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Pfannenstiels Welt : Never ever best – ab in den Urlaub!

  • -Aktualisiert am

Zur Pause verdonnert: Joachim Löw und der WM-Slogan des deutschen Teams Bild: dpa

Der Marketingsprech ist in sich #zsmmngbrchen: Die deutsche Nationalmannschaft darf nach dem WM-Aus nur noch auf einen Erfolg beim Preis für den „Sprachpanscher des Jahres 2018“ hoffen.

          A Ruah iss! Oder neudeutsch: the best rest! Nun bin ich, der Niederbayer aus Zwiesel, eigentlich der Letzte, der befugt ist, über Sprache zu sprechen. Aber jetzt muss es halt mal sein. „Best neVer rest!“ war der Slogan, mit dem ein DFB-Sponsor seine Kampagne überschrieb und der „Die Mannschaft“ auf die Klamotten flocken ließ, auf dass alle #Zsmmn auch ja nie das mit großem Vogel-V beschriebene Ziel aus den Augen verlieren: den fünften Stern. Victory! „Die Besten geben nie auf, und das wollen wir der ganzen Welt zeigen!“, soll Mesut Özil bei der Präsentation gesagt haben.

          Fussball-WM 2018

          Man glaubt es kaum. Denn das, was die Welt in den vergangenen Tagen vom deutschen Team zu sehen bekam, war einer Aufgabe näher als einem unermüdlichen Kampf. Oder im PR-Sprech: never ever best! Ein schlechtes Turnier ist immer mal möglich und allemal zu verzeihen. Aber das Aus in der Vorrunde ist nicht mit schlechten Spielen und schon gar nicht mit Pech allein zu erklären.

          Best-neVer-rest-Besieger

          Die Südkoreaner waren für mich eine der schwächsten Mannschaften dieser WM. Die Schweden, ein Team, das wirklich immer, gegen Malta und gegen Brasilien, ihr 4-4-2-System durchzieht, haben gezeigt, dass der scheinbar so starke Deutschland-Bezwinger Mexiko dann doch nur eine Durchschnittstruppe ins Rennen nach Russland geschickt hat. Deshalb ist für mich eine der Geschichten dieser WM, dass es Carlos Osorio mit einem monatelangen Videostudium gelungen ist, den Deutschen den Zahn zu ziehen. Das kann er sich auf seinen Grabstein schreiben lassen: „Best-neVer-rest-Besieger!“

          Aber die Deutschen hatten die Chance, darauf zu reagieren – umso erstaunlicher, dass Joachim Löw gegen Südkorea wieder zurück auf Anfang gegangen ist und auf Sami Khedira und Mesut Özil gesetzt hat. Den Deutschen hat ein Element gefehlt, ohne das sie noch nie durch ein Turnier gegangen sind: Überzeugung. Die unbändige Kraft, den Job zu machen, die Gewissheit zu haben, das Spiel zu gewinnen. Sogar gegen Südkorea, eine Mannschaft, die bis auf Son keinen einzigen Topspieler hat, war keine Spur von Überzeugung, Selbstvertrauen, Willenskraft. Wie sehr der Glaube an sich und ins eigene Spiel fehlte, haben Manuel Neuer und Mats Hummels auf den Punkt gebracht. Sinngemäß sagten sie: Wenn wir nicht gegen Südkorea ausgeschieden wären, dann im Achtelfinale gegen Brasilien oder die Schweiz. Klingt nach Erleichterung über das jähe Ende einer langen Qual. Das darf nachdenklich stimmen und muss eine Warnung sein.

          Lutz Pfannenstiel.

          Mit Blick auf die WM war der Sieg beim Confed Cup ein Schuss ins eigene Knie. Die B-Mannschaft war jung, heiß, frisch. Trotzdem hätte wohl jeder von uns an Löws Stelle auf die Weltmeister gesetzt. Aber im Herbst und Frühjahr wurde es verpasst, aus den Confed-Cup-Siegern und den Weltmeistern von 2014 eine funktionierende Gemeinschaft entstehen zu lassen. Der Schreck des Erwachens nach dem Spiel gegen Mexiko war entsprechend groß. Und trotz des späten Tores von Toni Kroos gegen Schweden und kollektiver Ekstase ist die Unsicherheit nie gewichen, nicht bei der „Die Mannschaft“, nicht bei den Fans. Das ganze Land (und wahrscheinlich auch der DFB-Tross selbst) fragte sich bange: Wird das was? Es wurde nichts. Let the best rest! Ab in den Urlaub.

          Von allzu großem Tatendrang sind auch viele andere nicht beseelt. Für das Achtelfinale erwarte ich trotz des fantastischen Auftakts am Samstag recht viel „Safety first“. Bedingungsloser Angriffsfußball ist in den vergangenen Jahren arg in die Defensive geraten. Es wird mehr und mehr auf Dreier- bzw. Fünferketten gesetzt. Die Trainer werden versuchen, sich gegenseitig taktisch an die Wand zu nageln – wie es Osorio mit Löw gemacht hat.

          Positive Überraschungen und der Favorit Brasilien

          Trotzdem gibt es positive Überraschungen: Kroatien, zum Beispiel. Rebic, Mandzukic, Perisic stehen für attraktiven Angriffsfußball. Und was Rakitic und Modric im Mittelfeld bieten, ist auch taktisch auf allerhöchstem, beeindruckendem Niveau. Für England kann nach „50 years of hurt“ (tatsächlich: 52 Jahre seit 1966) nur der Titel zählen. Sie haben die größte Liga, die größte Finanzmacht. Und Belgien? Wie gereift ist das hochgelobte Team um de Bruyne, Hazard und Lukaku? Bislang ist der Eindruck stark. Aber was, wenn es nur zu Bronze für die „goldene Generation“ reicht? Für Harry Kane und Romelu Lukaku heißt es: Tore gegen Tunesien und Panama, gut und schön – jetzt gilt es!

          Favorit Brasilien: Wenn sich Neymar auf den rollenden Ball statt der eigenen Rollen konzentriert, hat die Selecao Chancen

          Brasilien bleibt für mich der Favorit. Sie haben sich von Spiel zu Spiel gesteigert. Und wenn Neymar aufhört, nach jedem Foul endlos über den Platz zu kullern, und sich stattdessen auf den rollenden Ball konzentriert, den er so unnachahmlich zu kontrollieren weiß, sind sie noch stärker. Dann spricht viel dafür, dass die Brasilianer mit ihrem klaren, stringenten Spielplan, individueller Klasse und der hervorragend besetzten Bank um den Titel spielen werden. Trainer Tite hat den Künstlern klaren Willen und klaren Fokus eingepflanzt.

          Eigentlich hatte man das von den selbsternannten Besten erwartet: „Wir haben ein klares Ziel, einen klaren Willen, einen klaren Fokus.“ So hat es Teammanager Oliver Bierhoff vor der WM formuliert. Doch allzu viele Nebengeräusche haben die Weltmeister den Fokus verlieren lassen. Die Özil-Gündogan-Affäre hatte am Ende nur einen Gewinner: Recep Tayyip Erdogan. Der Spruch „Best neVer rest“ klinge „wie die ungelenke Formulierung eines russischen Englischschülers im ersten Lernjahr“, hat der Verein Deutsche Sprache festgestellt und die Erfinder des Slogans ganz oben auf die Kandidatenliste für den „Sprachpanscher des Jahres 2018“ gesetzt. Unsere Kicker haben genauso ungelenk und unmotiviert wie die PR-Kampagne gewirkt.

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