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Nach dem 4:0 : Torkönig Müller II

  • -Aktualisiert am

Dünne Arme, dicke Lippe: Müller nach seinem dritten Tor gegen Portugal Bild: REUTERS

Der Bayer ist die Standleitung zu den Wurzeln des deutschen Fußballs. Seine außergewöhnliche Gewöhnlichkeit macht Thomas Müller so wertvoll.

          Die Karriere von Thomas Müller begann unter Louis van Gaal, dem Trainer, der sich nicht mit dem Zufall abfinden will. Der Holländer war in Deutschland der erste Coach, der seinen Spielern den sogenannten Systemfußball eintrichterte, der sie auf dem Trainingsplatz eigenhändig um ein paar Meter nach links oder rechts verschob, damit sie an der richtigen Stelle standen für sein organisiertes Positionsspiel, damit der Pass seinen geplanten Weg nahm und nicht einen zufälligen.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Aber selbst dieser diktatorische Verkleinerer des Zufalls liebte vom ersten Tag an in München die Unberechenbarkeit, die ihm auf Zahnstocherbeinen begegnete. Als man den Holländer einmal nach seiner Wunschaufstellung fragte, sagte er: „Müller spielt immer.“ Zu dieser Zeit war Müller noch kein WM-Torschützenkönig, sondern nur ein junges unbekanntes Müller, das ebenso zufällig den gleichen Namen trug wie jenes kleines dickes Müller, der größte aller deutschen Torjäger.

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          Mittlerweile spielt Müller seine zweite WM, seine drei Tore beim 4:0 gegen Portugal mit Welt-Torjäger Ronaldo haben dem deutschen Team einen Traumstart und Müller eine Traumquote auf der größten aller Fußballbühnen beschert. Sieben WM-Spiele, acht Tore. Das ist ein herausragender Wert von 1,14 Treffern pro Spiel, selbst der legendäre Gerd Müller reicht da nicht heran (14 Tore in 13 Spielen, Schnitt 1,08). „Bei Weltmeisterschaften läuft es nicht schlecht für mich“, sagte Müller grinsend. Den besten Gegnern der Welt bleibt er ein Rätsel, aber nicht nur ihnen.

          Müllers Wege sind an seinen besten Tagen wie gegen Portugal einfach unergründlich. „Man weiß als Trainer manchmal nicht, welche Wege er geht. Er ist für einen Abwehrspieler der gegnerischen Mannschaft wahnsinnig schwer berechenbar“, sagte Bundestrainer Joachim Löw nach dem Sieg in Salvador: „Er hat einfach nur einen Gedanken im Kopf: Wie kann ich am Ende ein Tor erzielen. Das macht ihn so gefährlich.“

          Die Chiffren des modernen Fußballs

          Solche scheinwissenschaftlichen Berechnungen wie den Torquotienten stellen Kinder schon seit dem ersten deutschen WM-Titel 1954 an, um Torjäger über die Zeiten hinweg miteinander zu vergleichen. Wer ist nun wirklich der Beste: Helmut Rahn? Uwe Seeler? Gerd Müller? Rudi Völler? Miroslav Klose? Thomas Müller?

          Aber erst in den vergangenen Jahren ist die Berechnung von Effizienz zum Kennzeichen des modernen Fußballs geworden. Längst wird das einzige Spiel, das man mit den Füßen spielt, die doch so denkbar ungeeignet sind für den kontrollierten Umgang mit einem Ball, in exakte Kennziffern zerteilt, in handhabbare, überprüfbare und verbesserungsfähige Einheiten. Sekundenbruchteilige Ballkontaktzeiten. Auf den Meter genau gemessene Laufleistungen. Sprintleistungen nach fünf, zehn oder fünfzehn Metern. Anzahl der Pässe, kurz oder lang, angekommene oder verfehlte. Anzahl der Ballkontakte. Computergesteuerte Nachverfolgung der Laufwege aller Spieler auf dem Platz durch Spezialkameras, auch der Passwege. Verortung der Torschüsse und der Schützen. All das sind Chiffren einer Verwissenschaftlichung des Fußballs, getragen vom Wunsch nach Optimierung; ein Kampf mit immer aufwendigeren Mitteln gegen das Zufällige, Ungeplante, Unberechenbare; gegen die Naturkonstanten des Fußballs.

          Müller legt den Kern des Spiels frei

          Und dann kommt Müller, diese ganz und gar ungewöhnlich gewöhnliche Antwort auf diese Perfektionierungstendenz, die den Fußball in den letzten Jahren zwar immer attraktiver erscheinen lässt, als eine Fortsetzung der Playstation mit menschlichen Mitteln. Aber dieser faszinierenden Unnahbarkeit tritt mit Müller auch bei dieser WM wieder ein Spieler aus Leib und Blut entgegen, der es versteht, den Kern des Spiels freizulegen.

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