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Nationalmannschaft : Der Überraschungsfaktor Petersen

Nils Petersen spricht bei einer Pressekonferenz des DFB am Sportzentrum Rungg in Südtirol. Bild: dpa

Nils Petersens Vorteil im Kampf um einen Platz im WM-Kader: Für viele Gegner ist er ein unbeschriebenes Blatt. Der Angreifer steht in Südtirol im Fokus, dennoch ist er voller Lob für zwei Kollegen.

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          Den bisherigen Höhepunkt seiner Karriere musste Nils Petersen erst mal verdauen. Beziehungsweise: das Mittagessen, während dessen er für die Berufung in den nationalen Fußball-Olymp gar nicht empfänglich war. Als Joachim Löw Anfang vergangener Woche anrief, um ihm die Aufnahme in den vorläufigen WM-Kader mitzuteilen, saß Petersen mit den Freiburger Kollegen gemütlich zu Tisch, zur Feier des Verbleibs in der Bundesliga. Nach dem Dessert bekam er dann „schon ein schlechtes Gewissen, weil ich drei Anrufe in Abwesenheit erhalten hatte“, erzählte er am Freitag im WM-Trainingslager in Südtirol. „Dann habe ich aber doch die frohe Botschaft bekommen.“

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          In seiner norddeutschen Gelassenheit wirkt der gebürtige Harzer so, als wäre er beim Bestellen des Mittagsmahls auch nicht aufgeregter gewesen als beim Schildern jener Nachricht, die Fußball-Deutschland überraschte – ihn selbst eingeschlossen, wie er beteuert. Dennoch war er auf Anhieb kühl genug, Geheimhaltung zu wahren – also es „nur der Freundin“ zu erzählen, „damit sie die ganzen Urlaubsplanungen stornieren konnte“. Nicht aber dem Vater und Förderer Andreas Petersen, jahrelang Trainer, jetzt Sportdirektor beim Heimatklub Germania Halberstadt. „Mein Vater wäre so euphorisch gewesen, dass er es gleich rausposaunt hätte“, so Petersen. „Ich hab‘s ihm erst am Abend mitgeteilt, da konnte er nichts mehr falsch machen.“

          Bei seinem ersten Auftritt auf großer internationaler Bühne, wo er in Eppan als erster Spieler zur Pressekonferenz präsentiert wurde, wirkte Petersen junior, der 29 Jahre alte Neuling im Nationalteam, auch nicht wie einer, der viel falsch machen wird in den Casting-Wochen in Eppan. Ob das reicht, ist eine andere Frage. „Er hat sich gut eingegliedert, ein wacher Spieler“, sagt Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft. „Diese rasche Aufnahmefähigkeit macht ihn auch auf dem Platz wertvoll.“ Ob wertvoll genug, um auch bei endgültigen WM-Nominierung am 4. Juni zum erwählten Kreis der 23 Spieler zu gehören oder zu den vier, die nach Hause fahren müssen, bleibt noch offen. „Er weiß, dass er nicht gesetzt ist“, sagt Bierhoff. „Es ist eine Bewährungsprobe für ihn.“

          „Ich muss jeden Tag an die Grenze gehen“

          Bundestrainer Joachim Löw vermutet in seinem Überraschungs-Debütanten das Talent, „mit der Aufgabe zu wachsen“. Petersen zeigte es auf jeder Station seiner bisherigen Karriere, bis hin zu den erstaunlichen 15 Saisontoren für das Team, das die wenigsten Torgelegenheiten der Bundesliga produzierte – nur auf einer nicht, beim FC Bayern, der den 22-jährigen Zweitliga-Torschützenkönig von Energie Cottbus 2011 holte. Als Ersatz für Mario Gomez konnte sich Petersen damals nicht durchsetzen, beteuert aber, den Wechsel nach München „nie bereut“ zu haben. „Als Deutschland 2014 Weltmeister wurde, konnte ich sagen, die kenne ich alle, das waren meine Mitspieler“, sagte er am Freitag, kurz bevor die letzten Nachzügler aus Bayern über den Brenner kamen. „Jetzt freue ich mich drauf, die hier wiederzusehen.“

          Schon an den ersten beiden Trainingstagen, vor Eintreffen von Weltklassespielern wie Thomas Müller, Mats Hummels oder dem am Samstag noch im Champions-League-Finale (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League sowie im ZDF und bei Sky) stehenden Toni Kroos, hat Petersen festgestellt, dass „die Trainingsqualität eine andere“ ist als die, die er bisher kannte. „Ich muss jeden Tag an die Grenze gehen, um nicht abzufallen.“ Doch sieht er das als „Chance, mich zu steigern und auf diesem Niveau mitzuschwimmen.“ Im Vergleich zu den beiden anderen Stürmern Timo Werner mit dessen „Wahnsinnsschnelligkeit“ und Mario Gomez mit dessen „Wahnsinnserfahrung“ sieht Petersen für sich den Vorteil, für mögliche Gegner ein unbeschriebenes Blatt zu sein: „Vielleicht kann ich der Überraschungsfaktor sein, den die anderen nicht so kennen.“

          Auch wenn er in Freiburg immer mehr zu einem Spieler für die Startelf geworden ist, weiß Petersen, dass vor allem seine zwanzig Karriere-Tore als Einwechselspieler, Bundesligarekord, für ihn sprachen: „Der Titel als Joker hat mich vielleicht hierhergebracht.“ Und die damit verbundene Fähigkeit, „geduldig zu bleiben und zu wissen, dass man wichtig werden kann, manchmal reichen ein paar Minuten“. Keiner weiß das besser als Bierhoff, der einst mit 28 Jahren ebenfalls als Debütant und Überraschungs-Joker zu einem großen Turnier mitgenommen wurde – und es mit seinem „Golden Goal“ zum EM-Sieg 1996 entschied. „Am Ende“, sagt Bierhoff, „kannst du dich auch mit wenigen Spielminuten in die Geschichte einschreiben.“ Selbst wenn am Anfang vielleicht ein paar verpasste Anrufe standen.

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