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WM-Test gegen Saudi-Arabien : Zwischen Todesurteilen und Öffnungsprozess

  • Aktualisiert am

Der DFB-Teammanager Oliver Bierhoff im Trainingslager in Eppan. Rechts neben ihm sitzt DFB-Schatzmeister Stephan Osnabrügge. Bild: dpa

Der letzte WM-Test der deutschen Weltmeister gegen Saudi-Arabien ist sportlich von geringem Wert und politisch brisant. Der DFB spürt einen gewissen Rechtfertigungsdruck. Dieser kommt nicht von ungefähr.

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          Oliver Bierhoff brachte die Frage vor wenigen Tagen nur kurz in Verlegenheit, dann antwortet er gewohnt souverän. „Die Botschaft in Riad und das Auswärtige Amt haben uns zugeraten“, sagt der DFB-Direktor Nationalmannschaft unlängst über den letzten WM-Test der deutschen Nationalmannschaft an diesem Freitag (19.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Länderspielen und in der ARD) in Leverkusen gegen Saudi-Arabien.

          Sportlich ist die Begegnung für Bundestrainer Joachim Löw von geringem Wert, die „Grünen Falken“ sind als Nummer 67 der Weltrangliste nach Gastgeber Russland (70) zweitschwächster aller WM-Teilnehmer. Angesichts der Menschenrechtslage in Saudi-Arabien ist die Gegnerwahl zudem politisch umstritten. Bierhoff verweist nach den Gesprächen mit den höchsten Stellen auf einen „Öffnungsprozess“ im Königreich, „den wir mit Bildern aus einem Familienstadion fördern wollen, wo selbstverständlich Frauen und Kinder sitzen“. Deshalb wird man sich beim DFB wohl kein Beispiel etwa an der argentinischen Nationalmannschaft nehmen, die unlängst ein Testspiel in Israel aufgrund des öffentlichen und politischen Drucks abgesagt hat.

          Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

          „Nichts davon ist per se falsch“, sagt Omid Nouripour dazu. Der außenpolitische Sprecher der Bundestags-Grünen betont aber, man dürfe „den Effekt nicht überschätzen“. Grundsätzlich sei es „nicht Aufgabe der Politik, ihre Probleme dem Sport aufzubürden“, ergänzt er: „Sie sollte kritische Punkte selbst klären und lieber Rüstungsexporte absagen als Fußballspiele, wenn sie Druck ausüben will.“

          Trotz jüngster Berichte über einen angeblichen Handelsstopp: Saudi-Arabien ist nach Angaben des Auswärtigen Amts nach den Emiraten Deutschlands zweitwichtigster arabischer Handelspartner, Deutschland seinerseits Saudi-Arabiens drittgrößter Lieferant. Und das, obwohl sich die Zahl der jährlich vollstreckten Todesurteile seit 2013 auf zuletzt 146 fast verdoppelt hat. Freie Meinungsäußerung ist nur teilweise möglich, öffentliche Religionsausübung für Nicht-Muslime verboten.

          Dennoch sei laut Auswärtigem Amt „weiterhin eine vorsichtige und graduelle Öffnung der Regierung und Gesellschaft in Bezug auf Menschenrechtsfragen erkennbar“. Das von Kronprinz Mohammed bin Salman angestoßene Reformprogramm wirke sich positiv auf die Frauenrechte aus, seit Januar dürfen Frauen Sportstadien besuchen. Das Land wolle zu einer gemäßigten Lesart des Islam zurückkehren.

          „Wir wissen um die schwierige Menschenrechtslage in diesem Land“, sagt Reinhard Grindel. Der DFB-Präsident beobachtet aber ebenfalls einen „bemerkenswerten Prozess der Öffnung“. Fußball könne keine politischen Konflikte lösen, „aber er kann Brücken bauen und Widerstände überwinden“. Grindel will mit dem saudi-arabischen Verband diskutieren, wie der Frauenfußball dort im Rahmen einer Zusammenarbeit mit dem DFB gestärkt werden kann.

          Inzwischen, sagt Sylvia Schenk, sei die Lage eine „völlig andere“ als 2015. Damals hatte die Leiterin AG Sport von Transparency International den FC Bayern für ein Testspiel in Saudi-Arabien kritisiert, das sie noch heute „völlig unnötig“ nennt. Mittlerweile habe sich im Land „zumindest ein bisschen was getan, es spricht nichts Grundsätzliches gegen ein solches Spiel in Deutschland“. Allerdings wurden erst im Mai wieder mehrere prominente Frauenrechtlerinnen verhaftet. Der Vorwurf: Hochverrat. „Wir müssen uns darauf einstellen, dass es in diesem Öffnungsprozess ein stetes Auf und Ab gibt“, sagt Schenk.

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