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DFB-Team nach WM-Debakel : Der Ball liegt jetzt im Feld von Löw

Hält die Deckung? Joachim Löw kann sich hinter der WM-Trophäe von 2014 nicht mehr vollständig verstecken. Bild: Imago

Die sachliche Kritik reißt nicht ab. Doch das Präsidium des DFB will trotz der WM-Pleite am Bundestrainer festhalten. Und wegen seiner Verdienste will ihn niemand öffentlich zum Rücktritt auffordern.

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          Es gibt nicht viele Experten, die in Deutschland Auskunft darüber geben können, wie es sich als Bundestrainer anfühlt, mit einer Mannschaft nach der Vorrunde eines großen Turniers auszuscheiden. Im Jahr 2000 war das Erich Ribbeck bei der Europameisterschaft widerfahren, aber nach seiner kurzen und bemerkenswert erfolglosen Zeit beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) ist Ribbeck als Fußballexperte in Deutschland nicht mehr sonderlich gefragt. Aber es gibt ja noch Rudi Völler, dem dieses Missgeschick vier Jahre später bei der EM in Portugal widerfuhr, wobei er genauso darauf reagierte wie sein unglücklicher Vorgänger: Er trat sofort zurück.

          Fussball-WM 2018
          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Völler ist also der einzig greifbare Experte hierzulande für das große Scheitern und dafür, was das mit einem Trainer und der Fußballnation macht. „Schön ist das nicht, und das tut jetzt allen weh“, sagte Völler am Wochenende dem „Kölner Stadtanzeiger“ in einem seiner Interviews. „Ich hätte nicht zurücktreten müssen, aber ich habe gemerkt: Es macht keinen Sinn mehr. Es muss jemand her, der unbefleckt ist und nicht so eine Enttäuschung mit sich herumträgt mit dem Vorrunden-Aus bei der EM. Es war für mich schnell klar. Nicht wegen des Gegenwindes, den hätte ich durchgestanden. Aber es musste einfach etwas Neues her“, sagte Völler. Er würde es immer wieder so machen, fügte er hinzu, da habe auch die Zeit seine Meinung nicht geändert.

          Ein wenig überraschend mutet es angesichts dieser Erfahrung an, dass Rudi Völler sich freuen würde, wenn sein Nach-Nachfolger als Bundestrainer trotzdem weitermachte. „Er hat die Qualität und die Ausstrahlung, mit einem notwendigen Umbruch etwas Neues aufzubauen, auch wenn der Gegenwind jetzt etwas größer geworden ist. Aber das ist ja klar, das gehört zum Profifußball dazu.“ Völler gibt sich jedenfalls fest überzeugt, dass Joachim Löw auch jetzt der „absolut richtige Mann ist“, der sich „diesen Kredit durch die vielen guten Jahre einfach verdient“ hat. Zu seiner Zeit sei die Situation nämlich „komplett anders“ gewesen. 2004 sei er selbst erst vier Jahre als Teamchef im Amt gewesen, die Heim-WM 2006 habe kurz bevorgestanden, und „wir hatten als Gastgeber keine Qualifikationsspiele. Das war für mich der Hauptgrund“, sagte Völler, der bei der „Es-gibt-nur-einen-Rudi-Völler-WM“ in Südkorea und Japan das Finale erreicht hatte.

          Die sachliche Kritik an Löw reißt unterdessen in diesen Tagen der personellen Ungewissheit an der Spitze der Nationalelf nicht ab. Aber öffentlich zum Rücktritt auffordern möchte den Bundestrainer, soweit man im deutschen Fußball blicken kann, aufgrund seiner Verdienste auch niemand. Rekordnationalspieler Lothar Matthäus verkörpert nach diesem deutschen Sommerschreck in seiner Rolle als Boulevard-Kritiker wie kaum jemand sonst diesen Zwiespalt. „Das Abschneiden hat er zu verantworten. Er hat auf totale Harmonie im Kader gesetzt, dafür auf einen Typen wie Sandro Wagner verzichtet. Leroy Sané hat er ebenfalls gestrichen, darüber hat sich die Fußballwelt gewundert.

          Löw hat voll auf Ruhe und Harmonie gesetzt, dabei aber das Leistungsprinzip außer Acht gelassen. Er hält zu lange an altverdienten Spielern fest. Das war schon bei Podolski so und wirkte sich auch 2016 negativ aus, als Löw auf Teufel komm raus Schweinsteiger einbauen wollte und schließlich auch deshalb im EM-Halbfinale scheiterte“, sagt Lothar Matthäus als bekennender „Löw-Fan“. Aber der Bundestrainer müsse sich fragen, ob er bereit sei, neue Wege zu gehen. Wenn er die Energie, Kraft und den Mut dazu aufbringe, Dinge zu ändern, wäre er weiter der richtige Mann. Wäre, wäre – Fahrradkette, wie Lothar Matthäus an anderer Stelle schon treffend feststellte.

          Die öffentliche Meinung, dieses unstete Ding, kann sich unterdessen auch nicht entscheiden, was sie meinen möchte. Nach einer Emnid-Umfrage im Auftrag der „Bild“-Zeitung, die auch nicht weiß, was sie für Fußball-Deutschland wollen soll, sind demnach 57 Prozent der Leute dafür, dass Löw als Bundestrainer weitermacht. Nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag von zwei privaten Fernsehsendern wollen dagegen nur 48 Prozent der Deutschen, dass an der Spitze der Nationalelf alles so bleibt, wie es seit 2006 ist. 37 Prozent der Befragten plädieren auf Rücktritt, wobei es in der Gruppe der „Fußballinteressierten“ noch etwas schlechter für Löw aussieht. Da wünschen sich 49 Prozent seinen Rücktritt.

          Von der Fan-Basis ist also, wie es aussieht, keine eindeutige Entscheidungshilfe für den Bundestrainer zu erwarten, der sich in der kommenden Woche über seine Zukunft im Klaren werden soll, werden muss. Das ist die eindeutige Forderung des DFB nach seinem am Freitag nochmals eindeutig formulierten und bestätigten Wunsch, mit Löw den Weg auch über die EM 2020 bis zur WM 2022 weiterzugehen, genauso, wie es der kurz vor der Weltmeisterschaft verlängerte und finanziell aufgebesserte Vertrag vorsieht, dessen Volumen irgendwo zwischen 15 und 20 Millionen Euro für diese vier Jahre liegen soll.

          Die Präsidiumsmitglieder des Verbandes haben sich am Freitag in einer Telefonkonferenz, auf die Präsident Reinhard Grindel und Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff gedrängt haben sollen, allesamt zum DFB als vertragstreuen Partner des Bundestrainers bekannt. Der Ball liegt nun im Feld des Bundestrainers, der sich, wie es heißt, auch mit seinem Berater über das Wochenende darüber austauschen wollte, ob er sich zu einem neuen Anfang nach dem Absturz berufen fühlt. In den kommenden Tagen wird seine Entscheidung erwartet.

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