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Dreifacher Torschütze Müller : „Er kann aus nichts ein Tor machen“

Der deutsche Nationalspieler Thomas Müller erzielte drei Tore im Spiel gegen Portugal Bild: AP

Müller startet furios. Er findet: „Bei Weltmeisterschaften läuft es für mich nicht so schlecht.“ Euphorie bleibt jedoch aus. „Sachlich, fröhlich“ sei die Stimmung, sagt Hummels. Der Besuch der Kanzlerin war laut Neuer „ganz nett“.

          Dieser Müller. Sieben WM-Spiele. Acht Tore, drei Vorlagen. Und nie weiß man vorher, was er macht. Und hinterher, wie er es gemacht hat. „Er geht viele Wege, quer und diagonal“, versuchte sich Joachim Löw an einer Erklärung. „Man weiß als Trainer aber selber nicht, welche.“

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Als Journalist auch nicht. Als der dreifache Torschütze in die gekühlte „Mixed Zone“ der backofenwarmen „Arena Fonte Nova“ von Salvador schlenderte, saß ihm wie fast immer der Schalk zwischen den Augen. Eine der ersten Fragen darüber, warum es so gut lief, konterte er gleich mit einer Gegenfrage: „Und, was meinen Sie?“ Später legte er sich dann auf eine ziemlich zwingende Erklärung fest: „Bei Weltmeisterschaften läuft es für mich nicht so schlecht.“ Kollege Mario Götze fand: „Er kann aus nichts ein Tor machen.“ Und aus nichts einen Spruch. 

          4:0 gegen Portugal, drei Müller-Tore. Wer hätte sich so etwas vorstellen können? Die Mannschaft nahm es, als wäre es völlig normal. Die Stimmung im Team danach? „Sachlich, fröhlich“, so Mats Hummels. „Zu Euphorie fehlt noch einiges.“

          Alle Tore von Deutschland - Portugal in der ZDF-Mediathek

          Die sachliche Fröhlichkeit beziehungsweise fröhliche Sachlichkeit war die angemessene Stimmung nach der Demontage des Lieblingsgegners (vier Spiele gegen Portugal bei den letzten fünf WM- und EM-Turnieren seit 2006, immer gewonnen). Erstens kam die Kanzlerin in die Kabine, da kann man sich nicht gehen lassen. Zweitens kommen ja noch zwei Gegner in der Vorrunde, da hat man also „noch nicht viel erreicht“, so Torwart Manuel Neuer. Drittens war jedem im Team klar, dass auch das beste Team einen solch glücklichen Tag nicht erzwingen und damit auch nicht eins zu eins wiederholen kann.

          Sie hatten gut gespielt, aber auch all das Unwägbare, Unplanbare, das der Fußball zu bieten hat, an diesem Mittag auf ihrer Seite gehabt. Einen Elfmeter, den selbst Götze, der angeblich Gefoulte, „strittig“ fand und als „Ermessenssache“ einstufte. Eine Rote Karte, über die sich auch der von Pepe aggressiv angegangene Müller wunderte: Was das alte Rauhbein da ritt, „wird sein Geheimnis bleiben“.

          Müller trifft, Deutschland siegt: Gelungener WM-Auftakt fürs DFB-Team. Bilderstrecke

          Beides zusammen bedeutete, bei 2:0-Führung und folgender fast 55-minütiger Überzahl für Deutschland, in der Mittagshitze von Salvador bereits das Ende jeder Ungewissheit über den Ausgang der Partie. „Da wusste man schon“, sagte Neuer, „dass nicht mehr viel kommt.“ Dass seine Vorderleute in der zweiten Halbzeit, als ein paar Kräfte gespart wurden, den dezimierten und demoralisierten Portugiesen dennoch einige Freistöße und halbe Torchancen erlaubten, fand der Torwart „unnötig“.

          Man hatte Glück im Spiel an einem Tag, an dem man es wohl nicht gebraucht hätte. Auf die optische Täuschung durch das Ergebnis fiel deshalb niemand herein. „Das frühe Tor und die Rote Karte haben uns in die Karten gespielt“, wusste Götze. „Der Verlauf war perfekt für uns“, sagte Müller. Und Verteidiger Per Mertesacker fand: „Rot für Pepe, das hat es uns sehr leicht gemacht“.

          Er meinte damit nicht nur das Team im Allgemeinen, auch sich selber und seine drei Defensivkollegen im Speziellen. Die vier sind derzeit Versuchspersonen in Joachim Löws Echtzeit-Experiment einer Abwehr mit vier Innenverteidigern. „Das ist noch neu für uns“, sagte Mertesacker, der mit Mats Hummels innen spielen durfte, während Jerome Boateng und Benedikt Höwedes, in ihren Klubteams ebenfalls innen zu Hause, außen spielen mussten. „Deshalb sind wir auf diese Spiele angewiesen, um uns einzuspielen.“ Das portugiesische Praktikum brachte sichtbare Fortschritte.

          Und weil Hummels zwar raus musste, nach seiner Verletzung aber Entwarnung gab – „bin blöd umgeknickt, bekam dabei einen Wadenkrampf, wurde aber wegen des Oberschenkels ausgewechselt“, alte Sache, nichts Ernstes also – wurde es ein perfekter Ausflug in die Stadt vor der Rückkehr in das idyllische deutsche Dorf Campo Bahia. Die Leistung war gut, das Ergebnis noch besser. „Kein perfektes Spiel“, so Müller, „aber schon ein sehr gutes“.

          Das Entscheidende: Die Mannschaft war bereit. Wie immer, wenn es zählt. Nachdem es, wie immer, bevor es zählt, genau daran zuletzt einige Zweifel gegeben hatte. Auch als Spieler selber ist man davor nicht völlig gefeit und braucht dann den positiven Erkenntnisgewinn des ersten Spiels. „Man weiß dann, dass man sehr gut gearbeitet hat“, sagte Neuer über die Eindrücke des deutschen WM-Auftakts. „Dass man taktisch sehr gut vorbereitet war auf den Gegner.“

          Das noch nicht lang geübte 4-3-3-System lief erstmals wie geschmiert, mit den drei Offensivleuten Müller, Özil und Götze, die ständig ihre Positionen tauschten und, so Götze, „darin, wie wir die Räume besetzen, schwer auszurechnen sind“. Und mit einem imposanten Sami Khedira dahinter, der nach halbjähriger Verletzungspause wieder auf der Höhe scheint. Der Zentralmann im deutschen Mittelfeld hatte einen solch expansiven Radius, dass er mehrere Male bei seinen Vorstößen zum Strafraum der vorderste deutsche Spieler war, vor den drei Angreifern. 

          Neuer fand Besuch der Kanzlerin „ganz nett“

          Nicht nur die taktische Seite stimmte, auch die physische: „Heute“, so Boateng, „war jeder auf den Punkt topfit“ – eine alte deutsche Spezialität: auf den Punkt, eine Mannschaft wie ein gutes Steak. Und nicht zuletzt überzeugte auch die mentale und soziale Seite. Einer der banalen, aber meist sehr aussagekräftigen Indikatoren dafür war der gemeinsam ausgelassene Jubel von Spielern und Ersatzspielern.

          Der gemeinsame Jubel auf dem Gruppenbild mit mächtiger Dame, das über Twitter verbreitet wurde, fiel dann etwas dezenter aus. „Ganz nett“ fand Neuer, dass die Kanzlerin in die Kabine kam, zum ersten Mal seit dem letzten 4:0, gegen Argentinien vor vier Jahren in Kapstadt. Wann sie wiederkommt? „Sie hat in ihrem Terminkalender nachgeschaut“, erzählte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, „und dann gesagt, sie kann nur zum Finale wiederkommen.“ Da hat man ja ein gemeinsames Ziel.

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