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Nationalelf vor dem WM-Finale : Deutsche Kernfusion

  • -Aktualisiert am

Khedira gibt den Takt an

Gegen Brasilien aber war der Mann aus Madrid mit einem Mal wieder da. Mit genau der Präsenz und Führungsstärke, die Löw so an ihm schätzt. Khedira war entscheidend beteiligt, als die Deutschen vor dem 1:0 im Mittelfeld Marcelo den Ball abjagten. Er servierte beim 4:0 uneigennützig für Kroos, und er erntete kurz darauf auch persönlich den Lohn für all die Plackerei in der Reha, als er am Ende von sechs Minuten für die Ewigkeit das fünfte deutsche Tor beisteuerte.

„Sami hat sich nochmal wahnsinnig gesteigert“, sagte der Bundestrainer und sprach davon, wie gut Khedira die Pause von fast zwei Spielen nach dem kräfteraubenden Match gegen Ghana getan habe. Im Viertelfinale gegen Frankreich war davon zwar noch nichts zu spüren gewesen. Dieses Spiel war für Khedira eine einzige Quälerei ohne besonderen Ertrag. Gegen Brasilien aber war alles wieder da.

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„Diese physische Präsenz, diese Dynamik auch in den Zweikämpfen und vor allem auch, dass er aus dem Mittelfeld immer wieder in die Spitze stößt, ist schon eine große Stärke von Sami“, sagte Löw.

Kraft und strategische Brillanz

In der Summe ergab das ein Mittelfeld von überwältigender Kraft und strategischer Brillanz. Mit einer perfekten Balance von Spielkultur und jenen Elementen, die jedem Gegner das Leben schwermachen – und den in dieser Zone heillos überforderten Brasilianern ganz besonders. In dieser personellen Zusammensetzung, so wirkt es, ist mit einem Mal alles an seinen richtigen Platz gefallen in der neuen Grundordnung, die Löw erst kurz vor der WM installiert hat: Schweinsteiger als Autorität vor der Abwehr, davor Kroos und Khedira, das war die Konstellation für die Kernfusion im deutschen Mittelfeldreaktor.

Und der Auslöser für den brasilianischen GAU. Philipp Lahm wiederum unterstrich unter anderem mit einer chirurgischen Grätsche gegen Marcelo beim Stand von 1:0 und später auch mit zwei Torvorlagen, warum er, wenn die Umstände es erlauben, auf der Außenbahn am wertvollsten ist.

Jede Menge Selbstvertrauen

Nur das Trainerteam selbst wird wissen, inwieweit diese gegen Brasilien so perfekt austarierte Mannschaft wirklich das Ergebnis eines langfristigen Plans ist, oder ob doch auch glückliche Umstände und situative Impulse eine Rolle gespielt haben. Einerlei – so lange die Deutschen so bei sich sind und gleichzeitig den Gegner derart durchschauen, spricht einiges dafür, dass sie den letzten Schritt nun auch noch gehen können.

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Es war bemerkenswert, dass Löw nach dem Spiel verriet, wie er und das Trainerteam sich schon vorher im Vollbesitz der richtigen Mittel gewähnt hatten. „Eigentlich haben wir vor dem Spiel schon erkannt, dass der Gegner in der Defensive große Probleme bekommt, wenn wir schnell spielen, und wenn die Laufwege stimmen“, sagte Löw. Das erinnerte ein bisschen an die WM 2010 und das Viertelfinale gegen Argentinien. Auch da, so berichtete es Urs Siegenthaler, der Chefscout, einmal, sei man sich schon im Vorfeld ziemlich sicher gewesen, dem Gegner taktisch überlegen zu sein. Und dessen individuelle Klasse dadurch mehr oder weniger neutralisieren zu können.

Vorbereitung macht sich bezahlt

Es sind die Momente, in denen sich die jahrelange Vorbereitung auf so ein Turnier bezahlt machen – und dem Trainerteam gewiss eine besondere Freude bereiten. Auch Luiz Felipe Scolari, der brasilianische Coach, berichtete von aufmerksamen Beobachtungen der Deutschen bei diesem Turnier. So naiv, wie die Brasilianer dann ins Verderben rannten, wirkte es allerdings, als hätten sie Löws Team allenfalls mal beim Aufwärmen zugeschaut.

Das soll den epochalen Sieg nicht im Geringsten schmälern. Aber der Bundestrainer tat gut daran, das Ergebnis „nicht so hoch hängen“ zu wollen. „Ich glaube, dass die Mannschaft absolut auf dem Boden und geerdet ist“, sagte er. „In der Kabine gab es keine Euphorie und kein völliges Abgehoben sein.“

Völlig losgelöst von dieser Fußballwelt und doch mit beiden Beinen auf dem Boden – das wäre auch eine gute Mischung, wenn es am Sonntag im Maracanã von Rio um das große Ganze geht.

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