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Kommentar zur Causa Özil : Es ist eine Schande

  • -Aktualisiert am

Nicht ohne jede Schuld: Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff (links) und Bundestrainer Joachim Löw. Bild: Picture-Alliance

Wie konnte sich der DFB sehenden Auges in dieses Desaster hinein manövrieren? Die Entwicklung im Fall Özil ist nicht nur Präsident Grindel anzulasten. Auch Bierhoff und Löw sind dafür verantwortlich.

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          Was für ein Trauerspiel. Fußball sollte Freude bringen in diesem Sommer und führte nur zu tiefen Verletzungen. Da wird rücksichtslos getreten und nachgetreten. Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff stellte Özil als Sündenbock hin. Der verdiente Mittelfeldspieler nennt den Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Reinhard Grindel, in seiner selbstgerechten Abrechnung einen „Rassisten“ und behauptet, die Medien hätten die Nation gegen ihn aufgebracht – wegen seiner türkischen Ahnen. Bayern Münchens Zentralinstanz Uli Hoeneß versteigt sich zu der Anmerkung, der Nationalspieler habe jahrelang einen „Dreck“ gespielt. In den Foren wird Özil im AfD-Stil beleidigt und dessen Klage quasi volley untermauert.

          Alles, was differenziert aufgeklärt werden müsste, Özils Anbiederung an den Grundrechte-Verächter Erdogan und der fatale Umgang des DFB damit, bleibt auf der Strecke. Alle guten Vorsätze, alle großen Ideen, mit dem Bild vom Zusammenspiel der deutschen Nationalmannschaft ein gutes, friedliches Miteinander der Deutschen unterschiedlicher Hintergründe zu dokumentieren, sind zerschlagen. Das ist eine Schande. Die Entwicklung war vorhersehbar.

          Wie konnte sich der DFB sehenden Auges in dieses Desaster hinein manövrieren? Schon kurz nach Veröffentlichung der Özil/Gündogan-Bilder mit dem türkischen Staatspräsidenten Mitte Mai war klar, dass der Super-GAU nur mit einem hohen Risiko zu vermeiden wäre. Als Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff die Affäre ohne Aufklärung für beendet erklärte, als sichtbar wurde, welchen gefährlichen Kurs der DFB fahren würde: Ein paar Siege bei der WM, und die ganze Geschichte verliefe im Sande.

          Auf tragische Weise hat das Gespann Bierhoff/Löw im doppelten Sinne alle Signale übersehen, als es glaubte, diesen Fall mit dem längst nicht mehr abrufbaren Kombinations- und Umschaltfußball überspielen zu können. Die Wahrheit lag gewissermaßen „auf’m Platz“, als sich die Deutschen Zug um Zug in den Abgrund spielten. Grindel trägt dafür die politische Verantwortung. Das weiß er als ehemaliger Bundestagsabgeordneter. Aber hätte er das Desaster verhindern können? Nur mit einem radikalen Schnitt schon vor der WM, par ordre du mufti über den Kopf des Weltmeistertrainers hinweg: Ohne Özil fahren wir zur WM? Ob Löw dann noch mitgespielt hätte?

          Zu dieser Machtfrage soll es gar nicht gekommen sein. Grindel hätte sie verloren. Weil seine Position nicht die eines Gerhard Mayer-Vorfelders war und ist, der einst autoritär bestimmte, wo es langging im DFB. Grindel kam ins Amt, weil sein Vorgänger Wolfgang Niersbach über die Sommer-Märchen-Affäre stolperte. Er wurde von den Landesverbänden gegen den Widerstand der Bundesliga durchgesetzt und muss ausbalancierend regieren. In dieser Lage sichert er sich stets ab, durch Abstimmungen über das Vorgehen mit seinem Präsidium und der WM-Delegation. Es ist also kein Wunder, dass Landesverbände wie Profis den Präsidenten vorerst nicht ernsthaft angreifen, indem Rücktrittsforderungen aus der Politik aufgegriffen werden. Sie bohren nicht das Boot an, in dem sie alle sitzen.

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          Grindel muss darauf spekuliert haben, halbwegs ungeschoren über die WM zu kommen, um sich dann beim Kampf um die EM-Bewerbung für 2024 gegen die Türkei profilieren zu können. Deshalb ließ er sich verleiten, Mitte Mai den Knall zu vermeiden, auf Ruhe zu setzen und sie immer wieder einzufordern. Alle diese Versuche waren zum Scheitern verteilt, weil sich Grindel mit seinem Präsidium und der WM-Delegation dem Löw/Bierhoff-Gespann auslieferte.

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          Dem Zusammenbruch der Integrations-Kampagne des DFB, dem immensen Schaden für die Integrationsarbeit folgt nun die Attacke der türkischen EM-Bewerber. Sie werden die vielleicht sogar gezielte Personalisierung des Rassismusvorwurfs durch Özils Ghostwriter aufgreifen und Grindel den Uefa-Mitgliedern als Rassisten an der Spitze des DFB präsentieren. Der Vorwurf ist abstrus. Dass es zu alldem kommen konnte, ist nicht allein dem Präsidenten anzulasten. Auch Bierhoff und Löw sind dafür verantwortlich.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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