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Leon Goretzkas WM-Debüt : Willig, aber zögerlich

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Ein versprechen für die Zukunft? Gegen Südkorea konnte auch Leon Goretzka das deutsche WM-Aus nicht verhindern. Bild: EPA

Leon Goretzka ist ein Mann für die Zukunft. Gegen Südkorea kann der WM-Debütant, der zum FC Bayern wechselt, seinem verunsicherten Team aber eine Stunde lang nicht wirklich helfen.

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          Es hatte sich schon ein wenig angedeutet, als Joachim Löws Trainerassistent Marcus Sorg am Montag sagte: „Leon ist definitiv sehr stark im Training und wird die Möglichkeit bekommen, sich zu zeigen.“ Und das bei der nächsten Gelegenheit in diesem Turnier, in dem der Weltmeister keine Stammspieler mehr zu kennen scheint. Gut für den vor einem Jahr beim Confed-Cup in Russland glänzenden Leon Goretzka, der im letzten Gruppenspiel gegen Südkorea seine erste Chance in diesem Turnier bekam, nachhaltig auf sich aufmerksam zu machen. Dass er ein Mann der Zukunft ist, darüber sind sich im Trainerstab des Deutschen Fußball-Bundes alle einig; dass er selbst ein Mann der Gegenwart sein möchte, konnte er am Mittwoch in Kasan beweisen. Er tat es aber nicht, weil er in einem erkennbar verunsicherten Team um seinen Platz und seine Chance rang. Nach gut einer Stunde war sie dahin. Goretzka ging, und Thomas Müller, bisher ein bei Bundestrainer Löw unantastbarer Weltmeister, kam in die verfahrene Partie.

          Der auf dem Platz sehr strukturierte Mittelfeldspieler mit dem Zeug zum Spielmacher, einer, der ein Auge hat für spielentscheidende Momente, konnte in seiner letzten Saison für den FC Schalke 04 nicht immer überzeugen. Umso mehr will er sich von der kommenden Spielzeit an beim FC Bayern München beweisen, zu dem er ablösefrei kommt. „Ich bin nicht gewechselt, um dort auf der Bank zu sitzen“, ließ er in dieser Woche die „Sport-Bild“ wissen. Eine vergleichbare Äußerung im Kreis der Nationalspieler wäre Goretzka im Basiscamp Watutinki wohl kaum in den Sinn gekommen. Trotz der hell leuchtenden Visitenkarte, die er beim Konföderationenpokal im vorigen Jahr als wichtiger Bestandteil der deutschen Siegermannschaft hinterlassen hat. Da Löw nach der ernüchternden 0:1-Niederlage zum Auftakt gegen Mexiko und dem Last-Minute-Sieg beim 2:1 über Schweden zum großformatigen Wechseln nahezu gezwungen war, schlug in der Kasan Arena auch die Stunde des Leon Goretzka. Ob auch er selbst wusste, was die Uhr geschlagen hatte, war am Mittwochnachmittag die spannende Frage. Zunächst dauerte es mehr als nur ein paar Minuten, ehe der gebürtige Bochumer zumindest ein wenig in sein 16. Länderspiel hineinfand. Kein Wunder: Seine Ausgangsposition war rechts außen, von wo aus Goretzka sonst nur ganz selten sein Spiel aufzuziehen versucht.

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          Im Laufe der ersten Hälfte rückte der 1,89 Meter lange Westfale dann immer mehr in die Spielfeldmitte – vorzugsweise als Relaisspieler, der das, was an Bällen von außen oder aus dem Zentrum zu ihm kam, so gescheit wie möglich zu verarbeiten versuchte. Da die Koreaner ihre Reihen jedoch dicht geschlossen hielten, gab es nur schmale Spielräume für kreative Mittelfeldspieler, wie er einer ist. Immerhin: Peu à peu fuchste sich Goretzka in diese Partie, und immer häufiger bot er sich dabei im Zentrum des Spiels an. Die ganze Breite des Spielfelds konnten die Deutschen damit aber nicht ausnutzen in diesem zähen Duell.

          In eigener Sache punktete der WM-Debütant erst in der Schlussviertelstunde der ersten Hälfte, als er an der besten deutschen Offensivkombination, die über Niklas Süle, ihn und Jonas Hector lief, beteiligt war. Dass der Kölner im Abschluss zu unentschlossen war, konnte Goretzka nicht angelastet werden. Der junge Mann, den sein früherer Trainer beim VfL Bochum, Peter Neururer, ein „Jahrhunderttalent“ genannt hat, hoffte bei Halbzeit, auf die Chance, weitermachen zu können. Sicher konnte er sich dabei nicht sein. Seinen eigenen Anspruch, den er beim Blick auf seine Dynamik mit den Worten, „ich bin ein Stück weit ein anderer Mittelfeldspieler als die meisten“ charakterisiert hatte, verfehlte Leon Goretzka nämlich in der ersten Hälfte dieses für das deutsche WM-Weiterkommen entscheidenden Gruppenspiels noch bei Weitem.

          Danach durfte er aber erst einmal weitermachen und besaß kurz nach dem Wechsel die bis dahin beste Gelegenheit, als er Reus’ Vorlage mit dem Kopf aufs koreanische Tor wuchtete und in Schlussmann Jo seinen Meister fand (48.). Zu seinen bisher sechs Länderspieltoren kam kein siebtes hinzu. Zehn Minuten später besetzte Goretzka dann seine Stammposition als „Achter“, da Sami Khedira raus aus dem Spiel war, der eingewechselte Mario Gomez die Mittelstürmer-Position besetzte und Timo Werner von dort auf den rechten Flügel rückte. Ehe er sich von dort noch einmal produktiv melden konnte, war das Spiel auch schon vorbei für den Noch-Schalker und Bald-Münchner.

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          Für ihn kam sein künftiger Bayern-Kollege Thomas Müller, der erstmals bei dieser Weltmeisterschaft zunächst von der Bank aus zuschauen musste. Das tat dann wie gehabt Goretzka, der einen Einstand hatte, der dem Gemütszustand der deutschen Mannschaft entsprach: willig, aber zögerlich. So gesehen, wird er selbst nicht mehr allzu gern an seine erste Chance bei der Weltmeisterschaft zurückdenken. Schon gar nicht an die bittere 0:2-Niederlage gegen Südkorea – und das erste Ausscheiden einer deutschen Nationalmannschaft in der Gruppenphase einer WM.

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