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Diskussion um Erdogan-Fotos : Bierhoffs Fehlsch(l)uss

DFB-Teammanager Oliver Bierhoff polarisiert in der Debatte um die Erdogan-Fotos der Nationalspieler Özil und Gündogan. Bild: EPA

Die Pfiffe gegen Nationalspieler Gündogan beim WM-Test erhitzen die Gemüter. Der DFB hat dabei einen Anteil an seinem eigenen Dilemma. Weil auch er auf Aufklärung gepfiffen hat. Ein Kommentar.

          Das Erstaunlichste am Freitagabend im Leverkusener Stadion war doch nicht das lausige Spiel der Deutschen gegen Saudi-Arabien. Auch die Pfiffe deutscher Fans gegen den deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan haben keinen halbwegs Interessierten überraschen können. Nein, es war Oliver Bierhoff, der sprachlos machte.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Dieser erfolgreiche, eloquente wie intelligente Chefmanager der Nationalmannschaft. Wie er vor der Partie Reportern der ARD und damit stellvertretend deutschen Medien das Ende der Debatte um den Kniefall von Gündogan und Mesut Özil vor dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan aufzwingen wollte; genervt, hilflos, mit einem Fehlsch(l)uss, weit über das Tor hinaus, wie man es vom ehemaligen Torjäger nicht kennt: „Ihr bringt es doch jeden Tag wieder, weil ihr keine Themen habt.“

          Es gibt, da hat Bierhoff Recht, viel wichtigere Themen. Aber zurzeit keines auf dem Fußballfeld, was den Fall überspielen könnte und sollte. Zumindest solange, bis eindeutig geklärt ist, wem die Nation die Daumen drücken, wem sie zujubeln, wen sie mit ihrer Begeisterung über Schwächephasen hinaus zum Erfolg tragen soll: Etwa Spieler, die einen Menschen ganz offiziell mit Bild und Wort verehren, der andere, um nur das Mindeste zu sagen, wegen unterschiedlicher politischer Ansichten verfolgen und ohne Anklage über Monate ins Gefängnis werfen lässt? Auch ihre Landsleute – aus Berlin.

          Eine fatale Strategie

          Dahinter steckt keine Frage nach der Gesinnung, sondern eine nach der Haltung. Bierhoff und mit ihm das Management des DFB glauben wohl, die Sprachlosigkeit werde akzeptiert, sobald die nationale Sache, die möglichst erfolgreiche Verteidigung des WM-Titels, alles verdrängt. Was für eine fatale Strategie. Denn die Affäre steht im Kontext zur Gesellschaftsdebatte über den Erfolg von Integration. Sie löst sich nicht auf, nur weil angepfiffen wird. Sie könnte auch mit jedem Tag des Aussitzens wachsen, weil sich hinter der Frage nach der Haltung lautstarke Typen verstecken, die auf Özil und Gündogan aus ganz anderen Gründen pfeifen: Rassisten und Rechtsradikale. Sie hätten in Leverkusen leichter identifiziert werden können, wenn der DFB sofort die Kraft aufgebracht hätte, die beiden Spieler zu einer klaren Stellungnahme in der Öffentlichkeit zu bewegen oder Konsequenzen zu ziehen. Stattdessen verwies er feierlich auf seine Werte, von denen man – wie bei Özil und Gündogan – nicht genau weiß, für was sie eigentlich stehen.

          Die erkennbare Verzweiflung in Bierhoffs Appell an die Medien bot zumindest etwas Aufklärung: Die Mannschaft braucht offenbar endlich Ruhe, um noch rechtzeitig zu ihrer Form finden zu können. Falls die Medien ihrem Auftrag gerecht werden, wird es aber selbst im Reiche Putins Nachfragen geben, insofern Özil und Gündogan nicht versteckt werden. Der DFB hat seinen Anteil an seinem Dilemma. Weil auch er auf eine Aufklärung für die Öffentlichkeit gepfiffen hat. Das schadet nicht zuletzt seinem Team und damit der Mission.

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