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Erdogan-Fotos : Die Bilder des deutschen Scheiterns

24. Dezember 2011 in Ankara: Mesut Özil übergibt Recep Tayyip Erdogan ein Trikot von Real Madrid. Bild: Getty

Viele wissen nicht, dass es schon früher Fotos von Özil und Erdogan gab. Die Reaktionen auf das jüngste Bild vor der WM symbolisieren eine dramatische deutsche Entwicklung weit über den Fußballplatz hinaus.

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          Dass Mesut Özil und Ilkay Gündogan kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft dem türkischen Staatspräsidenten ihre Trikots geschenkt haben und sich neben ihm zum Foto aufstellten, war nicht nur ein Akt der Höflichkeit, wie Gündogan später sagen sollte, als die Bilder in Deutschland hohe Wellen schlugen. Es war auch, zumindest was Özil angeht, ein Akt der Gewohnheit. Aus den vergangenen Jahren existieren einige Aufnahmen, die Özil und Erdogan zeigen, wie sie einander die Hände schütteln oder einfach nur gemeinsam in die Kamera blicken.

          Fussball-WM 2018
          Michael Horeni
          Fußballkorrespondent Europa in Berlin.

          Es gibt auch eine Aufnahme, auf der Özil dem türkischen Präsidenten ein Fußballtrikot seines damaligen Klubs Real Madrid überreicht, das er selbst und einige andere Spieler von Real unterschrieben hatten. Dieses Foto ist sieben Jahre alt. Es hat, wie alle anderen Fotos, die von Özil und Erdogan vor dem Jahr 2018 gemacht und veröffentlicht wurden, die Deutschen nicht interessiert. Viele wissen nicht einmal, dass es sie gibt. Aber weil das so ist, sind diese Fotos, die jeweils den türkischen Präsidenten mit einem deutschen Nationalspieler mit türkischen Wurzeln zeigen, der ihm sein Fußballtrikot schenkt, ein eindrückliches Dokument dafür, wie dramatisch sich die Zeiten verändert haben. Wie sehr sich die Türkei verändert hat. Aber auch, wie sehr sich Deutschland verändert hat.

          Am Freitagabend, zwei Tage nach dem deutschen Aus in der WM-Vorrunde, setzte Mesut Özil eine Kurznachricht ab. Der deutsche Nationalspieler verfasste seine Botschaft auf Englisch, nicht auf Deutsch. „Die WM nach der Vorrunde verlassen zu müssen schmerzt so sehr. Wir waren nicht gut genug. Ich brauche Zeit, um darüber hinwegzukommen“, schrieb Özil. Und darunter: #SayNoToRacism. Der Tweet ist die erste indirekte Äußerung von Özil zu den jüngsten Fotos mit Erdogan. Vor und während der Weltmeisterschaft hatte Özil selbst geschwiegen. Er sagte kein Wort. Weder zu den Fotos noch zum Fußball.

          Die Fotos und der Umgang der beiden Nationalspieler und des Deutschen Fußball-Bunds mit diesen Aufnahmen, die für so viel Wirbel sorgten, überschatteten die komplette WM-Vorbereitung der deutschen Mannschaft. Sie wirkten auch in das Turnier hinein. Die Bilder, die einen gesellschaftspolitischen Nerv trafen, sind nun auch zu einem Symbol des deutschen Scheiterns geworden. Ein Symbol des Scheiterns, das weit über den Fußballplatz hinausweist.

          Vor zehn Jahren hat Sönke Wortmann, der Regisseur des „Sommermärchens“, einen Spot mit den Eltern deutscher Nationalspieler und Nationalspielerinnen für den Deutschen Fußball-Bund gedreht. Es ging dabei um Integration. Um die Vorstellung davon, wie sie aussieht, wenn sie gelingt. Wortmanns Spot zeigt viele fröhliche Menschen verschiedener Herkunft, darunter einen dunkelhäutigen Gastgeber, der eine Frau mit Kopftuch begrüßt. Man trifft sich zum Grillen in einem blühenden Garten, der zu einem schönen, frei stehenden Haus gehört. Man isst zusammen, Kartoffelsalat und Kebab. Man trinkt zusammen, Sekt und Saft. Natürlich gibt es auch Bier, und dann schaut man gemeinsam Fußball. Dazu sagt eine Stimme aus dem Off: „Was haben alle diese Menschen gemeinsam? Ihre Kinder spielen in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. DFB. Más Integración.“

          In diesen Zeiten, als auch die ersten Fotos 2011 von Özil mit Erdogan entstanden, wurde in Deutschland ein türkischstämmiger Spieler wie Nuri Sahin kritisiert, weil er sich für die türkische Nationalmannschaft entschied und nicht für die deutsche. Und Özil stand in der Türkei in der Kritik, weil er sich für die DFB-Auswahl entschied, wofür er in Deutschland gefeiert und geehrt wurde. Nach einem Länderspiel gegen die Türkei im Berliner Olympiastadion ging die Kanzlerin runter in die Kabine. Dort ließ sich Frau Merkel mit Özil fotografieren. Dass er mit freiem Oberkörper abgebildet ist, war ihm nicht peinlich, wie damals mitunter verbreitet wurde. Özil war stolz auf dieses Foto. Er ließ sich Abzüge davon machen.

          27. November 2012 treffen sich beide in Madrid.
          27. November 2012 treffen sich beide in Madrid. : Bild: Getty

          Als Özil nun im Sommer 2018 das Stadion von Kasan nach dem Aus verlässt, wird er von einem Fan auf der Tribüne beschimpft. Torwarttrainer Andreas Köpke zieht Özil weg, damit die Sache nicht noch weiter eskaliert. Es ist das letzte Bild, das von Özil bei der Weltmeisterschaft 2018 bleibt, vielleicht sogar von seiner einzigartigen Karriere in der deutschen Nationalmannschaft. Er war der erste Spieler mit türkischen Wurzeln, der sich für die deutsche Nationalmannschaft entschied, und er gab damit ein Zeichen, auf das viele Migrantenkinder lange gewartet und gehofft hatten.

          In den Wochen zuvor war Özil, noch stärker als Gündogan, zum Ziel heftiger rassistischer Attacken geworden, die so massiv und verletzend waren, wie man sich das beim DFB und in Deutschland nicht hatte vorstellen können, als man diesen Integrationsspot drehte. Mittlerweile ist es so weit gekommen, dass es im Verband viele Leute nicht mehr überraschen würde, wenn Özil, der Weltmeister mit 92 Länderspielen, wegen der Anfeindungen seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärte.

          Der offene Rassismus, der sich in Deutschland so leicht entfachen ließ, war so stark, dass er den Anlass der Auseinandersetzung um Özil und Gündogan schon überlagert hat. Die Nähe zweier deutschen Nationalspieler zu einem Autokraten, der Menschenrechte mit Füßen tritt. Özil und Gündogan wurden so auch zu Opfern einer Entwicklung, die sie selbst in Gang gesetzt hatten. Aber in deren Verlauf es niemanden gab, der dieses Desaster verhindert hätte, an deren vorläufigem Ende nun eine Niederlage steht, die viel größer ist als es jede Niederlage von Fußballern auf dem Fußballplatz in diesem Land je sein kann.

          Am 13. Mai 2018 bekommt Erdogan von Özil ein Trikot des FC Arsenal.
          Am 13. Mai 2018 bekommt Erdogan von Özil ein Trikot des FC Arsenal. : Bild: dpa

          Wie es so weit kommen konnte, ist eine Frage, die den DFB überfordert, aber weit mehr die beiden Spieler. Verbandspräsident Reinhard Grindel hat recht, wenn er sagt, dass sich das gesellschaftliche Klima gegenüber Migration in den vergangenen Jahren verändert hat. Aber gerade deswegen war es ein verhängnisvoller Fehler, die Dinge einfach laufen zu lassen und so Rassisten und Extremisten die Möglichkeit zu geben, die Kritik an zwei Nationalspielern, die sich mit einem Autokraten gemein machten, in blanken Rassismus und Fremdenhass zu verwandeln.

          Nun wird vor allem Özil aus politischem Kalkül von Vertretern der AfD zu einem Sündenbock gemacht, zu einem Symbol des Scheiterns im Sport und in der Integrationsfrage. Aber so überspannt, wie die Stimmung mittlerweile ist, wird umgekehrt in manchen Medien wiederum selbst der sachlichen Kritik an der folgenschweren Symbolik, die Özil und Gündogan mit ihrer Nähe zu Erdogan lieferten, mit Rassismusvorwürfen begegnet. Ausgeblendet wird dabei unter anderem, dass ein bei dieser WM sportlich besonders enttäuschender Sami Khedira solchen Anfeindungen nicht im Entferntesten ausgesetzt war und sich die Fans mit Jérôme Boateng noch vor zwei Jahren, unmittelbar nach dem Höhepunkt des Flüchtlingsdramas und den Sprüchen Gaulands, in überwältigender Weise solidarisierten.

          Wie polarisierend und unversöhnlich die Diskussion in Sachen Özil/Gündogan heute geführt wird, ist dennoch ein Zeichen dafür, wie sehr sich die Zeiten seitdem radikalisiert haben. Diese Entwicklung nicht erkannt oder zumindest geahnt zu haben ist ein Vorwurf, der weit stärker den Verband trifft als die beiden Spieler, die nicht verstehen (wollen), dass viele Fans mittlerweile eine eindeutige demokratische Haltung von ihren Nationalspielern erwarten und einfordern. Erschwert hat sich Özils und Gündogans Lage in der aufgeheizten politischen Situation auch dadurch, dass der Begriff Nationalmannschaft, in einer Zeit, in der das Land heftig um Identität und Werte ringt, seine Eindeutigkeit eingebüßt hat. Seit der WM 2014 heißt die deutsche Mannschaft laut DFB-Marketingsprachgebrauch nur noch: „Die Mannschaft“.

          Das Nationale – was auch immer das konkret sein soll – hat der DFB damit unter den Tisch fallen lassen. Gegner der Willkommenskultur vermuten dahinter mittlerweile eine bewusste politische Agenda, nicht nur eine missglückte Marketingstrategie. Eine Folge der Neuetikettierung im Marketing-Sprech ist auch, dass vor allem die Nationalspieler mit Migrationshintergrund, die die DFB-Auswahl in den vergangenen Jahren bereicherten und Deutschland zu Weltmeistern gemacht haben, für die begriffliche Reduzierung der Nationalmannschaft auf eine bloße „Mannschaft“, den höchsten Preis zahlen. Sie verlieren damit das, wofür sie einmal gekämpft haben und was in dem alten DFB-Integrationsspot noch die entscheidende Botschaft war. Etwas, wofür ein Manuel und ein Mats nie kämpfen mussten: ein Teil der deutschen Nationalmannschaft nicht nur zu sein, sondern sich auch als ein anerkannter Teil davon zu fühlen.

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