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DFB-Elf verliert WM-Test : Kroos gibt den Kritiker

Nicht nur Applaus, Applaus, Applaus: Toni Kroos (Mitte) fand nach der Niederlage deutliche Worte Bild: AFP

Beim 0:1 im WM-Härtetest gegen Brasilien sammelt kein deutscher Nationalspieler Pluspunkte. Vor allem einer übt deutliche Kritik. Eine gute Nachricht gibt es aber doch noch – vom Geburtstagskind des Tages.

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          Drei Stunden vor dem WM-Test der deutschen Fußball-Nationalelf gegen Brasilien veröffentlichte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) am Dienstag auf seiner Website ein kleines Interview. Als hätte Marcus Sorg, der Assistent von Bundestrainer Joachim Löw, geahnt, was im Berliner Olympiastadion beim 0:1 passieren würde, sagte er: „Keiner spielt sich mit einem schlechten Spiel raus.“ Vielmehr müsse man bei der Kadernominierung für die Weltmeisterschaft „definitiv aufs Ganze sehen“. Das dürfte nicht wenige deutsche Spieler erleichtern. Denn Werbung in eigener Sache betrieb kaum jemand bei der ersten Niederlage des DFB-Teams seit dem 0:2 im EM-Halbfinale gegen Frankreich im Sommer 2016.

          Fußball-Länderspiele
          Tobias Rabe

          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Dass der verlorene Härtetest gegen die Brasilianer, für die Gabriel Jesus von Manchester City in der 37. Minute per Kopfball traf, einen Rekord verhinderte, dürfte zu verschmerzen sein. Nach 22 Partien ohne Niederlage der aktuellen Elf bleibt die Bestmarke der Mannschaft von Jupp Derwall von 1978 bis 1980 mit 23 ungeschlagenen Spielen bestehen. Löw und seine Spieler waren viel zu verärgert über die eigene Leistung mit Blick auf das nahende Turnier in Russland, als dass sie sich mit dieser Statistik beschäftigt hätten. „Das war heute keine ganz runde Leistung von uns“, sagte der Bundestrainer, der während der Partie noch viel aufgebrachter war als später im TV-Studio.

          Und er hatte allen Grund zum Ärger. Im Gegensatz zum 1:1 gegen Spanien am vergangenen Freitag, ein hervorragendes Testspiel zweier herausragender Teams, zeigten im kalten Berlin nur die Brasilianer eine ordentliche Form. Extra motiviert durch die 1:7-Schmach aus dem WM-Halbfinale von 2014 im eigenen Land gegen Deutschland gingen sie forsch zu Werke. Das DFB-Team dagegen leistete sich erschreckend viele Ballverluste, offenbarte in der Abwehr einige Lücken und war vorne weitgehend harmlos. Die erste gute Chance hatte Julian Draxler mit einem Fernschuss – in der Nachspielzeit.

          Löw hatte im Vergleich zum Spanien-Spiel sieben Wechsel in der Startelf vorgenommen. Marc-André ter Stegen, Mats Hummels, Jonas Hector und Sami Khedira spielten am Dienstag keine Minute. Thomas Müller, Torschütze gegen die Iberer, und Mesut Özil waren schon vor dem Duell mit Brasilien abgereist, ebenso der nicht eingesetzte angeschlagene Emre Can. Die personellen Wechsel – hinzu kamen noch im Spiel fünf Veränderungen, während Brasilien nur einmal tauschte – trugen nicht dazu bei, dass die unrunde Leistung besser wurde.

          In Schieflage: Brasilien (mit Thiago Silva) deckt Schwächen der Deutschen (mit Sandro Wagner) auf Bilderstrecke

          Die Spieler, die nun ihre Chance erhielten, sammelten keine Argumente. Torwart Kevin Trapp agierte vor allem fußballerisch nicht auf dem enormen Niveau eines Manuel Neuer oder ter Stegen. „Es war ein komisches Spiel heute“, sagte der Schlussmann von Paris St. Germain, wo er oft Ersatz ist. „Das Gegentor hat dazu gepasst.“ Den Kopfball von Jesus aus kurzer Distanz berührte er zunächst, der rotierende Ball flog dann aber über den am Boden liegenden Trapp ins Tor. Konkurrent Bernd Leno, der eigentlich in der zweiten Hälfte kommen sollte, blieb draußen. „Wir haben in der Halbzeit gar nicht darüber (einen Wechsel, die Redaktion) geredet“, sagte Trapp nur knapp.

          Die Torwart-Frage bei der Kadernominierung ist eine der spannenden Baustellen von Löw. Immerhin kam von Geburtstagkind Manuel Neuer eine gute Nachricht. Er lief nach seinem Mittelfußbruch vom vergangenen September just am Spieltag erstmals auf dem Trainingsplatz in München wieder über den Rasen und schrieb bei Facebook: „Wunderbar! Das erste Mal raus...“ Zudem verriet er im Klub-TV des FC Bayern eine Form der Behandlung: „Es war keine Eigenblut-Therapie, sondern eigentlich eine Stammzellen-Kur, die man aus dem Knochenmark am Beckenkamm entnimmt und dann dem Knochen zufügt. Das war quasi ein Aufbau, dass der Knochen einen zusätzlichen Push bekommt, weil, wenn man den Knochen dreimal gebrochen hat, wird der etwas träge und müde. Diese Kur hat super angeschlagen.“ Ter Stegen fehlte dem DFB-Team leicht angeschlagen. Sind sie gesund, dürften Neuer und ter Stegen gesetzt sein. Ob Trapp oder Leno der dritte WM-Mann fürs Tor wird, ist offen.

          Auch Leroy Sané erlaubte sich gegen Brasilien viele Fehler und konnte seine Schnelligkeit nie ausspielen. Und Julian Draxler oder Mario Gomez hatten ebenfalls Probleme. Toni Kroos, der durchspielte und unumstritten ist, wurde kurz nach der Partie deutlich: „Wir haben gesehen, dass wir nicht so gut sind, wie uns immer eingeredet wird oder wie vielleicht auch einige denken von uns“, sagte der Mittelfeldstratege von Real Madrid. „Das war deutlich zu wenig von uns. Wir haben kaum einen Ball gehalten. Es war vielleicht ganz gut zu sehen, dass da noch eine Menge Luft ist nach oben.“ Ähnlich kritisch über den aktuellen Leistungsstand rund zweieinhalb Monate vor der WM hatte sich auch Jerome Boateng, der in seiner Heimatstadt Berlin erstmals als Kapitän der Nationalelf auflief, zuletzt geäußert.

          Die Spieler kehren nun für die heiße Saison-Phase in ihre Vereine zurück. Löw und sein Trainerstab werden sich die Leistungen der Kandidaten ganz genau anschauen und am 15. Mai in Dortmund den vorläufigen WM-Kader bekanntgeben. 35 Spieler können beim Weltverband Fifa gemeldet werden. Vom 23. Mai an geht es ins Trainingslager nach Eppan in Südtirol, am 2. Juni steht ein Testspiel in Österreich an. Zwei Tage später muss der endgültige Kader mit 20 Feldspielern und drei Torhütern benannt werden. Es folgt noch der Abschlusstest gegen Saudi-Arabien am 8. Juni. „Es war nicht unser Tag“, sagte Löw zum Abschluss in Berlin. Das sollte am 17. Juni nicht der Fall sein. Dann gilt es bei der Mission Titelverteidigung mit dem WM-Auftakt gegen Mexiko.

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