen, beschenken unterlegene Gegner, und auch das Sieger-Genom wirkt nicht mehr. Was ist nur los?

          Topmeldungen

          Erledigen Sie die Spieler des gegnerischen Teams: Szene aus dem Handyspiel Call of Duty Mobile

          Anschlag von Halle : Vom Ballerspiel zum Mordanschlag

          Stephan B. wollte seine Attacke in Halle aussehen lassen wie ein Videospiel. Eine Spurensuche in einer Welt, in der alles nur ein Witz sein kann – oder bitterer Ernst.
          Blick auf Berlin: Die Stadt bekommt einen Mietendeckel.

          Berlins neue Mietobergrenze : Bei 9,80 Euro kalt soll Schluss sein

          Mieter sollen maximal 9,80 Euro pro Quadratmeter zahlen: Mehr soll künftig im Fall eines Mieterwechsels nicht mehr erlaubt sein. Und auch für bestehende Mietverhältnisse werden Mietobergrenzen eingeführt. Die Kritik daran ebbt nicht ab.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.