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DFB-Team bei der WM : Die deutsche Entdeckung der Geschwindigkeit

Wenn Marco Reus anzieht, ist er kaum mehr zu halten. Bild: dpa

Der deutschen Mannschaft fehlt es im Vergleich zu anderen Nationen nicht an Erfahrung. Doch erst mit den Tempomachern Reus, Werner und Rüdiger kommt das DFB-Team gegen Schweden einen Schritt voran.

          Der DFB mag mit seinem Analysetool zwar akribisch alle Daten sammeln – über die jeweiligen Gegner und natürlich über das eigene Personal. Trotzdem findet sich die richtige Aufstellung oft erst während eines Turniers, und das scheint sich auch trotz des mittlerweile so gläsernen Athleten noch nicht geändert zu haben. Eines schien nämlich nach der ersten Woche offenkundig – der deutschen Mannschaft fehlte es im Vergleich zu den anderen Nationen nicht an Erfahrung, aber deutlich an Dynamik und vor allem an Sprintgeschwindigkeit. Und dass sich dies in der womöglich schon entscheidenden Partie gegen Schweden änderte, lag nicht nur an der verbesserten Einstellung der deutschen Mannschaft. Bundestrainer Joachim Löw hatte auch ganz einfach mehr Geschwindigkeit auf den Platz gebracht. Und das sollte sich auszahlen – auch bei beiden Toren.

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          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Er sei eine Rakete, hatte Löw während des Trainingslagers in Eppan gesagt und Marco Reus gemeint. Dass der Dortmunder trotzdem beim WM-Auftakt gegen Mexiko zunächst zusehen musste, hatte für Verwunderung gesorgt. Schließlich verbindet Reus seine Geschwindigkeit auch noch mit Torgefahr und vor allem mit Spielübersicht, ist nicht nur ein Vollstrecker, sondern auch ein Vorbereiter, der zudem mit seinen Läufen Raum für die Mitspieler schafft. Kevin-Prince Boateng etwa, der Führungsspieler von Eintracht Frankfurt, brachte seine Überraschung über den Verzicht von Reus in der Startaufstellung gegen Mexiko kurz nach Spielbeginn in einem einfachen Tweet unter und traf mit seinem Twittereintrag genau das, was fast jeder dachte: „Reus?????????????“.

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          Am Samstag wurden die Fragezeichen ausgeräumt, zwar noch nicht in ihrer Fülle durch Ausrufezeichen ersetzt, aber nach dem ersten kompletten WM-Spiel in der Karriere des so oft verletzt fehlenden Dortmunders scheint eines gewiss: Der als „Man of the match“ ausgezeichnete Spätberufene, der sein erstes Turnierspiel in der Startaufstellung seit dem EM-Viertelfinale 2012 machte, dürfte im nächsten Spiel gegen Südkorea ebenso gesetzt sein wie Timo Werner. Der Leipziger, ursprünglich im System von Joachim Löw als zentrale Spitze vorgesehen, war in der zweiten Halbzeit wegen der Einwechslung des Stoßstürmers Mario Gomez auf den linken Flügel ausgewichen und zum Schrecken der schwedischen Abwehr geworden. „Er ist an jedem vorbeigesprintet“, sagte Toni Kroos, dessen umjubeltem Schlusspunkt per Freistoß ein Foul an Werner vorausgegangen war, der schon den Ausgleich von Reus mit einem schnellen Antritt an der linken Seite und der Hereingabe vorbereitet hatte.

          Ob dies der Wendepunkt in diesem Turnier für die Mannschaft gewesen sei, wurde Werner später gefragt, und der sichtlich bewegte Leipziger gab Einblicke in das Innenleben der Mannschaft, erzählte von der gedrückten Stimmung in der Pause, als kein Kopf weit über Kniehöhe gewesen sei, berichtete von der ausgelassenen Erleichterung nach der Partie, als einige im selben Raum nur noch rumschrien und andere gar nichts mehr sagen konnten. „Mir sind auf dem Platz nach dem Tor fast die Tränen gekommen, weil es so geil war“, sagte Werner ergriffen.

          Natürlich könnte man die Frage nach dem Wendepunkt auch anders verstehen – ob das deutsche Team sich nun den Anforderungen dieser WM anpasst und ebenfalls beständig mehr Tempo auf den Platz bringt. Mit Werner und Reus, der ständig die Seiten wechselte und für die schwedische Abwehr kaum zu greifen war, verfügt Löw schon einmal über zwei Offensivkräfte, die in dieser Hinsicht mithalten können – und mit Julian Brandt über eine weitere Option, über die sich nachzudenken lohnt. Der Leverkusener hätte mit etwas mehr Schussglück schon jetzt den inoffiziellen Titel als bester Joker der WM inne. In den paar Minuten Spielzeit, die ihm gegen Mexiko und Schweden vergönnt waren, traf er jeweils den Pfosten und war auf Anhieb ein belebendes Element. Dass Löw ihn gegen Schweden nicht früher in die Partie brachte als in den letzten Minuten, mag damit zu erklären sein, dass der Bundestrainer zu Beginn der zweiten Halbzeit mit Gündogan und Gomez schon zwei Spieler eingewechselt hatte. Auch so aber hätte Brandt besser früher mitgeholfen, das drohende 1:1 und damit das voraussichtliche Aus bei dieser WM zu verhindern.

          Dabei hatte sein Platz in der russischen Reisegruppe des DFB doch arg auf der Kippe gestanden. Es sei eine hauchdünne Entscheidung gewesen zwischen ihm und Leroy Sané hatte Löw bei der Kadernominierung gesagt. Dass er mit Sané freiwillig auf den besten Jungprofi der Premier League verzichtet hatte, sorgte international für Verblüffung und teilweise auch für Erleichterung bei den Gegnern. Sané hat zwar in der Nationalmannschaft noch nicht gezeigt, was ihn in der Premier League für den englischen Meister Manchester City so wertvoll macht, aber schon nach ein paar WM-Tagen wird deutlich, wie hilfreich es wäre, ihn doch dabeizuhaben. Auch Sané gilt – wie Werner – als einer, der an seinen Gegnern einfach vorbeilaufen kann, und er hätte das Tempo des Teams erhöht.

          Plötzlich steht das Stadion Kopf: Toni Kroos (links) zirkelt einen Freistoß in die Maschen. Deutschland gewinnt 2:1. Bilderstrecke

          Mehr Geschwindigkeit wagen – das könnte neben dem befreienden Gemeinschaftserlebnis durch den Volltreffer von Kroos nämlich der entscheidende Wendepunkt im Vergleich zum Auftakt gegen Mexiko werden. Dazu passt auch der Einsatz von Hummels-Vertreter Antonio Rüdiger, der mitunter zwar manch erstaunliche Schwierigkeit im Umgang mit dem Ball offenbart, der aber aufgrund seiner Athletik Löcher im Abwehrverbund sehr rasch schließen und Gegner einfach ablaufen kann. Vor allem in einer Dreierkette, die möglicherweise in den WM-Tagen von Russland auch noch eine Rolle spielen wird, käme dies besonders zum Tragen. Doch auch schon gegen Schweden fiel auf, dass Rüdiger nur selten foult und schon gar nicht deshalb, weil ihm etwa ein Gegner wegrennt. Geschwindigkeit schlägt deshalb häufig Erfahrung – der Bundestrainer muss dabei die richtige Balance finden. Gegen Schweden ist Löw dabei schon einmal einen Schritt weiter gekommen.

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