https://www.faz.net/-gaq-7reqb

Miroslav Klose : Der selbstloseste Star

  • -Aktualisiert am

Miroslav Klose: Eine fußballhistorische Persönlichkeit, die am Boden bleibt Bild: AFP

Miroslav Klose hat sich endgültig seinen Eintrag in den WM-Geschichtsbüchern gesichert. Mit 16 Toren in Finalturnieren ist er nun alleiniger Rekordhalter unter den Torjägern. Nun fehlt ihm nur noch die Wiedergutmachung für die Finalniederlage von 2002.

          3 Min.

          Als Miroslav Klose an seinem persönlichen Ziel bei dieser  Weltmeisterschaft angelangt war, sprach der 36 Jahre alte Senior der deutschen  Fußball-Nationalmannschaft viel lieber von dem großen Ziel, das er und seine  Kollegen jetzt gemeinsam vor Augen haben. Dass der einzige „echte“ deutsche  Stürmer seit Dienstagabend den großen Brasilianer Ronaldo vor dessen  ungläubigen Augen in dessen Heimatland als treffsicherster Angreifer der  WM-Geschichte abgelöst hat und nun mit 16 Treffern an der Spitze dieser  Rangliste steht, stimmte ihn zweifellos „froh“. Schließlich war es vom  Turnierbeginn an sein Bestreben, „da oben allein zu sein“, wie Klose gern hervorhob.

          Dann aber wandte er sich den bedeutenderen deutschen Herzenswünschen während dieser Fußballfeiertage zu. „Viel wichtiger ist es für mich und die Mannschaft, am Schluss das Ding in der Hand zu halten.“ Den goldenen Pokal für den neuen  Weltmeister endlich im Griff zu haben, danach richtet sich sein ganzes Trachten bei dieser WM.

          Klose hat ja als einziger Spieler aus dem Aufgebot von Bundestrainer Joachim Löw schon seine Erfahrungen mit einem Weltmeisterschaftsfinale  gemacht. 2002, als er in Japan und Südkorea erstmals auf der großen Weltbühne stand, war der Pfälzer polnischer Herkunft mit der damals von Rudi Völler trainierten Mannschaft im Endspiel von Yokohama an Brasilien 0:2 gescheitert. Damals wie heute trainierte Luiz Felipe Scolari die Selecao, die  am Dienstag im  WM-Halbfinale von Belo Horizonte beim 1:7 ihre fürchterlichste Niederlage gegen die Deutschen einstecken musste.

          Sein zweites WM-Finale will er gewinnen

          Kein Wunder, dass Klose auch den Blick zurück richtete. „Ich habe schon ein Finale  gespielt und verloren, das soll mir kein zweites Mal passieren“, sagte der WM-Zweite von 2002. Der Stürmer von Lazio Rom, zu Beginn des Turniers nach diversen Verletzungen  während der Saison in der italienischen Serie A noch nicht ganz auf der Höhe seiner Schaffenskraft, hat gegen die  Brasilianer nicht  nur mit seinem Treffer zum 2:0 aufs Neue bewiesen, wie immergrün er trotz seines gehobenen Alters der Torjäger geblieben ist, der sich ohne ein Übermaß an spektakulären Treffern in  die Kategorie Weltklasse vorarbeiten konnte. Instinktsicher und reaktionsschnell wie zu seinen besten Zeiten traf er gegen Brasilien im Nachschuss, nachdem Torhüter Julio Cesar seinen ersten Versuch noch abgewehrt hatte. Die zweite Chance nutzte Klose dann mit kühler Präzsion (23.).

          Ein historisches Tor: Miroslav Klose erzielt seinen 16. WM-Treffer Bilderstrecke

          Es war sein Schuss ins Glück und an die Spitze der WM-Schützenliste, der die Brasilianer vollends an sich und ihrer Chance verzweifeln ließ. Dass er auch davor und danach bis zu seiner Auswechslung in der 58. Minute alles gab und seine eigenen Gelegenheiten nie aus den Augen verlor, ist bei  einem wie ihm die pure Selbstverständlichkeit. „Das ist ein Rekord, der uns  allen wahnsinnig viel bedeutet“, pries Bundestrainer Löw den Spieler, der in  136 Länderspielen auch zum deutschen Schützenkönig vor dem großen Gerd Müller  mit nun 71 Treffern avanciert ist. „Das ist eine Bestleistung, die in Zukunft nur  von Thomas Müller geknackt werden kann.“

          Der Münchner steht vor dem Finale am  Sonntag gegen die Niederlande oder Argentinien nach zwei WM-Turnieren schon bei  der Marke von zehn Treffern, fünf davon bei der WM dieses Jahres, bei der er noch wie 2010 in Südafrika bester Schütze werden kann - nicht schlecht für  einen Angreifer, der eigentlich als „falsche Neun“ gilt und doch wie Klose ein echter Vollblutangreifer ist.

          Sogar die Hymne singt er leise mit

          Löw aber lobte zur Feier des Tages  verständlicherweise seinen unverwüstlichen Spieler mit der Rückennummer 11 ganz  besonders, der „torgefährlich wie eh und je“ sei und gegen die Brasilianer  „eine ganz überragende Leistung“ gezeigt habe. Miroslav Klose, der den Egoismus des Stürmers nur bei Gelegenheit, und  dann eher en passant  auf dem Platz auslebt, ist der vielleicht selbstloseste Star weit und breit aus der Abteilung Attacke. Mit dem Eigenlob hat er es nicht so, mit großen Worten sowieso nicht. Der gelernte Zimmermann versteht sich auch im Fußball eher als ein Handwerksmeister, der seine Profession von der Pike auf erlernt hat. Von Blaubach-Diedelkopf über Homburg nach Kaiserslautern und von dort nach Bremen, zu den Bayern bis nach Rom ging seine Wanderschaft. Überall hat „der Miro“ einen bleibenden Eindruck hinterlassen, aber nirgendwo blühte er so verlässlich auf wie im Trikot der Nationalmannschaft.

          Inzwischen singt der Pfälzer polnischer Herkunft sogar die deutsche Nationalhymne leise mit, während der er früher stumm blieb. Dass diese WM in Brasilien seine Laufbahn als verlässlicher, allseits geschätzter und nur von seinen Gegnern gefürchteter Profi krönen könnte, gönnen ihm alle, die Klose kennen. Dass es auch seine letzte Weltmeisterschaft nach  einem zweiten und zwei dritten Plätzen ist, mag man kaum glauben. So wie Klose am Dienstag auch die Brasilianer aufgemischt hat, könnte er vielleicht noch  eine WM dranhängen.

          Das aber wird wohl nicht passieren, so rasch der für seinen  Sport gesundheitsbewusst lebende Stürmer auch regeniert. Er kennt sich zu gut  und ist auch zu uneitel, um seine Karriere bis zu dem Tag, da nichts mehr geht, fortzusetzen. Erst einmal winkt Miroslav Klose am Zuckerhut der Gipfel seiner  langen Laufbahn. Dass es danach mit ihm bergab gehen könnte, ist unvorstellbar, selbst  wenn er in absehbarer Zeit seine Leidenschaft fürs Toreschießen aufgibt und den Müllers dieser Welt eine Chance gibt, seine Bestmarken beherzt anzugreifen. Und  wenn schon, einer wie Klose kann auch gönnen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Demokraten-Debatte : Angriff auf Warren

          Bei der vierten Fernsehdebatte der Demokraten zeigte sich, dass Joe Biden nicht mehr der einzige Favorit ist, an dem sich alle abarbeiten. Diesmal musste Elizabeth Warren die meisten Angriffe parieren. Und Bernie Sanders musste sich nach seinem Herzinfarkt Fragen zu seiner Gesundheit gefallen lassen.
          Die Uhr tickt: Zwei Wochen vor dem geplanten britischen EU-Austritt scheint eine Einigung immer noch möglich. Aber die Verhandlungen gestalten sich kompliziert.

          Vertragsentwurf bis Nachmittag? : Der Zeitdruck ist enorm

          Bis in die Nacht haben Großbritannien und die EU verhandelt – und die Gespräche am Morgen ohne Einigung unterbrochen. Bis zum Nachmittag muss ein Vertragsentwurf stehen – sonst droht eine Fristverlängerung.
          Axel Weber

          Axel Weber im Gespräch : Spielverderber Regulierung

          Der UBS-Verwaltungsratsvorsitzende Axel Weber über den Wunsch nach Konsolidierung, die Fusionsgerüchte mit der Deutschen Bank und die Frage, was Christine Lagarde als Chefin der Europäischen Zentralbank jetzt wirklich besser machen muss.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.