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Internationale Anerkennung : Jetzt hat Deutschland sogar Fans in Italien

Von Schweinsteiger (l.) bis Podolski (r.): Den deutschen Kader bildet eine „Generation von Spielern mit großer Qualität“ Bild: dpa

Ob Mourinho oder Cruyff: Joachim Löws Mannschaft erhält Lob von allen Seiten. Nur Jürgen Klinsmann hält sich vor dem DFB-Spiel gegen die Vereinigten Staaten (Donnerstag, 18 Uhr) zurück.

          Er ist der am schnellsten wachsende Fanklub der WM: der deutsche Fanklub der internationalen Fußballkenner. Schon bei der WM 2010 sah man sich als Deutscher Glückwünschen anderer WM-Besucher gegenüber, selbst aus Brasilien oder Holland. Tenor: Euer Team spielt den Fußball, den unseres spielen sollte. In Brasilien wiederholt sich das. Deutschland scheint wieder auf dem Weg, Weltmeister der Herzen zu werden.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Immer häufiger nun auch bei den großen Experten der Fußballwelt. José Mourinho, der Trainer des FC Chelsea, hatte Deutschland wegen einer „Generation von Spielern mit großer Qualität“ schon vor der WM zum Titelkandidaten erklärt. Nun adelt der Großmeister der dunklen Fußballkünste, vor allem des Betonierens von Abwehrreihen, den Kollegen Joachim Löw als einen von seinem Schlag, indem er dessen Entscheidung für eine Abwehr mit vier Innenverteidigern lobt. Dadurch sei die Elf „hervorragend aufgestellt, weil alle sofort immer die Lücken schließen. Die Deutschen werden keine Räume zulassen. Dort wird man die Jungs nicht knacken können“.

          „Jungs wie Müller können den Unterschied ausmachen“

          Allerdings vermisst Mourinho, der die WM für „Yahoo Eurosport“ kommentiert, trotz eines Sonderlobs für Thomas Müller („unglaublich dynamisch, einzigartiger Torinstinkt, findet Räume auf dem Platz, die keiner anderer kennt“) einen „echten Stürmer in der ersten Elf“ – und außerdem einen Anführer für die schwierigen Momente, weil „Mannschaften in bestimmten Situationen besondere Spieler in ihren Reihen haben müssen.“ Mourinho zeigt sich verwundert, dass viele dieses Vakuum Mesut Özil, seinem früheren Spieler bei Real Madrid, vorwerfen und erwarten, „dass er der große emotionale Leader ist und alle mitreißt mit seiner aggressiven Art“. Er habe andere Stärken: „Özil ist jemand, der den Ball lächeln lässt.“

          Begeisternder Fußball: Der italienische Nationaltrainer Cesare Prandell lobt Deutschland als „eine Nationalelf, die sich zu ändern weiß“

          Auch Özils aktueller Vereinstrainer Arsène Wenger ist von der deutschen Elf beeindruckt. „Jungs wie Müller, Özil oder Götze können immer alleine den Unterschied ausmachen“, sagte er in „Eurosport“. „Sie alle sind hervorragend ausgebildet. Dazu hat die Mannschaft den Willen, dieses Turnier zu gewinnen.“ Bei Arsenal hat er bei Spielern wie Mertesacker, Podolski oder Özil nicht nur die „Spitzenqualität“ deutscher Spieler schätzen gelernt, auch ihre Anpassungsfähigkeit: „Es ist eine Nationalität, die im Ausland gut zurecht kommt“. Etwas, das bei einer langen WM in Brasilien helfen könnte.

          Cesare Prandelli, der italienische Nationaltrainer, wünschte sich vor der WM-Auslosung im Dezember, „nicht schon am Anfang gegen Deutschland spielen zu müssen.“ Er schwärmte: „Für mich ist Deutschland ein Vorbild für eine Nationalelf, die sich zu ändern weiß und experimentiert, um mit der Zeit Schritt zu halten“. Der deutsche Fußball habe „neue Wege beschritten und es gewagt, innovativen Fußball zu spielen. Einen wichtigen Beitrag dazu haben Spieler mit multikulturellem Hintergrund geleistet. Das ist die Zukunft. Neues darf nicht erschrecken, sondern muss Neugierde wecken“, sagte Prandelli. „Wir Italiener haben damit leider größere Schwierigkeiten.“

          „Die Jungs sind so unfassbar gut“, sagt Jürgen Klinsmann, Trainer der Vereinigten Staaten, über den deutschen Kader

          Jürgen Klinsmann, der am Donnerstag (ab 18 Uhr im WM-Liveticker) in Recife mit dem amerikanischen Team gegen Deutschland um den Einzug ins Achtelfinale spielt, hält sich verständlicherweise mit schwärmerischen Kommentaren zurück. Doch kurz vor der WM hatte auch der Mann, der die deutsche Erneuerung als Teamchef von 2004 bis 2006 mit eingeleitet hatte, sich im Interview mit „11freunde“ als Fan des heutigen Teams erklärt. „Da leide ich auch still mit“, sagte er zu den verpassten EM- und WM-Titeln von 2008 bis 2012. „Denn die Jungs sind so unfassbar gut, dass es jetzt klappen sollte.“

          Sogar jene beiden einst großen Spieler, die danach als Trainer und Direktoren, Kommentatoren und Autoren zu stilprägenden Figuren der Weltklubs Real Madrid und FC Barcelona wurden – und ebenso ihrer Heimatländer Argentinien und Holland –, haben sich zu Deutschland-Verehrern entwickelt. Jorge Valdano, Weltmeister 1986 mit Argentinien und später Vordenker bei Real, erklärte vor der WM dem „Kicker“, warum Löws Elf einer der großen Favoriten sei: „Weil Deutschland immer eine taktische Härte und Organisation sowie eine physische Stärke hat, an denen es sich aufrichten und auch ausrichten kann.“ Hinzu kämen „aktuell viele Spieler mit Esprit, die technisch stark sind, phantasievoll agieren“, die „in der Lage sind, ein Spiel fließen zu lassen und zugleich Spiele entscheiden können.“

          Cruyffs Lob ist zugleich Kritik an van Gaal

          Und sogar Johan Cruyff, auch vierzig Jahre nach der Final-Niederlage 1974 gegen Deutschland noch die wichtigste Stimme des niederländischen Fußballs, findet, das deutsche Team habe bislang „am dominantesten von allen Mannschaften gespielt“, wie er in seiner Kolumne im „Telegraaf“ schrieb. „Sie haben außerdem eine enorme Ruhe in ihren Aktionen, und fast alle Spieler sind in der Lage, ihren Gegner auszuspielen.“ Das Lob deutscher Dominanz ist allerdings, wie fast immer bei Cruyff, auch Kritik an seinem Privatfeind Louis van Gaal.

          Cruyff ist stets, ob bei Ajax, Barca oder Oranje, der Idee der Ballbesitzes, des offensiven 4-3-3 verhaftet geblieben – ein Denkmuster, das van Gaal bei der WM mit Erfolg aufgegeben hat. „Die Qualifikation für das Achtelfinale ist ein enormer Erfolg, aber der Fußball ist dürftig“, schreibt Cruyff. Er fordert eine Rückkehr zum traditionellen 4-3-3 der Holländer – ein System, das ausgerechnet die Deutschen nun spielen.

          Und dann wären da noch die größten Experten unter den Fans, die spielerisch und taktisch verwöhntesten der letzten sechs Jahre – 47 Millionen Spanier. Laut Umfrage der Sportzeitung „As“ wünschen sie sich nach dem Ausscheiden des eigenen Teams als neuen Weltmeister die Deutschen.

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