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Fußball-Nationalmannschaft : Der Angriff ist weit entfernt vom WM-Modus

  • -Aktualisiert am

Die „falsche Neun“ Götze geht: Schürrle, der zumindest die „Neun“ auf dem Triko trägt, kommt Bild: dpa

Im vorletzten Test gegen Kamerun bleibt Stürmer Klose auf der Bank. Doch für das Modell „falscher Neuner“ kann sich allenfalls Müller empfehlen. Mit Blick auf die WM steht Bundestrainer Löw vor etlichen offenen Fragen.

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          So einiges war während der letzten Wochen durcheinandergewirbelt worden rund um die deutsche Nationalmannschaft. Zu den wenigen Gewissheiten, die übrig waren, gehörte das Klose-Gesetz – dachte man jedenfalls. Ist der Angreifer fit, spielt er auch, so bislang die unwidersprochene Annahme.

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Als sich der Name des Routiniers dann am Sonntag eine Stunde vor Beginn des Testspiels gegen Kamerun auf der Liste der Ersatzspieler fand, zwischen Podolski und Mustafi, war das doch eine Überraschung. Eigentlich war mit Klose fest gerechnet worden für diesen vorletzten Test vor der Weltmeisterschaft in Brasilien. Aber Joachim Löw entschied sich, seinen Mann mit der Nummer 11 noch zu schonen, Miroslav Klose bewegte sich von der Bank noch nicht einmal zum Warmlaufen.

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          Der Bundestrainer sagte später, er habe in den Tagen vor dem Spiel gemerkt, dass Klose nach dem intensiven Training in Südtirol „körperlich ein bisschen in ein Loch gefallen“ sei. Das Risiko, ihn gegen Kamerun zu bringen, sei ihm „zu groß“ gewesen. Zwei Wochen vor dem ersten WM-Gruppenspiel gegen Portugal klingt das nicht unbedingt nach einem körperlichen Zustand, wie man ihn sich wünschen würde – zumal immer die Rede war von Spielpraxis, die Klose nach seiner verletzungsreichen Saison bei Lazio Rom benötige.

          Nach dem 2:2 am Sonntagabend sagte Löw, Klose brauche „schon noch ein paar Trainingseinheiten, um richtig fit zu sein“. Damit ist er einer mehr auf der Liste derer, bei denen noch ziemlich unklar ist, was sie bei der von Löw so titulierten „WM der Strapazen“ zu leisten imstande sind. Auch hinter der Idealvariante im Angriff steht ein Fragezeichen.

          Löw probt das Modell „falscher Neuner“

          „Grundsätzlich gehe ich schon davon aus, dass ich spiele“, hatte Klose während des Trainingslagers geantwortet, als er gefragt wurde, ob er sich als gesetzt sehe bei der WM. Im vorletzten Test erprobte der Bundestrainer nun noch einmal eine andere Variante – und das vielleicht so radikal wie bislang noch nie. Das Modell „falscher Neuner“, bislang immer mal mit mäßigem Erfolg eingestreut, sollte gegen Kamerun in höchst variabler Besetzung den Weg zum Tor öffnen.

          Meist war es Mario Götze, der sich in die vorderste Linie bewegte, mal war es Mesut Özil, und manchmal war es auch Thomas Müller, der von Rechtsaußen Richtung Zentrum durchstartete. Und eine Viertelstunde lang sah es so aus, als ob das für die Afrikaner viel zu schnell und viel zu verwirrend sein würde – etwa, als Özil schon nach 40 Sekunden frei vor Torwart Itandje auftauchte und verzog, oder als Götze nach Zuspiel von Müller aufs Tor zustürmte und den Pfosten traf (11. Minute).

          In dieser Phase war eine klare Spielidee zu erkennen, und auch die Umsetzung saß. Immer wieder probierten es die Deutschen mit Vertikalpässen in die Schnittstellen zwischen den Verteidigern oder in deren Rücken und stürzten die Kameruner Defensive damit ziemlich in Verlegenheit.

          Je länger das Spiel jedoch dauerte, desto mehr ging vom frühen Schwung verloren. Und desto deutlicher traten auch die altbekannten Nachteile des Spiels ohne echten Angreifer hervor. Immer mal wieder fehlte einfach eine Anspielstation in der gefährlichen Zone, mancher Angriff über Außen musste mangels Abnehmer abgebrochen werden, viel zu ging auch der Ball verloren, weil es vor allem Götze an Behauptungskraft fehlte. Und hohe Bälle – nun ja. Es hätte des gelegentlichen Versuchs nicht mehr bedurft, um dieses Stilmittel unter solchen Bedingungen als untauglich zu entlarven. Man könnte auch sagen: Gerät die Kombinationsmaschine ins Stocken, geht nach vorne nicht mehr viel.

          Özil muss sich Pfiffe anhören

          Erst viel Wirbel, dann viel Leerlauf und ziemlich lange ziemlich wenig Ertrag – in der Verfassung vom Sonntag wirkte der deutsche Angriff noch nicht im WM-Modus, auch wenn Müller und der eingewechselte André Schürrle aus einem 0:1-Rückstand die zwischenzeitliche 2:1-Führung machten. Vor allem Götze und Özil, der sich bei seiner Auswechslung ein weiteres Mal Pfiffe anhören musste, blieben weit unter ihren Möglichkeiten. Ihnen scheint in diesem System der Halt zu fehlen, die Sicherheit, die auch Könner wie sie benötigen, um ihr Spiel zu entfalten. Die beste Figur als Sturm-Ersatz gab noch Müller ab, nicht nur wegen seines Tores. Auch Marco Reus auf der linken Seite machte es gut.

          Mit Blick auf Brasilien steht der Bundestrainer noch vor etlichen offenen Fragen – oder anders gesagt: eigentlich scheint noch ziemlich wenig klar. Steht Manuel Neuer wirklich im Tor? Wird Philipp Lahm spielen und wenn ja auf welcher Position? Wer besetzt die linke Abwehrseite (gegen Kamerun war der Debütant Erik Durm eine erfreuliche Erscheinung)?

          Kommt Sami Khedira, dem es bei allem Einsatz noch sichtlich an Spritzigkeit fehlte, in Brasilien in die nötige Verfassung? Und auch im Sturm könnte Löw vor einer Richtungsentscheidung stehen. Baut er, wie bislang fest angenommen, doch auf Klose. Oder versucht er es wie gegen Kamerun von Beginn an mit dem Rudel von jungen Technikern und hält den alternden Leitwolf Klose für den späteren Einsatz bereit. Die Variante mit Götze, sagte Löw am Sonntag, sei jedenfalls „weiter eine Option“.

          Unter den Eindrücken des Kamerun-Spiels ist das nicht gerade das, was man ein Luxusproblem nennen würde – zumal ein weiterer potentieller Kandidat gar keine Rolle mehr zu spielen scheint: Kevin Volland kam überhaupt nicht zum Einsatz. Am Ende war es der Rückgriff auf ältere Tugenden, der zumindest zu einem Teilerfolg führte: Mit der Einwechslung von Podolski und Schürrle bekam das deutsche Spiel eine Geradlinigkeit und Zielstrebigkeit, die ihm vorher gefehlt hatte. Podolski bereitete dann auch Schürrles Treffer vor.

          Die letzte Frage, die am Sonntagabend an Löw ging, zielte auf seine Gesamteinschätzung für Brasilien. Der Bundestrainer gab sich optimistisch. „Ich bin absolut überzeugt, dass wir in zwei Wochen in einer viel besseren Verfassung sind“, sagte er. Eine Menge Luft ist jedenfalls noch nach oben.

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