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Jerome Boateng : Im Schatten des bösen Prinzen

Am Ball: Jerome Boateng Bild: dpa

Für Jerome, den deutschen Nationalspieler, ist der Familienname Boateng manchmal eine Belastung. Nicht erst jetzt bei der WM, sondern schon zuvor beim HSV.

          Jerome Boateng ist den zweiten Tag in Südafrika, die Sache mit seinem Bruder hat sich etwas beruhigt. Es ist knapp einen Monat her, als Kevin im englischen Cupfinal Michael Ballack so heftig gegen den Knöchel trat, dass Ballack vom Feld genommen werden musste. Zwei Tage später stellt sich raus, dass Ballack nicht bei der WM dabei sein kann und die Deutschen ihren Kapitän verloren haben. Die ARD sendet einen Blickpunkt wie nach einem Politikersturz, die Zeitungen machen auf der ersten Seite auf mit dem Verlust.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Im Internet gründen sich Gruppen, die ihre Wut in Rachegelüste verwandeln. Sie nennen sich „Boateng umhauen“ und „82 Millionen gegen Boateng“. Sie zielen auf Kevin, aber Jerome treffen sie auch. Jerome erzählt von den vielen Mails, die er in diesen Tagen bekommen hat, die nicht auf Kevin zielten, sondern auf ihn. Gelesen hat er sie nicht, sein Berater hat sie abgefangen. „Da ging es nicht um Fußball. Da ging es um die Hautfarbe, das war Rassismus“, sagt Jerome.

          Zwei Tage vor dem Duell gegen Ghana sitzt Jerome wieder auf der Terrasse im Mannschaftsquartier, wo sich die Spieler mit den Journalisten treffen. Diesmal sind vier Reporter zu Jerome gekommen, drei Deutsche und ein Chinese. Auch dort interessiert man sich für die Geschichte der beiden Brüder, die in Berlin aufgewachsen sind und nun für verschiedene Länder um den Einzug ins Achtelfinale kämpfen. Es ist klar, dass Jerome gegen Ghana nicht von Beginn für Deutschland spielen wird. Philipp Lahm hält seinen Posten besetzt, da gibt es kein Vorbeikommen.

          Voll integriert: Jerome im deutschen Rugby-Training

          Den Konflikt gibt es

          Dann kommt eine konstruierte Frage, um dem Duell der Brüder, das es an diesem Mittwoch in Johannesburg auf dem Platz kaum geben wird, noch ein bisschen mehr Fahrt zu geben. „Man könnte argumentieren, eigentlich kann man dich nicht bringen - alles ist so emotional, so aufgeladen. Was sagt du diesen Leuten, die diese Zweifel haben?“ Es ist eine Frage, die sich mit Verständnis tarnt, aber tatsächlich ist sie eine Zumutung. Im Kern zielt sie darauf, ob sich Kevin-Prince Boateng mit dem deutschen Kapitän noch ein weiteres Opfer geholt hat: den eigenen Bruder, der nicht mehr in der Lage ist, den Loyalitätskonflikt auszuhalten, die Spannung zwischen familiärer und nationaler Beziehung.

          Jerome antwortet ruhig: „Ich denke, dass ich das beiseite schieben kann.“ Aber den Konflikt gibt es. Und die Zumutung, als Bruder von Kevin-Prince Boateng Karriere im Profifußball zu machen, die gibt es auch. Nicht immer natürlich. Es kommt in Wellen, dass der Name Boateng für Jerome zu einer Belastung wird, wie jetzt bei der Weltmeisterschaft. Oder vor ein paar Jahren beim HSV. Er erzählt davon nach seiner Ankunft in Südafrika. Er weiß, dass er sich dem Thema stellen muss, und er versucht in bewundernswerter Weise, dabei alle zu ihrem Recht kommen zu lassen. Seinen Bruder. Die deutsche Mannschaft. Seine Familie. Und auch sich selbst. „Beim HSV habe ich fast ein Jahr nicht gespielt. Das ist das Schlimmste, was mir dort passieren konnte.“ Er sagt, er hatte dort mit Martin Jol „den falschen Trainer. Da hatte ich keine Chance - auch wegen meines Bruders. Der Trainer hatte bei dem Namen Boateng schon ein Vorurteil“.

          Ob er das Gefühl habe, dass der Name Boateng ihm in seiner Karriere schade? „Ja“, sagt Jerome, „ab und zu schadet der Name. Aber ich bin anders als mein Bruder, und ich spiele auch anders. Es ist sehr schade, dass trotzdem manche Leute gleich negativ reagieren, wenn sie diesen Namen hören.“ Es ist auch eine Karriere im langen Schatten des bösen Prinzen.

          Tattoo mit dem Stammbaum seiner Familie

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