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Nationalmannschaft : Rettende Verletzung

Ein Sieg und viele Erkenntnisse: Bundestrainer Joachim Löw Bild: dpa

Schweinsteiger und Khedira zusammen im defensiven Mittelfeld – und Lahm wieder zurück nach hinten rechts: Das war die späte, aber richtungsweisende taktische Entscheidung des Algerien-Spiels.

          Das Beste gleich vorweg: Die deutsche Elf steht im Viertelfinale gegen Frankreich (Freitag, 18 Uhr, F.A.Z.-Liveticker). Widerstandskraft und Willenskraft, Einsatz- und Risikobereitschaft haben sie dorthin gebracht, verkörpert durch Manuel Neuer wie von keinem anderen. Ein Fels, der zum Leben erwacht und sein Tor hinter sich lässt, weil er sieht, dass dieses Revier für ihn zu klein ist, um die Weltmeisterschaft zu gewinnen – und dann das halbe Feld erobert. Die Frage nach dem deutschen Anführer war damit gegen Algerien geklärt: kein Kapitän, kein emotionaler Leader – sondern ein Torwart, der sein Feld und sein Energiefeld ganz allein und von allein ausdehnte.

          Die deutsche Mannschaft hatte spätestens nach einer halben Stunde um Hilfe gefleht, weil der Matchplan nicht funktionierte. Neuer war sofort da. Und zur Halbzeit griff auch der Bundestrainer ein. Da hätte das Team zwar schon zurückliegen und alles zu spät sein können. Aber so war es nicht – und so brachte die Einwechslung von Schürrle schnell Gewinn. Einen großen für die Bewegung nach vorne, aber nur einen kleinen für die Balance insgesamt.

          Erst nach siebzig Minuten, als Mustafis Muskel nicht mehr mitmachte, ergriff Löw die Chance, auf dem Platz für jene strukturelle Ordnung zu sorgen, die längst geboten schien, aber nur er selbst bis zu diesem Moment für ausgeschlossen erklärt hatte: Schweinsteiger und Khedira zusammen im defensiven Mittelfeld – und Lahm wieder zurück nach hinten rechts. Das war die späte, aber ganz richtige und richtungsweisende taktische Entscheidung des Tages. Selbst in dieser psychologisch schwierigen Phase, zwanzig Minuten vor Schluss, wo jeder Fehler das Ende der WM-Träume hätte bedeuten können, kehrte allmählich Sicherheit ins deutsche Spiel und seine Grundordnung zurück.

          Zurück auf die Außenposition? Philipp Lahm

          Die Idee, genauer gesagt: die Notlösung, mit vier Innenverteidigern gleichzeitig Weltmeister werden zu wollen, dürfte im Achtelfinale zu ihrem Ende gekommen sein. Die Algerier zeigten, wie leicht sich die Deutschen unter diesen Umständen matt setzen lassen. Dem Mittelfeldtrio Lahm, Schweinsteiger und Kroos boten sich mit den ungelernten Außenverteidigern Höwedes und Mustafi keine geeigneten Anspielstationen für Angriffe über die lahmenden Flügel. Kein Vorwurf: Beide haben das nie gelernt. Aber so blieb den Deutschen fast immer nur der Weg durch die Mitte. Und da genügte schon ein ordentliches Pressing, um die Zuliefererdienste in die Offensive zu unterbinden. Da half auch alle individuelle Klasse nicht weiter.

          Ein Schritt zurück als ein Schritt nach vorne

          Erst mit dem dringend benötigten Lahm auf der rechten Seite entstand ein neuer, zusätzlicher Schwerpunkt im deutschen Spiel. Und so lautet die ganz naheliegende Frage vor dem Viertelfinale gegen Frankreich, ob dieser Schritt zurück nicht der überfällige Schritt nach vorne ist. Es stimmt schon: Zu Turnierbeginn war es wegen der körperlichen Defizite von Khedira und Schweinsteiger nicht unbedingt angezeigt, beide von Anfang an einzusetzen. Aber nach drei Turnierwochen müssten und müssen die wichtigsten Spieler neunzig Minuten durchhalten. Die Chance, die Statik des deutschen Spiels und damit die aktuellen WM-Aussichten mit dieser Rückkehr zur Vergangenheit zu verbessern, erscheint jedenfalls deutlich größer als das Restrisiko. Mit dem Hinweis, den Spielführer gar auf die linke Abwehrseite zu verschieben, um so beide Flügel zu stärken (wenn Boateng nach Hummels’ Rückkehr wieder rechts rausrückt), muss man dem Trainer und seinem Kapitän aber wohl gar nicht erst kommen. Das erscheint dann doch als zu verwegene Variante und ein zu großes Eingeständnis für Löw und Lahm. Und außerdem kam dieser Vorschlag auch noch von Michael Ballack.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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