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Nationalelf vor dem WM-Finale : Deutsche Kernfusion

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Gut gemacht! Kroos und Schweinsteiger gratulieren sich zu einer herausragenden Leistung Bild: AP

Schweinsteiger, Kroos und Khedira bilden einen verlässlichen Mittelfeldreaktor. Ihre Energie sowie strategische Brillanz überwältigen die Brasilianer und sorgen für glänzende Perspektiven im WM-Finale.

          5 Min.

          Joachim Löw wirkte nicht wirklich wie ein Sieger, als er den Medienraum des Estádio Mineirão betrat. Ein frisches Hemd hatte er sich angezogen, freundliches Hellblau statt smartem Dunkelblau. Einen Anflug von Emotion aber suchte man vergeblich im Gesicht des Bundestrainers. Mit derselben sachlichen Miene, mit der er am späten Dienstagabend in Belo Horizonte die Fragen der internationalen Reporter beantwortete, hätte er auch eine UN-Sicherheitskonferenz in angespannter Weltlage eröffnen, die Tagesschau moderieren oder seinen Rücktritt erklären können.

          Dass da einer saß, dessen Mannschaft gerade den höchsten Halbfinalsieg der WM-Historie vollbracht und dem Fußball-Land Brasilien eine historische, eine beispiellose Schmach zugefügt hatte, war Löw nicht im Geringsten anzumerken.

          Schöner Moment

          Gleich die erste Frage richtete sich auf Löws persönliche Gefühlslage nach diesem deutschen Jahrhundertspiel, dem 7:1 gegen Brasilien, einem Sieg, wie es ihn in 84 Jahren WM-Geschichte nicht gegeben hatte. Der Bundestrainer nahm den Kopfhörer für die Simultanübersetzung herunter, schaute weiter ungerührt ernst und sagte: „Ja, die Gefühle sind natürlich schön im Moment, klar.“ Schön. Im Moment. Klar.

          Was dem unfassbaren Geschehen auf dem Rasen folgte, war die Schwierigkeit, es irgendwie in Worte zu fassen. Wolfgang Niersbach, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), gab sich am Fernsehmikrofon ganz den Emotionen hin: „Ich weiß nicht was ich sagen soll. Sensationell, märchenhaft, das ist alles zu schwach“, schwärmte er. „Das war irgendwie Fußball von einem anderen Stern.“ Aus dem Mannschaftskreis war von derlei Tönen aber nichts zu hören. Löw berichtete, dass die „Freude in der Kabine jetzt auch nicht gerade überschwänglich war“. Bei aller Erschöpfung, die einen Trainer nach so einem Spiel überkommt, sprach aus Löws Worten – aber auch aus denen der Spieler – vor allem ein Bemühen: den richtigen Ton zu treffen.

          Noch einen Schritt entfernt

          Gegenüber den gedemütigten Gastgebern, denen Löw einige freundliche Komplimente für die gelungene Ausrichtung dieser WM machte. Aber natürlich auch in Richtung des eigenen Lagers. Noch ist das große Ziel schließlich einen Schritt entfernt. „Wir müssen jetzt ein bisschen Demut haben und uns mit aller Ruhe vorbereiten auf das Finale“, sagte Löw.

          Khedrias Fingerzeig an die Konkurrenz

          Aber niemand packte die allgemeine Gemütslage besser in einen Satz als Toni Kroos: „Im Halbfinale ist noch niemand Weltmeister geworden.“ Kroos hatte seine persönliche Auszeichnung schon entgegennehmen dürfen. Zwei Tore, eine unmittelbare Vorlage und eine Anbahnung (eine Kategorie, die oft zu kurz kommt) brachten ihm, der in der Vergangenheit gern einmal übersehen wurde, die Trophäe für den Spieler des Spiels ein. Ein logisches Votum.

          Für die Deutschen aber ist der 24 Jahre alte Kroos bei diesem Turnier weit mehr als die Hauptattraktion an diesem einen magischen Abend. Kroos ist der unerwartete Überschuss gegenüber den Kalkulationen vieler Experten – und in dieser Höhe vielleicht auch des Trainerteams.

          Gewinne in der Zentrale

          Löw bemerkte zwar, dass Kroos ja schon seit zwei Jahren ein Spieler sei, der „wahnsinnig viele Impulse gibt“. Dass der Kurs des Münchners aber derart durch die Decke schießen würde bei diesem Turnier, war nicht unbedingt abzusehen. Kroos ist die große Konstante im Zentrum des deutschen Spiels, der Spielmacher in einem System, in dem es eigentlich gar keinen Spielmacher mehr gibt. „Unser Mittelfeld war bei dieser WM immer sehr, sehr dominant, und Toni Kroos hat einen großen Teil dazu beigetragen“, sagte der Bundestrainer.

          Aber da war noch ein weiterer Gewinn zu verbuchen in der Mittelfeldzentrale, der in dieser Form nicht unbedingt zu erwarten gewesen war. Es ist schon oft genug beschrieben worden, wie wagemutig und zugleich fest entschlossen es von Löw war, für Brasilien auf Sami Khedira zu bauen, obwohl der sich Anfang November einen Kreuzbandriss zugezogen hatte.

          Gegen Brasilien bekamen Löw und das Team das Ergebnis dieser riskanten Wette ausgezahlt. Bis dahin war es ein Wettlauf gegen die Zeit mit offenem Ausgang, Khedira und auch Bastian Schweinsteiger auf ein absolut konkurrenzfähiges Niveau zu bringen. Noch im Turnier kam es auf jede Woche, vielleicht sogar auf jeden Tag an. Und manchmal sah es danach aus, als ob es einfach nicht mehr reichen würde.

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