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Deutschland bei der WM : War’s das schon?

Toni Kroos (rechts) und Thomas Müller stehen bei der WM vor einer schweren Aufgabe. Bild: Reuters

Einiges deutet darauf hin, dass die gealterten Wohlfühl-Weltmeister trotz des Fehlstarts gegen Mexiko in der Welt der Selbsttäuschung verharren wollen. Das könnte das vorzeitige WM-Aus bedeuten.

          Es war eine knappe Viertelstunde gespielt, da setzte der Weltmeister ein Zeichen, auf das vermutlich nur ein Weltmeister von gestern kommen kann. Toni Kroos wurde von einem mexikanischen Spieler kurz vor dem eigenen Strafraum angegangen. Ein Zweikampf, der dem Weltmeister nicht schmeckte. Kroos sank, ohne Widerstand zu leisten, auf die Knie. Anstatt das Duell anzunehmen, nahm er den Ball in die Hand und forderte gebieterisch einen Freistoß für sich. Es schien, als ob Kroos in diesem Moment tatsächlich glaubte, die Regeln des Spiels selbst bestimmen zu können. Aber der Schiedsrichter wertete die Aktion als das, was sie war: als regelkonformes Duell. Und nicht als das, wofür Kroos sie offenbar hielt: für eine Majestätsbeleidigung.

          Fussball-WM 2018
          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Ungerührt entschied der Unparteiische auf Handspiel von Kroos. Aber selbst dieser Realität verweigerte sich der Weltmeister. Er baute sich vor dem Schiedsrichter auf und bot ihm die Stirn. Kroos glaubte offenbar, mit dieser Anmaßung seinen Willen doch noch durchsetzen zu können. Aber der Schiedsrichter schob Kroos, der doch eigentlich ein Anführer des Weltmeisters in Russland sein sollte, von sich wie ein störrisches Kind. Deutschland war in diesem Moment nur noch ein Anspruchsweltmeister.

          Als das Spiel vorbei war und die Deutschen den Auftakt gegen Mexiko endgültig vermasselt hatten, schwebte über Bundestrainer Joachim Löw und seinen Titelverteidigern eine Frage, die keine Szene an diesem Tag besser symbolisierte als die selbstgefällige Wirklichkeitsverleugnung, der sich Toni Kroos hingegeben hatte. Aber eben nicht nur er. Und so lautet die entscheidende Frage: Schaffen es die Weltmeister von 2014 noch, in der Realität der Weltmeisterschaft 2018 anzukommen? Oder verweigern sie sich in den kommenden Tagen und Wochen weiter dem Zusammenstoß mit einer Wirklichkeit, die ihnen nicht gefällt?

          Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

          Die ersten Zeichen deuten selbst nach diesem harten Aufprall darauf hin, dass die Wohlfühl-Weltmeister weiter in jener Welt verharren wollen, in der sie sich in den vergangenen Wochen wieder eingerichtet haben. Der Bundestrainer sagte nach der in jeder Hinsicht ernüchternden Niederlage, dass taktisch und personell alles so bleiben solle, wie es ist. „Den Plan über den Haufen schmeißen, das tun wir nicht“, sagte Joachim Löw auf der Pressekonferenz in Moskau. Und kurz darauf sendete der DFB gleich das nächste Zeichen, dass man die Konfrontation mit der harten Wirklichkeit scheut: Die Pressekonferenz mit Weltmeisterkapitän Philipp Lahm im Mannschaftsquartier wurde abgesagt, um unangenehmen Fragen aus dem Weg zu gehen. Der Zugang zum Training wurde geschlossen.

          In den vergangenen Wochen war im deutschen Quartier immer deutlicher zu spüren, wie von Tag zu Tag die inspirierende Leichtigkeit und Lockerheit des Confederations Cup aus dem Vorjahr verschwand, wie Erneuerungs- und Eroberungswille erlahmten und sich eine überwunden geglaubte Schwere und Starre über die Nationalelf legte. Der Bundestrainer, der beim Confed Cup aufgeblüht war, zog sich immer weiter in sich selbst zurück. Während des Trainingslagers lehnte er sogar Fragen zu seiner wichtigsten sportlichen Aufgabe ab: der Kadernominierung. Selbst mit Bundesligaklubs kommunizierte der Bundestrainer vor wichtigen Personalentscheidungen nicht mehr. Der Eindruck von Abgehobenheit, der sich mit dem Confed Cup verflüchtigt hatte, kehrte vor der WM wieder zur Nationalelf zurück. Von der Abschottung, die man beim DFB dann vor allem mit Mesut Özil und Ilkay Gündogan in Sachen Erdogan praktizierte, ganz zu schweigen.

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