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DFB-Team gegen Schweden : Ein Endspiel für die Weltmeister

Eine unvergessliche Nacht: Deutschland ist Weltmeister 2014. Bild: obs

Diejenigen Deutschen, die gegen das Aus in der Vorrunde ankämpfen müssen und im Team das Sagen haben, sind allesamt hochdekoriert. Ihr Ruhm hängt nicht mehr davon ab, wie sie die WM verlassen. Nun stellt sich eine entscheidende Frage.

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          Am Morgen nach der unvergesslichen Nacht von Rio, als er den goldenen Pokal in den schwarzen Himmel gehoben hatte, traf Philipp Lahm beim Frühstück Joachim Löw, zufällig. Okay, dachte er sich, das ist genau der richtige Moment. Ein untrügliches Gespür hatte ihn in seiner Karriere ja immer ausgezeichnet. Lahm setzte sich zum Bundestrainer und sagte ihm ohne Umschweife, dass seine Zeit in der Nationalelf in der letzten Nacht zu Ende gegangen sei. Und dann erzählte er ihm von dem Prozess, den er in den letzten Wochen durchlaufen hatte. Als Lahm mit seiner Geschichte fertig war, hatte Löw begriffen, dass die Entscheidung seines Kapitäns unumstößlich war. Er versuchte gar nicht erst, ihn umzustimmen. Lahms Geschichte war einfach zu überzeugend.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Unmittelbar mit dem Beginn der WM in Brasilien hatte der Prozess begonnen, der Lahm bald erkennen ließ, dass seine Zeit in der Nationalelf zu Ende ging. Er konnte zunächst gar nicht genau erklären, warum das so war. „Man spürt das einfach“, sagt er. Während des Turniers wurde ihm von Spiel zu Spiel klarer, wie sich alles veränderte, wie plötzlich die neuen, jüngeren Spieler dazukamen und wie dabei auch „meine Generation wegbröckelt“. Philipp Lahm verstand plötzlich, dass er den Weg frei machen musste für andere, „damit wieder etwas Neues entsteht“, wie er dem „Tagesspiegel“ in diesen Tagen erzählte. „Es hat einen neuen Impuls gebraucht und eine neue Entwicklung geben müssen. Dafür war ich nicht mehr der Richtige.“

          Zwei Tage vor dem Spiel gegen Schweden stehen Sami Khedira und Mats Hummel auf dem Trainingsplatz von Sotschi und wollen Optimismus verbreiten. Die beiden Weltmeister haben sich zusammen mit den beiden Stürmern Mario Gomez und Timo Werner bereiterklärt, gegenüber den Medien das 0:1 gegen Mexiko zu erklären. Und die deutschen Fans davon zu überzeugen, dass die Mannschaft daraus die richtigen Schlüsse ziehen wird. Und dass an diesem Samstag wieder die alten Weltmeister auf dem Platz stehen werden, die man aus Brasilien kennt. Mit anderen Worten: Das Alte soll bleiben, es soll bloß nicht mehr alt wirken. Und so bleibt nach den Gesprächen mit den beiden Weltmeistern der Eindruck hängen, dass sie die Zeit anhalten wollen.

          Aber die Realität ist stärker. Kurz darauf verletzt sich Hummels im Training, ein Halswirbel hat sich quergestellt. Er wird vermutlich ausfallen gegen Schweden. Und der Weltmeister muss erkennen, dass die Zeit einfach weiterläuft. Die Dinge, um die es geht, sind klar vor der Partie gegen Schweden. Eine Niederlage, vermutlich sogar ein Unentschieden, bedeuten das Aus für den Titelverteidiger. Das Spiel ist ein Endspiel für den Weltmeister. Ein Endspiel für die Weltmeister.

          Hummels, Khedira, Müller und Neuer sind vier der sieben Weltmeister, die neben Boateng, Kroos und Özil gegen Mexiko von Beginn an auf dem Platz standen und in den letzten Tagen für den Weltmeister sprachen, aber nicht zuletzt auch für ihre Weltmeister-Generation eintraten. Sie erinnerten daran, dass die Mannschaft unter Druck ihre besten Spiele gezeigt habe, dass sie auch vor vier Jahren gegen Algerien in den Abgrund geblickt habe – und am Ende als Weltmeister nach Hause kam.

          Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

          Nun soll mit einem Sieg alles wieder so werden, wie es einmal war. „Ich bin hundert Prozent optimistisch, dass wir die Mentalität von elf Kriegern wieder reinbekommen. Dann haben wir auch wieder die Qualität“, so Khedira. Und Hummels sagt: „Ich bin der festen Überzeugung, dass wir das Ding drehen.“ Ein paar Dinge haben sich allerdings geändert seit der Wende, die der Weltmeister vor vier Jahren hinlegte. Das fängt mit dem Status der Spieler an.

          Er nimmt sich heute eindrucksvoll aus. Aber der Weltmeistertitel der einzelnen Spieler wirkt sich nicht unbedingt vorteilhaft aus. Die Führungsspieler von 2014, wie Schweinsteiger, Mertesacker, Klose und eben Lahm hatten im Gegensatz zu ihren Nachfolgern 2018 bis dahin immer wieder Enttäuschungen im Nationaltrikot zu verkraften gehabt, vor allem das 1:2 im EM-Halbfinale gegen Italien zwei Jahre zuvor. „Die Mannschaft hatte Erfahrung mit Enttäuschungen, sie hat diese Enttäuschungen gemeinsam bewältigt. Das hat uns im Finale gestärkt“, sagt Lahm heute. Und es war die letzte Chance für die Generation 2006, ihren Weg mit einem Titel zu krönen, dem sie mit all ihrem Talent stets vergeblich hinterhergelaufen war. „Ich habe erst am Ende die großen internationalen Titel gewonnen“, sagt Lahm dazu, „und ich bin froh, dass ich davor so kämpfen und hart arbeiten musste.“

          Diejenigen, die nun gegen das Ausscheiden in der Vorrunde ankämpfen müssen und im Team das Sagen haben, sind allesamt hochdekoriert. Weltmeister. Champions-League-Sieger. Vielfache Meister in Deutschland, Italien, Spanien. Ihr Ruhm und Reichtum hängt nicht mehr davon ab, wie sie die WM verlassen. Ihren Platz in den Geschichtsbüchern haben sie sicher. Der WM-Titel ist nicht mehr der absolute Sehnsuchtsort, der er vor vier Jahren noch war. Mats Hummels hat dies vor dem Halbfinale des FC Bayern gegen Madrid in einem Interview mit „Focus“ auf den Punkt gebracht. Es sei ihm wichtiger, die Champions League zu gewinnen als die WM, sagte er. Weltmeister sei er schließlich schon.

          Dass die Weltmeister nun die Wende gegen Schweden und bei dieser WM noch einmal erzwingen wollen, steht außer Frage. Natürlich wollen sie. „Ich habe bei den älteren Spielern gemerkt, dass jeder bereit ist wie um sein Leben zu kämpfen“, sagte Timo Werner am Donnerstag über die Weltmeister von 2014. Die Frage ist: Können sie es? In dieser Frage bündeln sich einige Ungewissheiten: Wer soll diesmal vorangehen? Wer kann die Mannschaft führen? Wer kann sie aufrichten? Wer kann sie retten?

          So, wie es Neuer mit einem phantastischen Auftritt gegen Algerien tat, als er das Torwartspiel neu erfand. So wie Mertesacker das Team mit seiner Eistonnen-Rede nach dem erkämpften und erzitterten Sieg über Algerien zusammenschweißte. So wie es Schweinsteiger im Finale tat, als er blutend am Boden lag, aber sich weigerte, den Kampf für sein Team und für sich selbst zu beenden. Früher hätte man in solch einer Situation gefragt: Wer ist der Leitwolf? Seit der Ära Löw fragt man anders: Wer sind die Führungsspieler in einem Team mit flacher Hierarchie, vielleicht auch nur mit vermeintlich flacher Hierarchie? Die Antwort fällt nicht leicht. Es ist fast, als täte sich ein Vakuum auf. Torwart Neuer ist noch immer sportliche Extraklasse.

          Aber er ist auch ein Kapitän, der rund anderthalb Jahre nicht für sein Team da sein konnte, und in dieser langen Zeit vor allem in seinen Körper hineingehorcht hat. Auch während der WM dürfte er stärker mit sich selbst beschäftigt sein, als das vor vier Jahren nötig war. Ob der große Rückhalt als Kapitän aber auch in der Lage wäre, mal auf den Tisch zu hauen und schmerzhafte personelle Veränderungen einzufordern, die dann vielleicht auch Kollegen träfen, mit denen er zusammen Weltmeister wurde, scheint nicht unbedingt wahrscheinlich.

          „Boss Boateng“

          Sein Auftritt in dieser Woche auf der Pressekonferenz in Watutinki legt den Schluss nahe, dass Neuer davon überzeugt ist, es genüge, die Bereitschaft bei allen Spielern zu wecken. Dann werde alles wieder so, wie es sich alle wünschten. Boateng wäre nach der EM 2016 gerne Kapitän geworden. Er ist derjenige Weltmeister, der seit dem Titelgewinn nicht lockerlässt und immer wieder kritisiert, wenn er merkt, dass die Mannschaft weniger leistet, als sie leisten könnte. Nachhaltige Wirkung hat er damit aber nicht erzielt. Auch gegen Mexiko, wo er stärkster Weltmeister auf dem Feld war, sprach er die Defizite an. „Boss Boateng“, wie ihn der Boulevard mitunter bezeichnet, ist derjenige Weltmeister, der das Team auf dem Platz noch am stärksten zusammenhält.

          Hummels dagegen, obwohl er sich zu artikulieren versteht, trifft nicht immer den richtigen Ton, wenn er seine Stimme erhebt. Die Mitspieler registrieren genau, wenn ein Kollege über Fehler im Team klagt, seine eigenen dabei aber nicht klar anspricht, so wie Hummels nach dem Spiel gegen Mexiko. In der Medienrunde machte der Innenverteidiger sein Selbstverständnis in diesen schwierigen Tagen deutlich. Er fühle sich für „inhaltliche Fragen“ zuständig, nicht für Kampfansagen. Und jetzt fällt er auch noch aus.

          Khedira spielte intern und auf dem Platz eine wichtige Rolle bei der WM 2014. Beim Auftaktspiel gegen Mexiko hatte er nun einen besonders schwarzen Tag. Dass er gegen Schweden in der Startformation stehen wird, gilt als unwahrscheinlich. Zudem fehlte er bei der EM 2016 in wichtigen Spielen und im Finale 2014. Sportlich ist er längst nicht so unangreifbar wie Neuer, Boateng oder Hummels. Und auch nicht wie Kroos, Müller oder Özil.

          Kroos, so die Hoffnung, soll sich bei dieser WM zum Dreh- und Angelpunkt des Spiels aufschwingen, zum Anführer des Teams. Sein Fehlstart war offensichtlich. Auf dem Platz, aber auch in der Art und Weise, wie er sich zuletzt über junge Spieler äußerte, wurde ein Mangel an antreibender und integrierender Kraft deutlich, die für diese Rolle aber unabdingbar ist. Özil wiederum, der einer Mannschaft nur auf dem Platz den Weg weisen kann, ist für sein Team bei der WM jenseits des Platzes zu einer Belastung geworden.

          Es fehlt das gewisse Etwas

          Mit den Folgen der Erdogan-Affäre, die die Vorbereitung vom ersten Tag an bis nach Russland begleitete, hat er sein Team allein gelassen, indem er bis heute eisern schweigt und sich weigert, für das einzustehen oder zu erklären, was er tat. Müller wiederum besitzt die Gabe, auch in schwierigen Momenten auf und neben dem Platz für Leichtigkeit zu sorgen. Aber gegen Mexiko war er neben Khedira die vielleicht größte sportliche Enttäuschung. Er hat nun auch mit sich selbst viel mehr zu tun als bei den vergangenen Weltmeisterschaften.

          Und so bleibt nun schon vor dem zweiten Gruppenspiel die Frage, ob es tatsächlich genügt, wenn die Weltmeister wieder besser spielen. Oder ob das Team nicht etwas braucht, um es mit Lahms Worten zu sagen, das Neues entstehen lässt. Das gewisse Etwas, das die Weltmeister auf ihrem langen Weg verloren haben.

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