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Deutscher Fehlstart in die WM : Die Zeichen stehen wieder auf Absturz

Geschlagen: die deutsche Nationalmannschaft um Serge Gnabry in ihrem Auftaktspiel bei der Fußball-WM Bild: Reuters

In ihrem ersten Spiel bei der Weltmeisterschaft in Qatar hat die DFB-Auswahl gegen Japan lange alles im Griff, verpasst aber die vorzeitige Entscheidung. Nun droht bereits gegen Spanien das WM-Aus.

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          Noch einmal spielte der linke Arm von Manuel Neuer die Hauptrolle. Es lief die 76. Spielminute im Khalifa International Stadium, noch führten die Deutschen 1:0 gegen Japan. Neuer tauchte tief hinab, um einen Ball von Takumi Minamino abzuwehren, so wie er es schon ein paar Minuten vorher, noch spektakulärer, gegen Junya Ito getan hatte. Es war der Arm, an dem Neuer auch die Kapitänsbinde trug, um die es vorher so viele Diskussionen gegeben hatte.

          Fußball-WM 2022
          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Doch diesmal vermochte Neuer das Unheil nicht mehr abzuwenden, er konnte nicht anders, als den Ball in die Mitte abprallen zu lassen, und diesmal war Ritsu Doan zur Stelle, die Führung im Auftaktspiel dieser Weltmeisterschaft war dahin, und als Takuma Asano in der 83. Minute auch noch das zweite japanische Tor gelang, standen die Deutschen am Abgrund.

          Verzweifelt eilte Neuer in den letzten Minuten der Nachspielzeit in den japanischen Strafraum, beinahe wäre er sogar aussichtsreich an den Ball gekommen, doch es half alles nichts. Es blieb beim 1:2, und wie vor vier Jahren nach dem 0:1 gegen Mexiko stehen die Deutschen wieder mit dem Rücken zur Wand.

          Gegen Spanien um Alles oder Nichts

          Dass es ausgerechnet gegen Spanien am Sonntag (20.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF und bei MagentaTV) in al-Khor um Alles oder Nichts geht bei dieser WM, ist eine Aussicht, die beunruhigender kaum sein könnte. Zumal das Team am Mittwoch nicht den Nachweis lieferte, ein Kandidat für höhere Ziele bei diesem Turnier zu sein. Als der Schiedsrichter abpfiff, zog Neuer kurz das knallgelbe Trikot über den Kopf, bevor er sich frustriert seiner Handschuhe entledigte.

          Die Zeichen stehen nach den ersten Eindrücken eher auf Absturz als auf spektakuläre Wende. Zwar hatten es die deutschen Spieler nach zusammenhanglosem Beginn geschafft, sich mit Beharrlichkeit in dieses Spiel hineinzuarbeiten und waren in ihrer dominanten Phase mit der Führung durch einen Foulelfmeter von Ilkay Gündogan belohnt (33.) worden. Doch auch mit dem 1:0 im Rücken vermittelte Hansi Flicks Team eher einen verrätselten als einen zu allem entschlossenen Eindruck.

          Fussball-WM 2022

          Nach der Pause, gegen immer mutigere Japaner, gab es noch die eine oder andere Gelegenheit zu einem zweiten Treffer, der dann mit einiger Gewissheit zu einem Erfolg geführt hätte. „Das ist eine Riesen-Enttäuschung für uns“, sagte Neuer, es sei „schwer zu verstehen, wie wir das aus der Hand gegeben haben.“ Thomas Müller sagte: „Es ist aberwitzig, dass wir hier mit einer Niederlage dastehen.“ Aber es war einfach insgesamt zu wenig zündend und zwingend, was sie aus ihrem Dominanzfußball machten, und am Ende vor allem defensiv viel zu anfällig.  „Das ist brutal enttäuschend“, meinte dann auch der Bundestrainer. „Wir haben viele Torchancen nicht gemacht. Man muss einfach sagen: Da hat Japan uns, was die Effizienz angeht, klar geschlagen.“

          Vor dem Anpfiff noch hatten sie beim Teamfoto kollektiv die Hände auf den Mund gelegt – die Botschaft war klar: Sie fühlten sich bei ihrer Menschenrechtsinitiative vom Internationalen Fußballverband (FIFA) zum Schweigen gebracht. Auf der Tribüne trug Nancy Faeser das Objekt, um das sieben europäische Nationen zuletzt mit der FIFA gerungen hatten. Die „One Love“-Binde am Arm der Innenministerin sprach für sich.

          Was die deutsche Mannschaft dann aber erst einmal fußballerisch zeigte, dürfte für Flick erklärungsbedürftig gewesen sein. Ein einfallsloser, tempoarmer Beginn, kombiniert mit Schlamperei in gefährlichen Zonen: Gündogan machte den Anfang mit einem Ballverlust, prompt lag nach neun Minuten der Ball im deutschen Netz, allerdings hatte Maeda im Abseits gestanden. Danach leisteten sich Jamal Musiala und Nico Schlotterbeck ähnliche Fehler. Nach vorne war Musiala der Einzige, der mit seiner Technik und seinem Tempo für Belebung sorgte, von seinen Offensivkollegen Kai Havertz, Thomas Müller und Serge Gnabry war wenig zu sehen. Erst nach etwa 20 Minuten kamen Schwung und Spielfluss auf.

          Flick hatte seine erste WM-Elf mit einer größeren und einer kleineren Überraschung ins Rennen geschickt. Die größere: Niklas Süle spielte auf der rechten Abwehrseite, im Zentrum verteidigte Schlotterbeck. Die kleinere: Der Bundestrainer setzte im Mittelfeldzentrum auf Gündogans sanfte Ballfertigkeit anstelle von Goretzkas muskulöser Dynamik.

          Der entscheidenden Einfall vor dem Führungstor kam dann auch aus der Zentrale, aber von Joshua Kimmich, der mit einem Diagonalball David Raum in Szene setzte. Sein Weg beim Eins-gegen-Eins mit Torwart Gonda schien nicht die erste Wahl, aber der stellte sich ungeschickt genug an, Raum zu Boden zu befördern. Den Strafstoß verwandelte Gündogan sicher ins linke Eck. Man kann nicht unbedingt sagen, dass sich das abgezeichnet hätte, aber vor und nach dem Treffer gelang es den Deutschen nun besser, Löcher in die japanischen Ketten zu laufen. Musiala initiierte einen weiteren flotten Angriff, an dessen Ende der Ball von Havertz ins Netz befördert wurde, allerdings auch hier aus dem Abseits.

          In der Pause mussten sich die Japaner bewusst gemacht haben, welche Chance sie hier noch besaßen. Hatten sie es vorher nach forschem Beginn überraschend mutlos angehen lassen, bedrängten sie nun die Deutschen mehr und mehr beim Aufbau. Das wiederum schuf Räume, etwa für Musiala, doch nach seinem Zaubersolo durch den Strafraum zielte er zu hoch. Wenig später traf Gündogan den Außenpfosten. Nach 67 Minuten kamen Jonas Hofmann und Leon Goretzka für Müller und Gündogan und das deutsche Team noch einmal zu einer Großchance, doch Herr über das Spiel war Flicks Team schon lange nicht mehr.

          Es kam, was schon zu Beginn hätte kommen können, mit den Treffern durch Doan und Asano, die beiden Bundesligaprofis aus Freiburg und Bochum. Dass Flick dazwischen Niclas Füllkrug und Mario Götze für Havertz und Musiala gebracht hatte, half ebenso wenig wie nach dem 1:2 der Einsatz von Youssoufa Moukoko, der für Gnabry kam. Statt sich aus den (sport-) politischen Verstrickungen zu befreien, verhedderten sich die Deutschen auf dem Platz.

          Am Ende sind die Japaner obenauf: David Raum und Deutschland verlieren ihr Auftaktspiel. Bilderstrecke
          WM-Auftakt der Deutschen : Die Bilder zur Niederlage gegen Japan

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