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Momente der Leidenschaft : Gemeinschaftsgefühl an der Eckfahne

Sekunde der sichtbaren Leidenschaft: Gemeinschaftsgefühl an der Eckfahne Bild: EPA

Das späte Siegtor gegen Schweden erscheint wie eine Befreiung. Als die Mannschaft fast am Boden liegt und sich gegen das Ausscheiden wehrt, wächst sie den Deutschen wieder ans Herz.

          Als diese Weltmeisterschaft für die deutsche Mannschaft – und für alle, die ihr in der Heimat die Daumen drückten und gebannt vor dem Fernseher saßen – schon so gut wie beendet schien, da sorgte dieser eine Moment nicht nur für kollektive Erleichterung und Ekstase, sowohl im Fish-Stadion von Sotschi als auch in Deutschland. In diesem Augenblick, als Toni Kroos in der 95. Minute einen Freistoß von der linken Strafraumseite rechts oben zum 2:1-Sieg ins schwedische Tor zirkelte, hat die Mission Titelverteidigung, die zuvor überladen von allerlei Marketinggefasel à la „Best never rest“ wirkte, mit reichlich Verspätung erst begonnen.

          Fussball-WM 2018
          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Es war die Sekunde, in der die Leidenschaft sichtbar wurde, ohne die nichts möglich sein wird in Russland, und für ein Gemeinschaftserlebnis sorgte, das alle mit Verspätung zusammenführte. Alle deutschen Spieler stürmten an die linke Eckfahne, in deren Richtung Kroos jubelnd gerannt war – und in der Heimat war plötzlich wieder jenes WM-Fieber da, das bislang doch so gefehlt hatte. Das Ende der Lethargie, die sich bleischwer über diese WM aus deutscher Sicht gelegt, kann das Team, das beinahe schon nahezu ausgeschieden war, nun noch weit bringen.  

          Wenn sich der Titelverteidiger etwas hätte wünschen dürfen, was einen solchen Weckruf in einer verfahren wirkenden Situation hätte auslösen können, dann wäre es eine solche Partie gewesen. Mutig hatte der Bundestrainer im Gegensatz zu seinen eigenen Worten im Vergleich zur Auftaktniederlage gegen Mexiko viel verändert. Vor allem der Verzicht auf Mesut Özil, der in allen WM-Spielen seit 2010 stets von Beginn auf dem Platz gestanden hatte, kam überraschend; dazu fehlten mit dem verletzten Mats Hummels und Sami Khedira zwei weitere Weltmeister von 2014. Als es darauf ankam, die Mannschaft im Turnier zu halten, setzte Joachim Löw vorrangig auf Spieler, die im vergangenen Jahr mitgeholfen hatten, den Confed Cup zu gewinnen. Spät hatte er hat den Konkurrenzkampf im Team doch noch eröffnet – und wurde durch Kroos erst im letzten Moment dafür doch noch belohnt.

          Das kann jede Menge freisetzen. Im Moment fliegen die Schmetterlinge durch den Bauch“, sagte Thomas Müller kurz nach dem Abpfiff, und besser könnte man die Gefühle vermutlich auch nicht beschreiben, wenn man länger darüber hätte nachdenken dürfen. Denn selten wurde so deutlich, wie extrem schmal der Grat zwischen Blamage und Jubel sein kann. Die Achterbahnfahrt der Emotionen, die eine Weltmeisterschaft sein kann, vielleicht sein muss, hat wieder an Geschwindigkeit aufgenommen, nachdem sie zuvor nicht richtig in die Gänge gekommen war. „So wie der Sieg zustande kam, in der Nachspielzeit und mit zehn Spielern auf dem Platz, war er glücklich“, sagte Löw, „aber auch letztendlich auch verdient, weil wir an uns geglaubt haben“.

          Der Jubel darüber verriet auch einiges über die Anspannung im DFB-Lager. Einige Mitglieder aus dem Funktionärsteam ließen sich zu Gesten in Richtung der schwedischen Bank hinreißen, die zu Auseinandersetzungen an der Seitenlinie führten. „Das war ein Mangel an Respekt. Man jubelt, aber man lässt den Gegner auch in Ruhe trauern“, sagte der schwedische Trainer Janne Andersson. Der DFB entschuldigte sich noch am Abend offiziell.

          Mit dem ballsicheren Sebastian Rudy hatte Löw die Abspielfehler minimieren wollen, die seine Mannschaft zuletzt zu oft in die Bredouille gebracht hatten. Der Plan schien zunächst aufzugehen, auch wenn Boateng nach zwölf Minuten nach einem Fehler von Antonio Rüdiger mit einem Einsatz am äußersten Rande der Legalität Berg an einem konzentrierten Torschuss gehindert hatte – und sich niemand über ein Veto des Video-Assistenten hätte beschweren dürfen. Rudy, der in allen wichtigen Spielen der Münchner über eine Reservistenrolle nicht hinaus gekommen war, drückte aber in der dominanten Anfangsphase der deutschen Mannschaft tatsächlich Souveränität aus. Ausgerechnet Toni Kroos aber, der am Ende zum umjubelten Mittelpunkt werden sollte, leistete sich diesmal ungewohnte Abspielfehler – vor der Szene, in deren Folge Rudy das Nasenbein brach, und vor dem 0:1 durch Toivonen in der 32. Minute.

          Es war der Beginn des Nervenspiels, das in der 95. Minute mit dem Volltreffer von Kroos auf seinem ultimativen Höhepunkt endete. Zuvor hatte Neuer seine Mannschaft kurz vor dem Halbzeitpfiff vor dem 0:2 bewahrt, Reus direkt nach der Pause zum 1:1 ausgeglichen, die deutsche Mannschaft unmittelbar danach einige Chancen vergeben, Boateng die Gelb-Rote Karte (82.) gesehen, war der zur Pause eingewechselte Gomez bei einem Kopfball  (88.) ebenso so nahe am Siegtreffer in fast letzter Minute gewesen wie der in der Schlussphase eingewechselte Brandt (90.), der wie gegen Mexiko aber nur den Pfosten traf. Und dann kam Kroos und der kollektive Jubel. Mit einem Sieg am Mittwoch mit zwei Toren Unterschied gegen Südkorea wäre das Achtelfinale in jedem Fall erreicht.   

          „Man hatte das Gefühl, viele Leute in Deutschland hätte es gefreut, wenn wir heute rausgegangen wären, aber so einfach machen wir es denen nicht“, sagte Kroos – und bewies damit zumindest kurz nach Spielende, dass noch nicht alle im DFB-Tross verstanden haben, was die Nationalmannschaft zuletzt von der Basis entfernt hatte. Ein wenig zu viel Show, ein wenig zu viel Weltmeister-Gehabe, ein wenig zu viel Marketing-Blasen – und dafür viel zu wenig von jener Demut, die immer als notwendiges Fundament für eine Titelverteidigung heraufbeschworen worden war. In dem Moment, als das DFB-Team aber schon so gut wie am Boden lag und sich mit aller Kraft gegen das Ausscheiden wehrte, wuchs sie den Deutschen wieder ans Herz. Könnte nicht schaden, über Ursache und Wirkung mal in aller Ruhe im Basiscamp in Watutinki nachzudenken.

          Plötzlich steht das Stadion Kopf: Toni Kroos (links) zirkelt einen Freistoß in die Maschen. Deutschland gewinnt 2:1. Bilderstrecke
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